Wer wählte die AfD warum in Schleswig-Holstein?

Von Armin Pfahl-Traughber
19.05.2017 -

In den westdeutschen Ländern bewegen sich die AfD-Wahlergebnisse auf niedrigerem Niveau. Ihre Erfolge scheint sie besonders durch Mobilisierung der Unzufriedenen erzielen zu können.

 

Höhere Stimmenanteile für die AfD bei den Unzufriedenen; (Screenshot)

Bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein am 7. Mai verbuchte die „Alternative für Deutschland“ (AfD) 4,2 Prozent der Erstimmen (60 810 Wähler) und 5,9 Prozent der Zweitstimmen (86.275 Wähler) für sich. Damit gelang es zwar der AfD einerseits, bereits bei der ersten Kandidatur direkt in das Parlament einzuziehen, andererseits blieb sie hinter den weitaus höheren Erwartungen zurück. Mit Blick auf die vorherigen Landtagswahlen hatte die rechtspopulistische Partei mit knapp sechs Prozent einen eher geringen Stimmengewinn zu verzeichnen. Dies gilt insbesondere angesichts der Ergebnisse in den ostdeutschen Ländern, wo die AfD bis zu einem Viertel der Wählerschaft erreichte. In den westdeutschen Ländern bewegen sich die bisherigen Ergebnisse auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Dies belegt keinen Aufwärtstrend in Kontinuität, aber Ansätze zur Etablierung als Wahlpartei.

Auskunft über die Besonderheiten und Motive der Wähler lassen sich aus den Daten von Infratest dimap zur Wahl ablesen: Bezogen auf das Geschlechterverhältnis lässt sich sagen, dass Frauen mit vier Prozent unter- und Männer mit sieben Prozent überpräsentiert sind. Das entspricht den bisherigen Erkenntnissen zu „Rechtsparteien“. Eine leichte Veränderung lässt sich indessen bei der Alterszusammensetzung ausmachen, gilt hier doch nicht mehr: „Je jünger, desto größer die Wahlzustimmung“. Denn die 16- bis 24-Jährigen stimmten nur mit fünf Prozent, dafür aber die 25- bis 34-Jährigen mit neun und die 35- bis 44-Jährigen und 45- 59-Jährigen jeweils mit sieben Prozent für die AfD. Bei den über 60-Jährigen waren es vier Prozent.

Neun Prozent der Arbeitslosen votierten für die AfD

Bezogen auf die formale Bildung gab es die erwartbaren Ergebnisse: Fünf Prozent der hoch und jeweils sechs Prozent der mittel und niedrig Gebildeten votierten für die Partei. Gleichwohl ist der Anteil der höher Gebildeten unter den AfD-Wählerinnen und -Wählern hier nur wenig geringer. Beachtung verdient auch die Einschätzung der eigenen wirtschaftlichen Lage: Fünf Prozent der Zufriedenen und neun Prozent der Unzufriedenen stimmten für die Partei.

Interessant sind auch die Angaben zur Berufstätigkeit, spiegelt sich darin doch das zuvor Gesagte: Neun Prozent der Arbeitslosen und acht Prozent der Arbeiter, aber auch sieben Prozent der Angestellten und sechs Prozent der Selbstständigen votierten für die AfD, die von Beamten nur vier und von Rentnern lediglich fünf Prozent der Stimmen erhielt. Das letztgenannte Ergebnis deutete sich bereits angesichts des niedrigen Anteils der Älteren bei den Stimmabgaben an. Eine Gewerkschaftsmitgliedschaft immunisierte nicht überdurchschnittlich vor der AfD-Wahl: Ganz im Gegenteil stimmten 5,4 Prozent für die Partei, während es von den Nicht-Mitgliedern 5,3 Prozent waren.

Höhere Zustimmung bei den Katholiken

Die konfessionelle Zusammensetzung der Wähler widerspricht demgegenüber dem bisherigen Trend, gab es doch bei den hier Gebundenen kaum Unterschiede und dafür eine höhere Zustimmung bei den Konfessionslosen. In Schleswig-Holstein war es indessen so, dass 8,4 Prozent der Katholiken, 5,1 Prozent der Protestanten und 7,9 Prozent der Konfessionslosen für die AfD votierten.

Woher kamen nun die fast 87 000 AfD-Wähler/innen? 11 000 davon waren frühere Nichtwähler/innen und 45 000 kamen von anderen Parteien. Leider wurden die Daten dazu nicht genauer aufgeschlüsselt. Gleichwohl liegt der Gedanke nahe, dass es sich häufig um frühere „Piraten“-Wählerschaft handelte. Denn diese Partei hatte 2012 8,2 Prozent und 2017 nur noch 1,2 Prozent der Stimmen verbuchen können. Ansonsten erhielt die AfD 11 000 Wählerstimmen von der CDU, 5000 von der SPD, 3000 von der FDP und 1000 von den Grünen. Die Linke verzeichnete einen Anstieg von 2,3 auf 3,8 Prozent und scheint zumindest keine größeren Wähleranteile verloren zu haben. Von den Erstwählerinnen und -Wählern votierten 3000 für die AfD. Da diesmal auch bereits Personen ab 16 Jahren wählen durften, bedeutet dies, dass es in der Gruppe der besonders jungen Wähler/innen offenkundig keine größere Bereitschaft zu Stimmabgaben in Richtung der Partei gab. Diese Einschätzung lässt sich auch aufrechterhalten, obwohl die Wählergruppe der 16- bis 18-Jährigen nicht speziell ausgewiesen wurde.

„Gerechtigkeit“ ist AfD-Wählerschaft wichtig

Besondere Beachtung verdient hier noch die Bedeutung des „Flüchtlings“-Themas. Denn dies hatte man als „Geschenk“ (Alexander Gauland) strategisch für die Wählermobilisierung immer wieder genutzt. Diverse Daten machen deutlich, dass es für das allgemeine Interesse nur noch eine geringe Rolle spielte. Es dominierten „Schule/Bildung“ und „Verkehr“ mit 33 beziehungsweise 30 Prozent, „Flüchtlinge/Integration“ galt nur 15 Prozent als ein wichtiges Problem. Demnach dürfte es auch zwischen der geringen Bedeutung und dem bescheidenen Wahlergebnis einen Zusammenhang geben. Auffällig war darüber hinaus, dass 80 Prozent der AfD-Wählerschaft der Auffassung waren, dass es in Deutschland ungerecht zugehe, während dies im Durchschnitt nur 38 Prozent meinten. Demnach scheint die AfD besonders durch die Mobilisierung der Unzufriedenen ihre Wahlerfolge verbuchen zu können. Die Frage der „Gerechtigkeit“ ist demnach ein wichtiges Themenfeld. Dessen politische Besetzung bedingt wohl zukünftig mit, wie sich die Partei bei Wahlen entwickelt.

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