Offener Brief an die Deutsche Bahn AG

Offener BriefAn die
Deutsche Bahn AG
Konzernleitung
Potsdamer Platz 2
10785 Berlin

Sehr geehrter Herr Mehdorn,
sehr geehrte Damen und Herren,

wie wir aus der Presse erfahren, lehnt es die Deutsche Bahn AG ab, auf ihren Bahnhöfen an die Todeszüge französischer und deutscher Kinder zu erinnern, die zwischen 1942 und 1944 über das reichsdeutsche Schienennetz nach Auschwitz rollten. Etwa 11.000 verschleppte Kinder allein aus Frankreich passierten die Gleisanlagen in Saarbrücken, Mannheim, Frankfurt a.M., Fulda und Dresden, bevor sie einem grausamen Tod ausgeliefert wurden. Die genaue Zahl der Opfer anderer Nationen, die auf dem Schienenweg in die Vernichtung geschickt wurden, ist unbekannt. Es dürfte sich um mehrere Hunderttausend Menschen handeln.

Sicherlich befinden sich im Kreis Ihrer Unternehmensleitung Väter und Mütter, die das Schicksal der Deportierten nachempfinden können, wenn sie an das Leben ihrer eigenen Kinder denken. 60 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erfüllt es uns mit Trauer, Fassungslosigkeit und Entsetzen, dass sich die deutschen Massenverbrechen auch auf 11.000 Kinder und Jugendliche aus Frankreich erstreckten, die von ihrem Schienenweg in den Tod nie mehr zurückkehrten.

An diese Kinder erinnert eine Wanderausstellung auf den Bahnhöfen der französischen Staatsbahn SNCF, die der Vorstandsvorsitzende dieses Unternehmens jüngst zum Anlass nahm, im Pariser Gare du Nord die Mitverantwortung der SNCF einzugestehen.

Wir halten es für unabweisbar, dass sich die Deutsche Bahn AG als Rechtsnachfolgerin der Deutschen Reichsbahn in einem vergleichbaren öffentlichen Akt zu ihrer Mitverantwortung bei der Durchschleusung von Todestransporten nach Auschwitz und zu anderen Vernichtungsstätten anlässlich des bevorstehenden Jahrestages der KZ-Befreiung bekennt. Für ebenfalls notwendig halten wir die Präsentation der Ausstellung auf den betroffenen deutschen Personenbahnhöfen.

Repräsentantin der Ausstellungsorganisatoren (,,Fils et Filles des Juifs Déportés de France"/F.F.D.J.F.) ist Madame Beate Klarsfeld (Paris).

Eine Marginalisierung der Erinnerung durch Verweis des Ausstellungsgedenkens in das Bahnmuseum Nürnberg lehnen wir ab. Eine solche Präsentation wäre unangemessen, weil nur einer beschränkten Öffentlichkeit zugänglich. Wir möchten Sie bitten, eine in sämtlichen Teilen der Bundesrepublik wahrnehmbare Darstellung des Schicksals der 11.000 Kinder und der übrigen Deportierten im Fahrgastbereich Ihres Unternehmens noch im Laufe dieses Jahres zu ermöglichen. Für diesen Fall bieten wir unsere Unterstützung an.

Gleichzeitig rufen wir dazu auf, in den betroffenen Bahnhofsstädten sowie an anderen Orten Aktionskomitees zu bilden, um das Gedenken an die über deutsche Gleisanlagen verschleppten Menschen, darunter 11.000 Kinder aus Frankreich, anlässlich des bevorstehenden Jahrestages der Häftlingsbefreiung im KZ Auschwitz angemessen, würdig und entschlossen durchzusetzen.

Wir hegen die Hoffnung, dass Sie dieser Initiative beitreten können, und stehen für Rückfragen jederzeit zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

gez.
Prof. em. Dr. Martin Bennhold (Universität Osnabrück)
Tatjana Engel (Lehrerin)
Lothar Evers (Support for Survivors of Nazi Persecution International)
Prof. Dr. Gudrun Hentges (Fachhochschule Fulda)
Anne Klein (Historikerin)
Hans-Rüdiger Minow (Regisseur)
Bernhard Nolz (Träger des Aachener Friedenspreises)
Andreas Plake (Sozialwissenschaftler)
Prof. em. Dr. Wolfgang Popp (Universität Siegen)
John Rosenthal (Publizist)
Christoph Schwarz (Lehrer)

Unterschriften:
elftausendkinder@web.de .