Wer wählte warum die AfD in Thüringen?

Von Armin Pfahl-Traughber
30.10.2019 -

Bei der Landtagswahl im Freistaat hat die „Alternative für Deutschland“ ihren Stimmenanteil verdoppelt. Die hohen Stimmengewinne und eine über ihre Wählerschaft hinausgehende festgestellte Wertschätzung in der Bevölkerung deuten an, dass die AfD zunehmend als etablierte Wahlpartei gelten kann.

Die AfD ist in Thüringen zweistärkste Partei geworden und hat elf Direktmandate erzielt; (Screenshot)

Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) erhielt bei den Landtagswahlen in Thüringen am 27. Oktober 2019 23,4 Prozent der Stimmen, womit sie ihr Ergebnis bei der vorherigen Landtagswahl mehr als verdoppeln konnte. Dazu zunächst der genaue Blick auf die Daten: Sie erhielt 242.230 Erststimmen, was 22 Prozent ausmachte, und 259.359 Zweitstimmen, was 23,4 Prozent bedeutete. 2014 waren es 10,6 Prozent der Zweitstimmen, insofern gab es ein Plus von 12,8 Prozent der Stimmen. Damit gelang der AfD auch in diesem Bundesland ein enormer Wahlerfolg, wenngleich sie nicht wie erhofft, die 25 Prozent-Marke überschreiten oder stärkste Partei werden konnte.

Das Ergebnis ist aus unterschiedlichen Gründen von großer Relevanz. Denn mit Björn Höcke wird der Landesverband von einen politisch weit rechtsstehenden AfD-Politiker angeführt. Höcke ist auch durch seine Äußerungen immer wieder in den Medien präsent gewesen. Demnach konnte jeder AfD-Wähler genau wissen, wem er letztendlich seine Stimme gibt.

Kontinuität in der Wählerzusammensetzung

Einige Auskünfte über die Motivation und Sozialstruktur der Wählerschaft liegen vor, können sie doch aus den Daten von infratest dimap und der Forschungsgruppe Wahlen abgeleitet werden. Dabei lassen sich bis auf Ausnahmen kaum Besonderheiten konstatieren, ergibt sich doch eine Kontinuität in der Wählerzusammensetzung. Dies macht der Blick auf Gruppen deutlich, die entweder über- oder unterdurchschnittlich für die AfD votierten. Bezüglich der Auffälligkeiten sei noch einmal daran erinnert, dass der Durchschnitt in 23,4 Prozent der Stimmen bestand. Erneut zeigte sich, dass die AfD mit 28 Prozent mehr von Männern als von Frauen mit 18 Prozent gewählt wurde. Auch bezüglich der Altersverteilung zeigte sich erneut, dass mit 17 Prozent die über 60-Jährigen unterdurchschnittlich für die Partei votierten. Die 18 bis 24-jährigen Wähler lagen mit 23 Prozent im Durchschnitt. Die anderen Altersgruppen wählten überdurchschnittlich die AfD, 27 Prozent der 25 bis 34-Jährigen, 30 Prozent der 35 bis 44-Jährigen und 26 Prozent der 45 bis 59-Jährigen.

Auch bei den Berufszugehörigkeiten und der Bildung gab es keine Überraschungen. Arbeiter stimmten zu 29,1 Prozent, Angestellte zu 18,6 Prozent, Beamte zu 14,1 Prozent, Selbständige zu 26,1 Prozent und Landwirte zu 19,1 Prozent für die „Alternative für Deutschland“. Bemerkenswert ist, dass der Anteil der Arbeitslosen nicht überproportional hoch war. Denn letztere votierten zu 29,8 Prozent für die AfD, während es bei den Berufstätigen mit 27,1 Prozent nur geringfügig weniger Wähler waren.

Höher Gebildete zu 16 Prozent für die AfD votiert

Angesichts der Angaben zum Alter verwundert nicht, dass es bei den Auszubildenden lediglich 12,8 Prozent und bei Rentnern nur 15,1 Prozent waren. Die Anteile der mittel und niedrig Gebildeten lagen mit 28 und 27 Prozent dicht beieinander, während die höher Gebildeten nur mit 16 Prozent für die Partei votierten. Auffällig war zuletzt, dass die AfD mehr von Gewerkschaftsmitgliedern als Nicht-Gewerkschaftsmitgliedern gewählt wurde. In Thüringen verhielt es sich aber leicht umgekehrt. 22,6 Prozent der Gewerkschaftler und 23 Prozent der Nicht-Gewerkschaftler stimmten für sie.

Beachtenswert ist außerdem, woher die AfD-Stimmen kamen. Sie erhielt 78.000 Stimmen von früheren Nichtwählerinnen und wählern, 36.000 Stimmen von der CDU, 16.000 Stimmen von der Linken, 7.000 Stimmen von der SPD und 1.000 Stimmen von den Grünen. Da Die Linke ansonsten hohe Gewinne zu verzeichnen hatte, fällt die hohe Abwanderung in AfD-Richtung auf. Auch Einschätzungen zur persönlichen wirtschaftlichen Lage sind interessant. Danach wählten die Unzufriedenen zu 35 Prozent, die Zufriedenen nur zu 21 Prozent die Partei. Zwar besteht hier eine auffällige Differenz, sie ist aber nicht so hoch, wie viele Vermutungen suggerieren. Angst um den Erhalt des Lebensstandards hatten 31 Prozent aller und 50 Prozent der AfD-Wähler/innen. Auch hier besteht bei diesen ein höherer Anteil, er ist aber ebenfalls nicht so bedeutsam wie es gelegentlich erwartet wird. Dies legt nahe, dass die angebliche oder reale sozio-ökonomische Lage zwar durchaus bedeutsam, aber letztendlich nicht so relevant oder gar zentral für das AfD-Votum war.

69 Prozent die AfD wegen der politischen Forderungen gewählt

Damit deutet sich an, dass eine frühere Hypothese durch derartige Resultate mehr bestätigt wird. Nach dieser kommt den politischen Einstellungen auch ein höherer Stellenwert zu.  Von den AfD-Wählerinnen und -wählern meinten hier 69 Prozent, dass sie wegen politischen Forderungen der Partei ihre Stimme gegeben hätten. Die „Denkzettel“-Deutung war schon immer eindimensional, sie findet durch die Daten auch hier tendenziell weniger Zustimmung.

Außerdem verdient Beachtung, dass die AfD in der Bevölkerung über ihre Wählerschaft hinaus Wertschätzung erfährt: 56 Prozent fanden es gut, dass die AfD etwas ausspreche, was andere Parteien nicht sagen dürften. 39 Prozent meinten, sie sei wie die anderen im Bundestag vertretenen Parteien eine demokratische Partei. Und 34 Prozent schätzten es, dass Björn Höcke kein Blatt vor den Mund nehme. Diese Daten deuten an, dass die AfD auch über die hohen Stimmengewinne hinaus zunehmend als etablierte Wahlpartei gelten kann. Dazu passt, dass 11 ihrer 22 Abgeordneten auch direkt gewählt wurden.

Höckes Beliebtheitswerte unter denen der Partei

Dies ist ein bedeutsamer Erfolg für Höckes Landesverband, indessen aber nicht für ihn als Person. Das machen Daten zu seiner Einschätzung auch von der eigenen Wählerschaft deutlich. Höckes Beliebtheitswerte liegen eindeutig unter denen der Partei. So hatte Björn Höcke als Spitzenkandidat mit plus 0,7 bei den eigenen Wählerinnen und Wählern den geringsten Wert, vergleicht man hier die Daten zu den Kandidaten der anderen Parteien mit der Zustimmung für ihn. Das gilt auch beim vergleichenden Blick auf andere Landesvorsitzende, wo AfD-Anhänger/innen weitaus stärker ihre Zufriedenheit äußerten. Bei Andreas Kalbitz in Brandenburg lag sie bei 53 Prozent, bei Jörg Urban in Sachsen bei 50 Prozent und bei Höcke nur bei 42 Prozent.  Da die beiden Genannten auch dem „rechten“ „Flügel“ angehören, hat dies nichts mit deren möglicher Mäßigung zu tun. Demnach muss der Erfolg des Landesverbandes nicht für eine Einflusserweiterung von Höcke sprechen. Insofern dürfte er wohl nicht für den Bundesvorsitz kandidieren, fehlt ihm doch zum Erfolg gegenwärtig die „Hausmacht“.

Offenbar noch weiteres Potenzial für die AfD

Höcke erlangte übrigens auch kein Direktmandat. Im Wahlkreis Eichsfeld I holte er um die 21 Prozent, der CDU-Kandidat fast 49 Prozent. Diese Aspekte in Kombination miteinander gesehen, lassen einen Bedeutungsrückgang in der Partei vermuten. Denn angesichts vieler eindeutig rechtextremer Bekundungen ist er immer mehr zu einer Belastung für die sich mehr „bürgerlich“ geben wollende Parteispitze geworden. Dabei verstören allerdings eher sein persönliches Gehabe und sein öffentliches Image, nicht so sehr seine ideologische Grundposition und politische Orientierung.

Auch wenn Höcke eine Schwächung erfahren hat, hat seine Partei eine Stärkung erfahren. Sie ist zweitstärkste Partei in Thüringen geworden. In allen Altersgruppen unter 60 Jahren hat sie die meisten Stimmen erhalten. Auch die erwähnten Direktmandate stehen für eine gesellschaftliche Verankerung. Der AfD gelang es, viele ehemalige Nichtwähler zu mobilisieren. Da die angestiegene Beteiligung indessen nur bei 64,9 Prozent der Wähler lag, besteht offenbar für die Partei noch weiteres Potenzial.