Wer wählte warum die AfD?

Von Armin Pfahl-Traughber
05.10.2017 -

Die AfD erzielte bei der Bundestagswahl 12,6 Prozent der Stimmen. Offen ist aber, ob sie sich als Wahlpartei etablieren kann. Der rechtspopulistischen Partei ist es noch nicht gelungen, ihre Wähler zu festen Stammwählern zu machen und in der Gesamtbevölkerung hat sie einen negativen Eindruck hinterlassen. Auskunft darüber, welche soziale Gruppen und aus welchen Motiven für die rechtspopulistischen Partei votierten, geben die Daten der Forschungsgruppe Wahlen und von infratest dimap.

 

Die AfD kann, muss aber nicht zu einer etablierten Wahlpartei werden; (Screenshot)

Bei der Bundestagswahl am 24. September  erholte die „Alternative für Deutschland“ (AfD) 5.316.095 Erststimmen, was 11,5 Prozent, und 5.877.094 Zweitstimmen, was 12,6 Prozent von jeweils allen Wählern entspricht. Damit konnte die rechtspopulistische Partei erstmals ins nationale Parlament einziehen, nachdem sie 2013 mit 4,7 Prozent der Zweitstimmen nur knapp an der Fünfprozent-Hürde gescheitert war. Die Daten der Forschungsgruppe Wahlen und von infratest dimap liefern Aussagen darüber, welche sozialen Gruppen insbesondere für die AfD votierten und welche Motive die jeweiligen Wähler dabei hatten.

Beim Geschlechterverhältnis fällt auf, dass 10 Prozent der Frauen, aber 15 Prozent der Männer der AfD ihre Stimme gaben. Dieses Ergebnis überrascht nicht, war doch die AfD bereits zuvor in dieser Hinsicht eher eine „Männerpartei“. Gleiches gilt für frühere Kandidaturen von „Rechtsparteien“ von der NPD bis zu den REP: Auch hier gab es jeweils ein eindeutiges Übergewicht der männlichen Wähler.

Bezogen auf das Alter zeigt sich, dass die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen und die der über 60-Jährigen mit jeweils 10 Prozent leicht unterdurchschnittlich und die Gruppe der 35- bis 44-Jährigen mit 16 Prozent überdurchschnittlich stark für die AfD votierten. Demgegenüber stimmten jeweils 14 Prozent der 25 bis 35-jährigen und 45- bis 59-jährigen Wähler für die Partei. Die Auffassung „Je jünger, desto mehr Stimmen für eine ‚Rechtspartei‘“, die noch bei den Erfolgen der NPD aufkam, ist demnach nicht mehr gültig. Gerade die ganz jungen Wähler scheinen nun nicht mehr besonders anfällig gegenüber derartigen Voten, sie sind sogar die Altersgruppe mit den hier niedrigsten Werten. Gründe für diese Entwicklung können bislang noch nicht genannt werden. Kontinuität besteht indessen bei der formalen Bildung: Hier sind die mittel Gebildeten mit 17 Prozent die stärkste Wählergruppe, gefolgt von den niedrig Gebildeten mit knapp überdurchschnittlichen 14 Prozent. Währenddessen die höher Gebildeten mit neun Prozent nur unterdurchschnittlich für die AfD votierten.

21 Prozent der Arbeiter und Arbeitslosen für die AfD

Besondere Beachtung verdienen die Angaben zu der beruflichen Situation der Wählerschaft, lassen sich daraus doch Erkenntnisse bezüglich des Kontextes von sozialer Lage und jeweiliger Stimmabgabe ableiten. Die Arbeiter und Arbeitslosen wählen jeweils zu 21 Prozent überdurchschnittlich stark die AfD. Dies heißt im Umkehrschluss aber auch, dass 79 Prozent der Arbeiter und Arbeitslosen nicht für die Partei votierten. Demnach hat die Zugehörigkeit zu den beiden sozialen Gruppen sehr wohl etwas mit einer Stimmabgabe zugunsten der AfD zu tun, sie erklärt diese Entscheidung aber eben nicht allein oder primär. Beachtlich ist darüber hinaus in diesem Kontext die Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage: Zufriedene wählten demnach zu 11 Prozent, Unzufriedene hingegen zu 22 Prozent die Partei. Auch hier gilt im Umkehrschluss, dass 78 Prozent der letzt genannten Gruppe nicht ihr Kreuz bei der AfD machten. Dies bedeutet: Es besteht zwar ein eindeutig erkennbarer Zusammenhang, aber allein daraus kann das Wahlverhalten nicht erklärt werden.

Bei den Angestellten, Beamten, Rentner und Selbständigen ließen sich demgegenüber nur leicht unterdurchschnittliche Stimmabgaben für die AfD konstatieren. Beachtenswert in diesem Kontext sind auch Gewerkschafts- und Konfessionszugehörigkeiten. Bezogen auf die Konfession kann gesagt werden, dass 9,4 Prozent der katholischen, 10,6 Prozent der evangelischen und 17,2 Prozent der konfessionslosen Wähler für die Partei stimmten. Der letzt genannte hohe Wert erklärt sich mit dadurch, dass die AfD in den östlichen Ländern mit einem hohen Anteil von Konfessionslosen auch überdurchschnittlich hohe Zustimmung erfuhr. Hinsichtlich der Gewerkschaftszugehörigkeit fällt auf, dass 15 Prozent der Mitglieder, aber nur 12 Prozent der Nicht-Mitglieder für die Partei stimmten. Der genaue Blick vermittelt indessen ein differenziertes Bild: Bei den Arbeitern waren es 18,6 und 18,1 Prozent, bei den Angestellten 13,5 und 10,1 Prozent und bei den Beamten 10,2 und 9,0 Prozent. Die Auffälligkeit erklärt sich insbesondere durch die Angestellten.

80 Prozent der AfD-Wähler mit der Demokratie unzufrieden

Beachtenswert ist auch immer, woher die AfD-Wähler kamen. Anders formuliert: Wen wählten sie 2013? Hinsichtlich des Wählerstromkontos ergab sich per Saldo (also abzüglich des Abstroms vom Zustrom), dass 980.000 Stimmen von der Union, 470.000 Stimmen von der SPD, 400.000 Stimmen von der Linken, 40.000 Stimmen von den Grünen und 40.000 Stimmen von der FDP kamen. Berücksichtigt man hier aber, dass die Linke nur ein Drittel der Gesamtstimmen der Union erhielt, so hat gerade diese Partei besonders viele Wähler an die AfD verloren. Die hohen Abwanderungen von der Union können nicht verwundern, agierte die rechtspopulistische Partei doch insbesondere gegen die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin und unterstützte vehement einen „Merkel muss weg“-Diskurs. Den höchsten Anteil erhielt man indessen von den früheren Nichtwählern mit einem reinen Zustrom von 1.470.000 Stimmen. Demnach hat die AfD auch von der leichten Zunahme der Wahlbeteiligung auf 76,2 Prozent, also von plus 4,6 Prozent im Vergleich zu 2013, profitiert.

Ansonsten müssen noch zwei andere Besonderheiten hervorgehoben werden: die Region und das Stimmungsbild bei der AfD-Wählerschaft. Bezogen auf den erst genannten Aspekt fällt auf, dass die Parti in Ostdeutschland überdurchschnittliche 20,5 Prozent und in Westdeutschland unterdurchschnittliche 10,7 Prozent der Stimmen erhielt. In Sachsen wurde die AfD mit 27 Prozent sogar knapp stärkste Partei, dort holte sie gar drei Direktmandate. Bezogen auf die Gefühlslage lässt sich sagen: Es gibt erkennbare Unterschiede zwischen den AfD-Wählern und der Wählerschaft der anderen Parteien, denn 80 Prozent von ihnen sind mit der Demokratie unzufrieden (bei den anderen 30 Prozent), 68 Prozent sprechen von ungerechten Zuständen in Deutschland (bei den anderen 39 Prozent) und 39 Prozent empfinden Nachteile durch Flüchtlinge (bei den anderen 12 Prozent). Demnach sind die AfD-Wählerinnen und Wähler in besonderem Ausmaß von Ängsten, Orientierungslosigkeit, Unmut und Verunsicherung geprägt. Dies hat auch etwas mit den Flüchtlingen, aber nicht zentral damit zu tun.

„Denkzettel“-Motiv ist unverkennbar

Was bedeutet das Bundestagswahlergebnis nun für die Etablierung der AfD als Wahlpartei? Angesichts des eindeutigen Resultats von weit über 10 Prozent der Stimmen, das der Partei den dritten Platz hinter den Volksparteien einbrachte, spricht vieles dafür. Bestärkt wird dieser Eindruck noch dadurch, dass der Einzug in den Bundestag in der Kontinuität von Erfolgen bei den vorherigen Landtagswahlen steht. Gleichwohl macht der Blick auf die Wählermotivation deutlich: Es wurde nicht immer die AfD als AfD gewählt, Das „Denkzettel“-Motiv ist unverkennbar. Demnach ist es der Partei noch nicht gelungen, ihre Wähler auch zu festen Stammwählern zu machen. Darüber hinaus scheint die Zustimmung stärker themenabhängig zu sein. Kommt der Flüchtlingspolitik in der öffentlichen Wahrnehmung große Bedeutung zu, steigt offenbar die Zustimmungsbereitschaft zugunsten der AfD. Dies erklärt wohl mit, warum die Partei in den Umfragen kurz vor der Wahl noch einmal zulegen konnte. Erneut wurde bekanntlich die Flüchtlingspolitik öffentlich stärker beachtet.

Demnach kann die AfD, muss aber nicht, zu einer etablierten Wahlpartei werden. Es ist ihr noch nicht gelungen, ein breiteres Kompetenzprofil zu entwickeln. Kommt ihrem Kernthema keine größere öffentliche Relevanz zu, so wird sie auch an Zustimmung verlieren. Dies konnte man bereits in der kurzen Parteigeschichte mehrmals beobachten. Allgemein hat die AfD auch einen negativen Eindruck in der Gesamtbevölkerung hinterlassen, sank dieser doch im Vergleich zu 2013 noch einmal von – 1,4 auf – 2,8. Bestärkt wird dieser Ansehensverlust durch skandalöse Auftritte von Führungskräften oder die internen Konflikte zwischen Repräsentanten der Partei. Gleichwohl schreckte dies bei der Bundestagswahl viele Wähler nicht ab, denn die Hemmschwelle zu einem Votum ist hier erkennbar niedriger als bei früheren „Rechtsparteien“. Gerade dies könnte dann auch wiederum für eine mögliche Etablierung als Wahlpartei sprechen. Eine kritische Aufklärung darüber, was und wen man da jeweils wählt, wird dadurch aber umso notwendiger.

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