Wer wählte warum die AfD in Niedersachsen?

Von Armin Pfahl-Traughber
18.10.2017 -

Die AfD-Wahlergebnisse liegen in den westdeutschen Bundesländern auf niedrigerem Niveau. Im Vergleich zur Bundestagswahl vor wenigen Wochen hat die rechtspopulistische Partei bei der Landtagswahl in Niedersachsen rund 45 Prozent ihrer Wählerschaft eingebüßt. Dies lässt darauf schließen, dass die AfD zumindest nicht auf dem hohen Bundestagswahlergebnis als etablierte Wahlpartei gelten kann.

Die AfD wurde weit überdurchschnittlich von den wirtschaftlich Unzufriedenen gewählt; (Screenshot)

Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) erhielt bei den Landtagswahlen in Niedersachsen am 15. Oktober dieses Jahres 174.498 Erststimmen, was 4,6 Prozent entspricht, und 235.840 Zweitstimmen, was 6,2 Prozent entspricht. Damit kann die rechtspopulistische Partei bereits bei der ersten Kandidatur in das Parlament einziehen und ebendort eine Fraktion stellen. Insofern wird die AfD das Ergebnis als Erfolg verbuchen. Gleichwohl fällt auf, dass bei der Bundestagswahl am 24. September 2017, also nur wenige Wochen zuvor, um die 186.000 Wähler/innen mehr für die Partei votierten, erhielt sie doch damals in Niedersachsen 9,1 Prozent der Stimmen.

Wodurch sich dieser Rückgang erklärt, kann gegenwärtig seriös nicht gesagt werden. Zwar gab es in dem Landesverband interne Konflikte und öffentliche Skandale. Gleichwohl schreckten derartige Gegebenheiten in der Vergangenheit nicht die potenziellen Wähler/innen ab. Dies dürfe hier ähnlich gewesen sein. Es zeigt sich aber, dass die AfD zumindest nicht auf dem hohen Bundestagswahlergebnis als etablierte Wahlpartei gelten kann.

Männeranteil in der Wählerschaft doppelt so hoch

Betrachtet man bei der Niedersachsen-Wahl die Wählerschaft, so lassen sich bekannte Auffälligkeiten bezogen auf die höhere Zustimmung konstatieren. Aussagen liefern die Daten der Forschungsgruppe Wahlen und von infratest dimap. Für die Deutung der folgenden Angaben sei noch einmal auf das entscheidende Zweitstimmenergebnis von 6,2 Prozent verwiesen, was auch bezogen auf die Bundestagswahl in Gänze nur gut die Hälfte der dortigen Wählerstimmen ausmacht.

Das Geschlechterverhältnis betreffend gab es in Niedersachsen die bekannte Verteilung: Nur vier Prozent der Frauen, aber acht Prozent der Männer stimmten für die Partei. Demnach ist der Männeranteil auch doppelt so hoch. Bezogen auf das Alter gilt, dass die 25- bis 34-Jährigen und die 35- bis 44-Jährigen mit jeweils acht Prozent am stärksten und die 18- bis 24-Jährigen und die über 60-Jährigen mit fünf Prozent unterdurchschnittlich für die AfD votierten. Die 45- bis 59-Jährigen lagen im Durchschnitt mit sechs Prozent. Auch dieses Ergebnis deckt sich mit den Voten bei den vorherigen Wahlen.

Gleiches gilt für die formale Bildung: Von den mittel und niedrig Gebildeten gaben sieben Prozent, von den höher Gebildeten nur fünf Prozent der AfD ihre Stimme. Bei den Berufsgruppen ließen sich ebenfalls die bekannten Auffälligkeiten feststellen: 12 Prozent der Arbeiter und 19 Prozent der Arbeitslosen wählten die AfD. Demgegenüber waren es den Angaben zum Alter entsprechend nur fünf Prozent der Rentner, jeweils sechs Prozent der Angestellten und Beamten, aber auch sieben Prozent der Selbständigen.

Gewerkschaftsmitgliedschaft verhindert nicht AfD-Wahl

Von den Menschen, die mit ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage unzufrieden waren, wählten 16 Prozent die AfD, während die mit ihrer eigenen wirtschaftlichen Lage zufriedenen Menschen nur zu fünf Prozent für die rechtspopulistische Partei votierten. Auch hier zeigte sich wieder, dass Gewerkschaftsmitgliedschaft nicht einschlägiges Wahlverhalten verhindert. Denn acht Prozent der Mitglieder, aber nur 5,7 Prozent der Nicht-Mitglieder wählten die „Alternative für Deutschland“. Dies erklärt sich auch hier durch den hohen Anteil der Arbeiter mit Gewerkschaftszugehörigkeit, die mit 13 Prozent für die AfD stimmten.

Beachtlich ist auch hier wieder die Herkunft der Stimmen. Demnach votierten 63.000 frühere Nichtwähler/innen, 45.000 der früheren Wähler/innen von CDU, 15.000 der SPD, 10.000 der Linken, 6000 der FDP und  2000 der Grünen dieses Mal für die AfD. Berücksichtigt man, dass Die Linke insgesamt unter fünf Prozent der Stimmen erhielt, ist ihr Verlust zwar nicht absolut, aber verhältnismäßig am größten. Die Wählerschaft beider Parteien weist auch noch andere Gemeinsamkeiten auf: Mit der Demokratie weniger zufrieden sind 71 Prozent der AfD- und 45 Prozent der Linken-Wähler/innen, während dies im Bevölkerungsdurchschnitt lediglich 28 Prozent sind. Dass es in Deutschland eher ungerecht zugeht, meinen 63 Prozent der AfD- und 65 Prozent der Linken-Wählerschaft, während dies im Bevölkerungsdurchschnitt 35 Prozent sind. Derartige Auffälligkeiten bedürften der genaueren Untersuchung. Ansonsten fielen keine neuen Besonderheiten bei den AfD-Wählerinnen und -Wählern in Niedersachsen auf. Es zeigte sich aber, dass diese noch keine Stammwähler sind.

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