„Politische Männlichkeit“ und Rechtsextremismus

Von Armin Pfahl-Traughber
11.01.2021 -

Die Journalistin Susanne Kaiser behandelt in ihrem Buch „Politische Männlichkeit“ das Aufkommen einer frauenfeindlichen Bewegung. Deutlich werden dabei immer wieder Anschlusspotentiale zur extremistischen Rechten. Die Autorin sieht hier gar die Gefahr eines neuen Terrorismus, was etwa Gewalthandlungen in den USA veranschaulichen.

Dass Frauen erfolgreich ihre Rechte einfordern, hat bei manchen Männern zu Verlustängsten geführt. Sie sehen ihre Dominanzrolle gefährdet, was mitunter in Frauenhass umschlagen kann, wenn auch nicht muss. Derartige Entwicklungen vollziehen sich schon seit Jahren, werden aber erst jüngst stärker etwa bezogen auf das Incel-Phänomen zum Thema. Die Bezeichnung steht für „Involuntary celibate“, also ungefähr „unfreiwillige Zölibatere“. Da sie keine Beziehung zu einer Frau haben, schlägt diese Erfahrung in Hass um.

Dabei handelt es sich indessen nicht um das einzige antifeministische Phänomen, wie in dem Buch „Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen“ veranschaulicht wird. Geschrieben hat es die Journalistin Susanne Kaiser. Die Autorin will darin zum Thema einen Überblick liefern. Sie betont dabei immer wieder, dass es hier nicht nur um psychische Defekte von männlichen Individuen geht. Die gemeinten Akteure hätten durchaus auch einen politischen Anspruch und sollten ebenso gesehen werden.

„Organisierte Misogynie“ als politisches Phänomen

Das Buch beginnt mit dem in Halle geplanten Massenmord in einer Synagoge. Stephan Balliet hatte nicht nur antisemitische Einstellungen, er war auch von Elementen der Incel-Ideologie geprägt. Für Kaiser handelt es sich um ein Phänomen, das eben nicht nur eine männliche Selbsthilfegruppe sei, sondern mitunter zum frauenfeindlichen Terrorismus übergegangen wäre. Anschläge auf Frauen als Frauen insbesondere in den USA veranschaulichen dies. Für die Autorin handelt es sich auch um „organsierte Misogynie“, was für einen gegen Frauen bestehenden krankhaften Hass von Männern steht.

Die sich hier gekränkt Glaubenden würden sich in einer digitalen „Mannosphäre“ bewegen. Danach geht es um die ideologische Ausrichtung dieser Misogynen, welche eben auf die gesellschaftlichen Änderungen der Geschlechterrollen reagierten. Aus gekränkten Ansprüchen würden neue Männlichkeitsbilder entstehen, was mit einer Politisierung einhergehe. Diesen Aspekt betont die Autorin immer wieder als bedeutsame Botschaft, eben „Politische Männlichkeit“.

Diskurse um „politische Männlichkeit“ bei den Rechten

Bezogen auf die Ideologie werden von ihr auch einschlägige intellektuelle Protagonisten behandelt, wozu etwa Jack Donovan und Jordan Peterson gehören, deren deutschsprachige Buchausgaben auch im Kontext der Neuen Rechten kursieren. Damit zeigt sich das, was mit „Politische Männlichkeit“ im Titel zu verstehen ist. Deutlich wird eine gewaltförmige wie ideologische Komponente. Gleichzeitig könne man von einer „politischen Männlichkeit“ sprechen. Was damit in den Diskursen der politischen Rechten gemeint ist, wird an vielen Beispielen veranschaulicht.
Dabei kann nicht verwundern, dass immer wieder auch AfD-Politiker als Beispielen herangezogen werden. Die mittlerweile entstandene Anti-Gender-Bewegung verfüge auch über Netzwerke und Strategien. Kurz geht die Autorin auf deren Finanzierung ein. Und dann wird in einem längeren Abschnitt noch deutlich, dass sich ebenso Frauen in diesen Milieus als „Postergirls“ bewegen. Abschließend deutet die Autorin diesen antifeministischen Biologismus als demokratiefeindliche Bestrebung.

Informative journalistische Überblicksdarstellung

Das Buch will aus journalistischer Perspektive einen Überblick liefern. Diesen Anspruch sollte man im Hinterkopf behalten, wenn es um die Einschätzung der Monographie geht. Sie trägt eine Fülle von Informationen über ein als neu geltendes Phänomen vor. Genau darin bestehen die Vorzüge. Es werden auch Gefahrenpotentiale und Politisierungstendenzen herausgearbeitet. Und die Autorin betont zutreffend, dass es sich gegenüber der Frauenemanzipation um eine Gegen-Bewegung in einem reaktionären Sinne handelt.

Indessen dominiert eine Darstellungsweise, die einzelne Erscheinungsformen jeweils thematisiert, aber dann nicht systematisch typologisiert. Es gibt keine systematisch entwickelten Analysekriterien, was sich etwa bei der Arbeit mit dem Terrorismusverständnis zeigt. Dieses ist gar nicht an eine „Führerschaft“ gebunden, wie Kaiser meint. Insofern kann man auch die gemeinte Entwicklung etwa einem „Single Issue“-Terrorismus zuordnen. Indessen sind auch mit dem Rechtsextremismus zahlreiche Schnittmengen vorhanden.

Susanne Kaiser, Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen, Berlin 2020 (Suhrkamp-Verlag), 269 S., 18  Euro

Erschienen in: Rezensionen
StichworteIncel-Bewegung