Wer wählte warum die AfD in Brandenburg und Sachsen?

Von Armin Pfahl-Traughber
05.09.2019 -

Bei den Landtagswahlen hat die AfD in Brandenburg ihren Stimmenanteil verdoppelt, die Zustimmungswerte in Sachsen entsprechen einem Plus von 17,8 Prozent. Es handelt sich hierbei um keine Ausreißer, die Ergebnisse in beiden Bundesländern liegen im Trend der vorherigen Wahlen. Auskunft über die Sozialstruktur der Wählerschaft liefern die Erhebungen der Forschungsgruppe Wahlen und von infratest dimap.

AfD-Wahl auch aus inhaltlicher Zustimmung; (Screenshot)

Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) konnte bei den Landtagswahlen am 1. September 2019 hohe Zustimmungswerte verbuchen. Es waren in Brandenburg 297.429 Stimmen, 23,5 Prozent, ein Plus von 11,3 Prozent, und in Sachsen 595.530 Stimmen, was 27,5 Prozent und einem Plus von 17,8 Prozent entsprach. Damit hat die AfD im letztgenannten Fall auf Landesebene ihren bislang größten Wahlerfolg verbuchen können. Berücksichtigt man die vorherigen Prognosen, so gab es keine Überraschungen.

Ohnehin liegen die Hochburgen der AfD im Osten und bereits zuvor in Sachsen. Dies macht der Blick auf die vorherige bundesweite Wahl deutlich: Bei den Europawahlen am 26. Mai dieses Jahres erhielt die Partei insgesamt 11 Prozent der Stimmen. In Brandenburg waren es dabei 19,9 Prozent und in Sachsen 25,3 Prozent der Stimmen. Demnach handelt es sich hier um keine Ausreißer, die Ergebnisse lagen im Trend der vorherigen Wahlen.

Wer gab aber nun der AfD seine Stimme? Die Erhebungen der Forschungsgruppe Wahlen und von infratest dimap liefern Material, das Auskunft über die Sozialstruktur der Wählerschaft gibt. Die Abweichungen vom Durchschnitts- beziehungsweise Gesamtwert lassen dabei die Spezifika erkennen, daher seien die Ergebnisse hier für den Vergleich noch einmal genannt: in Brandenburg 23,5 und in Sachsen 27,5 Prozent. Der Blick auf beide Ergebnisse verhindert, dass Besonderheiten nur als Zufälle wahrgenommen werden.

Deutliche Unterschiede in der Geschlechterverteilung

Um das Alter soll es am Beginn gehen: Hier zeigt sich, dass die AfD in der Gruppe der Jungen und Älteren unterdurchschnittlich und in der Gruppe der Mittelalten überdurchschnittlich Stimmen erhielt. In Brandenburg waren es bei den 18 bis 24-Jährigen und über 60-Jährigen jeweils 18 Prozent, in der Gruppe der 25 bis 44 Jahre alten Wähler/innen jeweils 30 Prozent und in der Altersgruppe von 45 bis 59 Jahren 27 Prozent. In Sachsen waren es bei der Wählerschaft im Alter von 18 bis 24 Jahren 20 und bei den über 60-Jährigen 24 Prozent, in der Gruppe der 25 bis 59-Jährigen schwankten die Werte zwischen 26 und 32 Prozent.

Eine noch deutlichere Besonderheit gab es bezogen auf die Geschlechterverteilung, wählten doch Männer überdurchschnittlich und Frauen unterdurchschnittlich die AfD. In Brandenburg war das Verhältnis 30 zu 17, in Sachsen 32 zu 22 Prozent. Bei keiner anderen Partei lassen sich so deutliche Unterschiede feststellen, sie liegen hier sogar weit über zehn Prozent.

Hinsichtlich der formalen Bildung zeigt sich, dass die AfD unterdurchschnittlich von den formal höher Gebildeten und überdurchschnittlich von den mittel Gebildeten gewählt wurde. In Brandenburg waren es bei der hohen Bildung 16 Prozent, bei der mittleren Bildung 29 Prozent und bei der niedrigen Bildung 26 Prozent. Eine ähnliche Verteilung gab es in Sachsen, wo die AfD von 18 Prozent mit hoher Bildung, dann aber von 35 Prozent mit mittlerer und 32 Prozent mit niedriger Bildung gewählt wurde.

Besonders hohe Werte bei Arbeitern und Arbeitslosen

Auch bei den Berufsgruppen gab es Besonderheiten, stimmten doch insbesondere Arbeiter und Arbeitslose für die AfD. In Brandenburg waren es 44 und 43 Prozent, in Sachsen jeweils 41 Prozent, was für besonders hohe Werte steht. Demgegenüber votierten entsprechend der obigen Angaben zum Alter nur 15 beziehungsweise 22 Prozent der Rentner für die Partei. Bei den Angestellten holte die AfD in Brandenburg 23 und in Sachsen 26 Prozent, bei den Beamten in Brandenburg überdurchschnittlich 28 Prozent und in Sachsen 26 Prozent.

Eine Gewerkschaftsmitgliedschaft spielte nur eine geringe Rolle, lagen die Werte bei den Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern doch eng beieinander: in Brandenburg waren es 32,3 und 34 Prozent, in Sachsen 27,6 und 27,7 Prozent. In den westlichen Ländern votieren demgegenüber Gewerkschaftsmitglieder häufiger als Nicht-Gewerkschaftsmitglieder für die Partei, insbesondere bei den gewerkschaftlich organisierten Arbeitern.

In unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen als Wahlpartei verankert

Bezüglich der Einschätzung der persönlichen wirtschaftlichen Lage zeigte sich, dass es bei der AfD-Wählerschaft eine größere Unzufriedenheit gab: in Brandenburg meinten dies 39 Prozent gegenüber 21 Prozent Zufriedenen, in Sachsen 45 Prozent gegenüber 24 Prozent. Beachtenswert ist auch noch, woher die Stimmen kamen respektive wofür die AfD-Wähler/innen zuvor votierten. Die meisten Stimmen erhielt die AfD jeweils von früheren Nicht-Wählerinnen und -Wählern, in Brandenburg waren es 197.000, in Sachsen 241.000. Dann kamen von der CDU 28.0000 bzw. 81.000, von der Linken 11.000 bzw. 26.000, von der SPD 12.000 bzw. 10.000 und von den Grünen jeweils 2.000 Stimmen.

Insgesamt machen die Daten im Vergleich deutlich, dass die AfD in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen als Wahlpartei mittlerweile verankert ist. So wählten etwa auch in der Gruppe der höher Gebildeten über 15 Prozent die AfD oder auch bei den Frauen über 15 Prozent. Demnach kann eine entsprechend breite soziale Verankerung konstatiert werden.

Auffällig ist darüber hinaus, dass sowohl bestimmte Berufsgruppen und soziale Einstellungen überdurchschnittlich stark vorhanden sind. Es geht um die Arbeiter sowie Arbeitslosen und die Befragten, die ihre eigene wirtschaftliche Situation schlecht einschätzen. Demnach kommt diesen Besonderheiten auch für die Wahlentscheidung ein hoher Stellenwert zu. Aber auch hier gilt es, monokausale Deutungen zu vermeiden. Weit über 50 Prozent der Arbeiter und Arbeitslosen haben eben nicht die AfD gewählt.

AfD-Wahl auch aus innerer Übereinstimmung

Hinsichtlich der regionalen Verteilung der Hochburgen zeigt sich darüber hinaus, dass die AfD weniger in den Großstädten und mehr im Ländlichen ihren Stimmen erhielt. Je abgelegener die Gegend, je höher die AfD-Zustimmung. Kombiniert man diese Erkenntnis mit den Angaben zu den Berufsgruppen und der Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage, dann werden gegenüber der Politik hier soziale Unmutspotenziale deutlich.

Insofern spielt eine solche Einstellung auch für die Wahlentscheidung zugunsten der AfD eine wichtige Rolle. Gleichwohl erklärt sie sich nicht nur mit einfachen Protestmotiven, gibt es doch auch eine inhaltliche Zustimmung. Da die kritikwürdigen Auffassungen der AfD über die Medien breit bekannt gemacht wurden, kann man ein Nicht-Wissen oder eine Nicht-Zustimmung nicht mehr unterstellen. Insofern erhält die AfD auch aus innerer Übereinstimmung ihre Wählerstimmen.