„Wir für Deutschland“ auf dem Rückzug?

Von Theo Schneider
12.11.2018 -

Eine rechtsorientierte Provokation zum 9. November floppte in Berlin. Mangelnde Resonanz sorgt für Frust bei den Organisatoren, die fortan keine Aufmärsche mehr durchführen wollen.

Frustriert, die WfD-Protagonisten Hönicke und Stubbe auf der Berliner Veranstaltung; Photo: Th.S.

Die kalkulierte Provokation der extrem rechten Gruppe „Wir für Deutschland“ (WfD) ging nur teilweise auf. Zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht wollte der Zusammenschluss um Kay Hönicke und den ehemaligen „pro-Deutschland“-Funktionär Enrico Stubbe einen so genannten „Trauermarsch für die Toten von Politik“ in der Hauptstadt durchführen. Im Vorfeld sorgte die Ankündigung nicht nur für Empörung, sondern zeitweilig auch für ein Verbot des Aufmarschs und dementsprechende Medienöffentlichkeit. Soviel Aufmerksamkeit wurde den Veranstaltungen von WfD selten zuteil. Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) begründete das Verbot damit, dass die „Vorstellung, dass Rechtsextremisten am 80. Jahrestag der Reichspogromnacht – womöglich noch in der Dunkelheit mit brennenden Kerzen – durch das Regierungsviertel marschieren“ unerträglich sei. 

Juristisch war das Verbot allerdings nicht haltbar. In beiden Instanzen vor dem Verwaltungsgericht bekamen die Rechten recht. „Allein die Zusammensetzung des erwarteten Teilnehmerkreises und dessen bloßes Auftreten reichten nicht aus, das Verbot zu erlassen, auch wenn die Wahl des Tages als Versammlungstermin von vielen Bürgern als unpassend und mit dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus unvereinbar wahrgenommen werden könne“, argumentierte das Berliner Oberverwaltungsgericht. Insofern war den extremen Rechten die Provokation gelungen.

Symbole von „Identitären“, „III. Weg“ und NPD

Der eigentliche Veranstaltungstag sorgte dann aber für gehörigen Frust bei WfD. Entgegen der angemeldeten 250 Teilnehmer – Hönicke ging in seinen Live-Videos sogar von mehr aus – kamen gerade einmal etwas über 100 Personen. Unter den Teilnehmenden waren Symbole der „Identitären“, vom „III. Weg“ sowie der NPD zu sehen, namentlich bekannte Anhänger dieser Gruppierungen blieben allerdings die Ausnahme. Der Anmelder der wöchentlichen „Bärgida“-Aufmärsche Karl Schmitt und Jens Irgang, Vorsitzender der Neuköllner NPD, von der sich kürzlich laut Aussagen auf ihrer Facebook-Seite die „Freien Kräfte Neukölln“ abgespalten haben sollen, waren noch die bekannteren Protagonisten. 

Mehrere Anhänger einer Gruppierung namens „Soldiers of Odin“, deutlich erkennbar an ihren bedruckten Oberteilen, waren zwar extra aus Dresden und Mecklenburg-Vorpommern angereist, die Resonanz aus der Szene blieb aber überschaubar. Dem gegenüber standen mehrere tausend Gegendemonstranten, die mit verschiedenen Versammlungen zum Auftaktort der Rechten gezogen waren und mit Licht und Lautstärke dem braunen Spuk, der in einer dunklen Ecke am Berliner Hauptbahnhof zusammenkam, optisch und akustisch deutlich überlegen waren. Zu allem Überfluss war Anmelder Stubbe vor Aufmarschbeginn von Unbekannten überfallen und zusammengeschlagen worden. Er kam direkt aus dem Krankenhaus mit großem Pflaster auf der Stirn zum Auftaktort. 

„Der Widerstand ist sinnlos geworden in Deutschland“

Obwohl sich Hönicke und Stubbe während des Aufmarschs noch kämpferisch gaben und dem Innensenator Geisel mit Demonstrationen vor dessen Haustür drohten, setzte sich zwei Tage später offenbar auch bei ihnen die ernüchternde Erkenntnis des eigenen Scheiterns durch: Kay Hönicke verkündete in einem Live- Video auf Facebook, „dass wir von WfD keine Demonstrationen mehr durchführen werden“. Ein für Anfang März 2019 angekündigter Aufmarsch sei bereits wieder abgesagt worden. „Es ist sinnlos, der Widerstand ist sinnlos geworden in Deutschland. Die Leute sind nicht bereit auf die Straße zu gehen. Von daher, nach mir die Sintflut“, so ein sichtlich frustrierter Hönicke. Man wolle „nicht mehr von der Antifa angeschrien werden“ und auch nicht weiter „im Kreis laufen“ und „sinnlos rufen ‚Merkel muss weg‘“, sagte der Mitorganisator der gleichnamigen Berliner Aufmarschreihe. (bnr.de berichtete)

Auch der Angriff auf Stubbe dürfte sein Übriges getan haben: „Wir haben keine Lust mehr, uns in persönliche Konflikte zu bringen und den Kopf hinzuhalten für irgendwelche Leute, die hier im Livestream zusehen.“ Er geht sogar so weit und erklärt resignierend: „Merkel hat uns besiegt. Das müssen wir nun akzeptieren.“

Rückzieher ist zweifelhaft

Vermutlich dürfte neben einer erneuten Schlappe auf der Straße auch ein finanzieller Aspekt hinzukommen. Unter nahezu jedem Beitrag in sozialen Netzwerken bettelte der rechte Verein um Spenden. Die Resonanz darauf war dem Vernehmen nach aber mehr als überschaubar, weswegen die Mittel für weitere Aktionen fehlen würden. Knapp einen Monat zuvor wähnte sich WfD nach dem Aufmarsch zum 3. Oktober (bnr.de berichtete) noch auf einem Höhenflug. Man war mit einer vierstelligen Anzahl an Teilnehmern durch Berlin gezogen und plante für das kommende Jahr einen Demonstrations-Marathon. Sogar eine „patriotische Kneipe“ sollte eröffnet werden. Insofern wirken die WfD-Protagonisten mit ihrem Rückzieher ziemlich sprunghaft und hinterlassen Zweifel, ob sie wirklich dauerhaft hinwerfen werden.

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