Wer wählte warum bei den Europawahlen die AfD?

Von Armin Pfahl-Traughber
03.06.2019 -

Bei den Europawahlen am 26. Mai erhielt die AfD in Ostdeutschland etwa doppelt so hohe Stimmenanteile wie im Westen. Für den Osten lässt sich insofern eine Stabilisierung auf hohem Niveau konstatieren, während die AfD im Westen auf niedrigerem Niveau eher stagniert. Einen Blick auf die Sozialstruktur der AfD-Wählerschaft werfen die Analysen der Forschungsgruppe Wahlen und von Infratest dimap.

Die AfD wird insbesondere von Männern mittleren Alters aus der unteren sozialen Schicht gewählt; Photo (Symbol): bnr.de

Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) erhielt bei den Europawahlen am 26. Mai 2019 bundesweit 11 Prozent der Stimmen. Da es bei den Europawahlen vor fünf Jahren 7,1 Prozent waren, kann dies für sie als Erfolg bewertet werden. Berücksichtigt man aber das Bundestagswahlergebnis von 2017 mit 12,6 Prozent der Stimmen, könnte man eine Niederlage konstatieren. Wie muss das Gesamtergebnis eingeschätzt werden? Die Antwort lautet: differenziert. Dabei geht es auch um die Ost/West-Verteilung der Voten. Denn in den ostdeutschen Ländern erhielt man 20 Prozent und mehr und in den westlichen Ländern zehn Prozent und weniger. Der von der Partei erhoffte bundesweite Siegeszug ist somit nicht erfolgt. Für den Osten lässt sich indessen eine Stabilisierung auf relativ hohem Niveau mit steigender Tendenz, für den Westen eine Stabilisierung auf niedrigerem Niveau mit eher stagnierender Tendenz konstatieren. Doch wie setzte sich die Wählerschaft zusammen? Auskunft geben die Analysen der Forschungsgruppe Wahlen und von Infratest dimap.

Hoher Anteil von Arbeitern und Arbeitslosen

Bei den folgenden Ausführungen muss immer das Gesamtergebnis von elf Prozent „mitgedacht“ werden. Demnach gab es eine sehr auffällige Geschlechterverteilung, gaben doch 14 Prozent der Männer, aber nur acht Prozent der Frauen der AfD ihre Stimme. Auch bezogen auf die Altersverteilung zeigten sich eindeutige Unterschiede: Für die AfD votierten in der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen sieben Prozent, in der Gruppe der 30- bis 44-Jährigen zwölf Prozent, in der Gruppe der 45- bis 59-Jährigen 13 Prozent und in der Gruppe der über 60-Jährigen neun Prozent. Demnach wählen die Älteren wie die Jüngeren nur unterdurchschnittlich die Partei. Bezogen auf die Berufsgruppen ließen sich ebenfalls auffällige Verteilungen ausmachen: Arbeiter stimmten mit 23 Prozent, Arbeitslose mit 21 Prozent, Selbständige mit zwölf Prozent, Rentner mit zehn Prozent und Angestellte mit neun Prozent für die AfD. Demnach gibt es einen auffällig hohen Anteil der Arbeiter und Arbeitslosen. Gleichwohl sollten daraus keine falschen Schlüsse gezogen werden, denn 77 Prozent beziehungsweise 79 Prozent aus diesen beiden Gruppen wählten nicht die „Alternative für Deutschland“.

Zuwanderung spielte eine große Rolle

Beachtenswert sind auch noch die Angaben zur Wählerwanderung. Dabei geht es darum, was AfD-Wähler/innen früher gewählt haben beziehungsweise wohin sich frühere AfD-Wähler/innen entwickelten. Bezogen auf die Bundestagswahl 2017 erhielt man von der CDU/CSU 230.000 Stimmen, von der Linken 70.000 und von der SPD 20.000 Stimmen. 70.000 ehemalige AfD-Wähler/innen votierten diesmal sogar für die Grünen. Für das Ergebnis von Interesse ist auch, dass für die Wahlentscheidung die Zuwanderung eine große Rolle spielte, nämlich für 69 Prozent. Demgegenüber waren die Klimapolitik und der Umweltschutz nur für 20 Prozent und die soziale Sicherheit nur für 45 Prozent der AfD-Wählerschaft wichtig. Beachtet man, dass die Klimafrage in der Reihenfolge der Relevanz das wichtigste Thema für alle anderen Wähler/innen war, wird deutlich, wie sehr die AfD-Wählerschaft hier eine ganz andere politische Wahrnehmung hat. Dass die Partei auch nach der Affäre um das Strache-Video weiterhin zur FPÖ in Österreich stehen sollte, meinten übrigens 83 Prozent ihrer Wähler/innen.

Unterstützung aus allen sozialen Schichten

Bilanzierend ergeben sich aus dem Blick auf die Europawahl 2019 keine Neuerungen oder Überraschungen hinsichtlich der AfD-Wählerschaft. Nach wie vor fällt auf, dass die Partei insbesondere von Männern mit mittlerem Alter aus der unteren sozialen Schicht gewählt wird. Diese soziale Besonderheit darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Partei mittlerweile aus allen sozialen Schichten ihre Unterstützung bei Wahlen erfährt. Die Anteile variieren jeweils, was die erwähnte Schwerpunktsetzung erklärt. Daraus sollten indessen keine einseitigen Schlüsse abgeleitet werden, was ja vielfach in medialen Kommentaren geschieht. Noch einmal: Auch wenn ein Fünftel der Arbeiter und Arbeitslosen die Partei wählt, heißt das immer noch, dass vier Fünftel es nicht tun. Demnach kommt der sozialen Lage eine besondere Relevanz zu, doch damit erklärt sich nicht allein das Wahlverhalten. Auffällig war prozentual betrachtet allerdings erneut, dass die AfD in den ostdeutschen Ländern über doppelt so viele Stimmen wie in den westlichen Ländern erhielt.