Wieder Rechtsrock in Themar

Von Kai Budler
13.08.2019 -

Nach dem Misserfolg des braunen Open Airs „Tage der nationalen Bewegung“ Anfang Juli im südthüringischen Themar kündigen die Veranstalter dort für Mitte September ein weiteres zweitägiges Rechtsrock-Spektakel an.

Erneutes Rechtsrock-Konzert in Themar als Drohkulisse? Photo (Archiv): K.B.

Bereits unmittelbar nach der Beendigung der „Tage der nationalen Bewegung“ hatte der Südthüringer Neonazi Tommy Frenck erklärt, eine Fortsetzungsfeststellungsklage gegen einige Entscheidungen und Verfügungen gegen das braune Open Air in Themar beantragen zu lassen. Unterdessen meldete der Bundesorganisationsleiter der NPD. Sebastian Schmidtke, für Mitte September ein weiteres zweitägiges Rechtsrock-Festival an. (bnr.de berichtete) Es ist offenbar eine direkte Reaktion auf die durchgesetzten Auflagen und Maßnahmen wie zum Beispiel das Alkoholverbot Anfang Juli. Frenck kündigte bereits an, dass es noch in diesem Jahr eine weitere „Kundgebung“ geben werde, „bis gewisse Leute lernen, auch andere Meinungen zu tolerieren“.

Obwohl das Spektakel am 13. und 14. September als „politische Veranstaltung“ angemeldet wurde, ist die Liste der dafür nötigen Redner mit vier Personen erstaunlich kurz, auch wenn es heißt „weitere werden noch bekannt gegeben“. Neben Frenck und Schmidtke werden lediglich Enrico Herman und Sebastian Wrobel aufgezählt, die im Mai für Frencks extrem rechte Liste „Bündnis Zukunft Hildburghausen“ (BZH) in Kommunalparlamente in Themar und Straufhain im Landkreis Hildburghausen einzogen. In Themar hatte das BZH 14,9 Prozent der Wählerstimmen und damit zwei Sitze im Stadtrat erzielt, in Straufhain erhielt der BZH-Kandidat Wrobel 7,3 Prozent der Stimmen und einen Sitz im Gemeinderat.

Mehrere „Liedermacher“ am Freitagabend

Anders sieht es bei den angekündigten Auftritten aus dem Rechtsrock-Spektrum aus. Mindestens zehn braune Liedermacher und Bands werden für beide Tage namentlich aufgezählt, für Samstag, den 14. September, ist noch die Rede von zwei weiteren nicht namentlich genannten Formationen. Der Freitagabend wird von „Liedermachern“ aus der rechtsextremen Szene gestaltet. Darunter befindet sich Axel Schlimper, ehemaliger Gebietsleiter Thüringen des im Juni 2017 aufgelösten Holocaust-Leugner-Netzwerks „Europäische Aktion“. Schlimper trat erstmals Anfang 2015 bei den Aufmärschen der extrem rechten Bewegung „Südthüringen gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Sügida) mit seiner Gitarre auf. Später spielte er mit dem braunen Barden Frank Rennicke und bei Festivals wie dem „Eichsfeldtag“ zusammen mit der Aktivistin Angela Schaller. Auch in Frencks Gaststätte „Zum goldenen Löwen“ war Schlimper im Januar 2018 zu einem „Balladenabend“ zu Gast.

Ein weiterer „Liedermacher“ am Freitagabend ist der 1982 geborene Mirko Szydlowski, der unter dem Künstlernamen „Barny“ auftritt und ursprünglich aus Jena stammt. Nach seiner Zeit in der Rechtsrock-Band „Blutstahl“ aus dem „Blood&Honour“-Netzwerk legte er sein erstes Debüt-Album beim sächsischen Label „Opos“ vor. Als Gitarrist ist er immer wieder für zahlreiche andere rechte Formationen tätig und tritt international vor allem auf Konzerten der „Hammerskins“ auf. Szydlowski war im Umfeld der „Kameradschaft Jena“ tätig und mit dem späteren NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben vertraut. Seine Band „Blutstahl“ propagierte in ihrer Musik den bewaffneten Kampf.

„Kraftschlag“ und „Sturmwehr“ am Samstag

Ebenfalls aus Thüringen kommt Tobias Winter, der in Themar als „Liedermacher“ unter dem Namen „Der Bienenmann“ auftritt und dem „Freien Netz“ (FN) aus der Region Jena und Kahla entstammt. Nach ersten Auftritten mit Akkordeon 2009 musiziert er seit 2011 auch überregional bei Neonazi-Musikveranstaltungen. Seit 2013 tritt Winter auch bei internationalen Konzerten von „Blood&Honour“ auf, mit Szydlowski und einem weiteren Musiker war er auf einem von Thüringer Neonazis organisierten „Balladenabend zu Ehren von Ralf Wohlleben“ im März 2013 zu Gast. Erst im vergangenen Jahr trat Winter bei einer Ersatzveranstaltung für das untersagte „Rock gegen Überfremdung“-Event in Frencks Gaststätte in Kloster Veßra auf.

Am Samstag, dem zweiten Tag des Rechtsrock-Festivals auf der Wiese bei Themar, sind dann „Flak“, der schon auf der Liste für Freitagabend steht, und sieben Combos namentlich angekündigt. Dazu gehört die international bekannte „White Power“-Band „Kraftschlag“ um den Sänger Jens-Uwe Arpe, die sich nach eigenen Angaben nach ihrer 30-jährigen Geschichte im vergangenen Jahr auflösen wollte. (www.bnr.de berichtete) In ihrem Song „Klansman“ hatte „Kraftschlag“ den „Ku Klux Klan“ als Vorbild beworben und im Lied „Scheiss Punks“ zur Tötung von Punkern aufgerufen. Dort heißt es: „Sein Kiefer zerschmettert durch die Doc-Stahlkappe. Er blutet durch den Schädel und bewegt sich noch, da tret‘ ich noch mal rein mit meinem 14. Loch.“ Bei ihrem Auftritt beim NPD-Open Air „Eichsfeldtag“ im thüringischen Leinefelde 2015 bedrohten Arpe und andere Bandmitglieder unter den Augen der Polizei anwesende Journalisten.

Neonazi-Band mit Bezug zu „Blood&Honour“

Zu den Urgesteinen des deutschen Rechtsrocks gehört auch die Band „Sturmwehr“, die ebenfalls in Themar auftreten soll. Im Mai 2019 gab Sänger Jens Brucherseifer in Frencks Gaststätte „Zum goldenen Löwen“ in Kloster Veßra mit einem Gitarristen ein Akustikkonzert, um später als Trio mit E-Gitarre und Schlagzeug zu spielen. Bei den „Tagen der nationalen Bewegung“ im Juli 2019 gehörte „Sturmwehr zu zwei Bands, deren Auftritte vorzeitig beendet wurden. Dazu zählte auch die Gruppe „Unbeliebte Jungs“ aus Südthüringen, die für den Samstag im September erneut angekündigt wird. Das Thüringer Innenministerium bezeichnet „Unbeliebte Jungs“ als Neonazi-Band mit Bezug zu „Blood&Honour“, in der aktive und ehemalige Mitglieder des in Deutschland verbotenen Netzwerks spielen.

Zu den angekündigten Acts zählen auch „Burning Hate“ aus Bayern, die im vergangenen Jahr beim Neonazi-Festival „Schild & Schwert“ im sächsischen Ostritz auftraten, und die finnische Rechtsrock Band „Mistreat“, der Kontakte zu den „Hammerskins“ und „Blood&Honour“ nachgesagt werden. Sie hatte im Juli 2018 in Südfinnland ihr 30-jähriges Bestehen gefeiert und war dabei von „Barny“ alias Mirko Szydlowski begleitet worden. Auch die kanadische Rechtsrock-Band „Stonehammer“ um den langjährig aktiven Neonazi David Allan Surette alias „Griffin“ soll auf der Bühne stehen. Surette ist „Ehrenmitglied“ der Neonazi-Gruppierung „Vandalen“, der auch der ehemalige Sänger der verbotenen Band „Landser“ Michael Regener lange Zeit als führendes Mitglied angehörte. Beide hatten schon Ende der 90er Jahre guten Kontakt, als Surette die „Landser“-Musiker bei ihren Aufnahmen in einem Studio in Amerika besucht hatte.

Keine Eintrittskarten im Vorverkauf

Frenck und Schmidtke reagieren mit ihrem geplanten Festival offenbar als Drohkulisse auf Strategien des Thüringer Innenministeriums, die besonders bei den „Tagen der nationalen Bewegung“ in Themar zu Behinderungen und beim „Rock gegen Überfremdung III“ in Mattstedt gar zur Absage geführt hatten. Vermeintlich selbstbewusst erklärt Frenck, „wann und wo sich freie Deutsche versammeln, Reden schwingen und Musik mit politischen Texten hören, bestimmen wir und niemand anderes!“. Vorsichtshalber aber verzichten die Organisatoren im September auf Eintrittskarten im Vorverkauf. Stattdessen heißt es: „Ihr könnt einfach so hingehen und etwas am Eingang spenden, wenn ihr die Kundgebung unterstützen möchtet“. Ein Schritt, der offensichtlich eine Reaktion auf die Auflagen und Kontrollen aus dem Juli in Themar ist. Dort hatte ein Finanzbeamter peinlich genau darauf geachtet, wie viel Geld die Veranstalter über den Verkauf von Eintrittskarten einnahmen.

Nach Angaben der „Mobilen Beratung in Thüringen“ (Mobit) fanden in Kloster Veßra und Themar im vergangenen Jahr 22 Musikveranstaltungen der braunen Szene statt. Damit sind die „Konzertwiese“ in Themar und Frencks Gaststätte „Zum goldenen Löwen“ die Hot Spots der Rechtsrock-Konzerte in Thüringen. Landesweit zählte Mobit im vergangenen Jahr 71 rechtsextreme Musikveranstaltungen. Damit gab es 2018 an fast jedem fünften Tag in Thüringen eine Veranstaltung mit Hass-Musik. Nach Angaben von Mobit steigt die Zahl entsprechender Konzerte in Thüringen seit 2015 kontinuierlich an.