Vor 40 Jahren: Antisemitischer Doppelmord

Von Anton Maegerle
19.12.2020 -

Heute vor 40 Jahren, am 19. Dezember 1980, ermordete der Neonazi Uwe Behrendt Shlomo Lewin, den Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, und dessen Lebensgefährtin Frida Poeschke.

Straßenschild an der am 15. Dezember 2010 nach Shlomo Lewin und Frida Poeschke benannten Lewin-Poeschke-Anlage in Erlangen. Foto: Janericloebe, CC BY 3.0

Rechtsextremer Terror zog sich im Jahr 1980 wie eine Blutspur durch die zweite Jahreshälfte der Bundesrepublik und Westeuropa. Am 26. September 1980 detonierte um 20.20 Uhr im Eingangsbereich zum Oktoberfest auf der Münchner Theresienwiese eine Bombe. Beim schwersten Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik starben 13 Menschen, 211 wurden zum Teil schwer verletzt. Acht Wochen zuvor, am 2. August, bildete der Bombenanschlag auf den Bahnhof von Bologna den Höhepunkt einer Anschlagswelle italienischer Rechtsextremisten. 85 Tote und 200 Verletzte waren in Italien zu beklagen. Wenige Tage nach dem Münchner Terrorakt verübten Rechtsextremisten einen Bombenanschlag auf eine Synagoge in Paris. Vier Menschen starben, 46 weitere wurden verletzt.

Der von der Bundesrepublik aus der DDR freigekaufte und am 24. Juli 1974 in die Bundesrepublik entlassene Uwe Behrendt studierte in der baden-württembergischen Universitätsstadt Tübingen beginnend mit dem Wintersemester 1974/75 Evangelische Theologie und Germanistik. Vor Ort gehörte der Burschenschafter der Straßburger Burschenschaft Arminia an. Er hat dort „zwei Mensuren gefochten und die Chargen des Fechtwartes und des Sprechers bekleidet“, ist den „Burschenschaftlichen Blättern“ zu entnehmen. Für die Wahlperiode 1976/77 gehörte Behrendt als Mitglied dem „Hochschulpolitischen Ausschuss“ der „Deutschen Burschenschaft“ (HpA der DB) an.

„Wehrsportgruppe Hoffmann“

Weitere politische Heimat fand Behrendt beim rechtsextremen „Hochschulring Tübinger Studenten“ (HTS) und der paramilitärischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ (WSG Hoffmann). In beiden Vereinigungen war Behrendt aktiv tätig. 1976 kandidierte Behrendt auf Listenplatz 11 für den HTS bei der Wahl zum ASTA der Universität Tübingen. Gründer und Vorsitzender des HTS war der ebenfalls aus der DDR freigekaufte Axel Heinzmann.

Die Studentenorganisation verstand sich als „antikommunistische Alternative in der Hochschulpolitik“, so Heinzmann. Zielgruppe waren laut Heinzmann jene studentischen Wähler, für die die CDU-Studierendenorganisation RCDS „aufgrund seines `C´ bzw. seiner nicht selten opportunistischen Politik nicht wählbar“ war. Starke Stütze des HTS waren die „zahlreichen Corps, Landsmannschaften, Burschen- und Sängerschaften sowie akademischen Verbindungen“, schrieb Heinzmann 1974 in der bundesweit vertriebenen Rechtspostille „student“.

Behrendt, Hoffmann und Gundolf Köhler

Gefordert wurde vom HTS unter anderem die „Freiheit für sogenannte `Kriegsverbrecher´“ und die „Auflösung der Ludwigsburger Verfolgungsbehörde“. Starke Sympathie hegte der HTS für das Apartheidsregime in Südafrika. Der laut Bescheinigung des Tübinger Finanzamtes gemeinnützige (!) HTS sorgte 1976 erstmals für bundesweite Schlagzeilen. Vor der Alten Mensa „Prinz Karl“ der Tübinger Universität sollte WSG-Führer Karl-Heinz Hoffmann (Jg. 1937) bei einer gemeinsamen  Veranstaltung des HTS und der WSG Hoffmann am 4. Dezember 1976 zum Thema „Die schwarz-kommunistische Aggression im südlichen Afrika“ reden.

Vor der Lokalität kam es zu schweren Übergriffen der Neonazi-Schläger auf Gegendemonstranten. Mehrere Gegendemonstranten wurden krankenhausreif geschlagen. An den Übergriffen war neben Hoffmann und Behrendt auch Gundolf Köhler, der spätere Attentäter des Münchner Oktoberfestes, beteiligt. Behrendt war einer der elf mit Hoffmann wegen Landfriedensbruch und Körperverletzung Angeklagten im „Prinz-Karl-Prozess“. In der 18 Tage dauernden Verhandlung war Behrendt freigesprochen worden.

Polizei: Täter zunächst unter Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde vermutet

Über den HTS fand Behrendt den Weg zur WSG Hoffmann (bei Gundolf Köhler war es umgekehrt). Hoffmann über Behrendt: „Er war Burschenschaftler mit Leib und Seele.“ Die vom DDR-Flüchtling Hoffmann 1974 gegründete Wehrsportgruppe war eine ca. 440 Mann starke paramilitärische Vereinigung, die am 30. Januar 1980 verboten wurde. „Eine Demokratie ist impotent, eine Diktatur, die den richtigen Mann an der Spitze hat, kann für ein Volk alles tun“, verkündete Hoffmann 1977 in der italienischen Wochenzeitung „Oggi“.

Zum Zeitpunkt des Doppelmordes, ausgeführt mit Schüssen aus einer Maschinenpistole der Marke Beretta, wohnte Behrendt auf Hoffmanns Wohnsitz, dem Schloss Ermreuth (Neunkirchen am Brand). Die Polizei suchte den Täter zunächst unter den Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde. Tatsächlich wies jedoch eine Fülle von Indizien und Zeugenaussagen auf eine Mittäterschaft beim Doppelmord auf Hoffmann hin.

Flucht nach Beirut

Die am Tatort, der Ebrardstraße Nr. 20, gefundene Sonnenbrille, „Schubert, Modell 27“, gehörte Hoffmanns Lebensgefährtin Franziska Birkmann. Dem ebenfalls am Tatort gefundenen Verschlussstück einer Spraydose hafteten Spuren eines Schaumstoff-Formaldehyd-Harzgemisches an - ebenso wie einer Alu-Dose aus Hoffmanns Werkstatt. Hinzu kam, dass Hoffmann Schalldämpfer jener Art gebastelt hatte, wie sie bei der Tat verwendet wurden. Unmittelbar nach der Tat fuhr Behrendt wieder zurück ins 13 Kilometer entfernte WSG-Quartier.

Dort verbrannte Hoffmann Teile der Kleidung Behrendts und stattete ihn mit Bargeld aus. Anschließend chauffierte Birkmann den Doppelmörder mit dem Auto zum Hauptbahnhof Nürnberg und Behrendt entschwand für wenige Tage zu seinen Eltern im damaligen Landkreis Pößneck (DDR). Anschließend flog er von der Bundesrepublik aus via Damaskus nach Beirut. Die Frage, ob Behrendt im Alleingang und aus eigenem Antrieb handelte oder Auftraggeber, Hintermänner und Helfer hatte, ist bis heute ungeklärt.

„Wehrsportgruppe Ausland“

Nach dem Verbot der WSG Hoffmann im Januar 1980 verließen mehrere Mitglieder der Terrorgruppe die Bundesrepublik Richtung Libanon und nannten sich fortan bis zum Sommer 1981 „Wehrsportgruppe Ausland“ (WSG Ausland). Sowohl Hoffmann als auch Behrendt hielten sich in der Folgezeit nicht ausschließlich im Libanon auf, sondern auch zeitweilig in der Bundesrepublik. Die WSG Ausland war eine bewaffnete, militärisch organisierte und nach dem Führerprinzip geleitete Truppe, die nach Hoffmanns Plänen zu einem noch nicht festgelegten Zeitpunkt die staatliche Ordnung der Bundesrepublik durch terroristische Aktionen bekämpfen und so den Boden für die Einführung einer Diktatur vorbereiten sollte.

Untergebracht waren die Neonazis in einem Lager der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) im Beiruter Stadtteil Bir Hassan - mit Billigung und Einverständnis von Abu Ijad, damals stellvertretender PLO-Leiter und Anführer der Terrorgruppe „Schwarzer September“, die 1972 das Münchner Olympia-Attentat verübt hatte.

Überreste Behrendts 1984 entdeckt

Rechtsbeistand der drei Palästinenser, die das Münchner Attentat überlebten, war der Recklinghausener Rechtsanwalt Wilhelm Schoettler, einer der Hausanwälte des WSG Hoffmann-Mannes Udo Albrecht (Jg. 1941). Schoettler war Ehrenpräsident der vom Altnazi Erwin Schönborn gegründeten „Deutsch-Arabischen Gemeinschaft“. Im PLO-Camp wurden die Neonazis an Kalaschnikows und der „RPG 7“, einer Panzerabwehrrakete, ausgebildet. Die Kontakte zwischen der PLO und Hoffmann hatte Udo Albrecht, Gründer der „Wehrsportgruppe Ruhrgebiet“, eingefädelt. Albrecht, der 1970 mit palästinensischen Kämpfern in Jordanien gegen König Husseins Armee gekämpft hatte, war sowohl Mitglied der WSG Hoffmann als auch der WSG Ausland.

Behrendt, von Hoffmann zu seinem Leutnant im Libanon und zum Lagerkommandanten ernannt, soll sich am 16. September 1981 erschossen haben. Seine Überreste wurden 1984 im Bereich des Lagers Bin Hassan von bayerischen Beamten ausfindig gemacht und in die Bundesrepublik überführt.

Der rechtsextreme Terror hielt auch nach dem Doppelmord in Erlangen an. Wenige Tage später lieferte sich der ehemalige DDR-Flüchtling Frank Schubert (Jg. 1957) nach einem Banküberfall eine Schießerei am schweizerischen Grenzpolizsten in Aargau. Er tötete einen Schweizer Polizisten und einen Schweizer Zollbeamten. Zwei weitere Beamte wurden von Schubert, der bis zum Sommer 1980 Vorstandsmitglied der Frankfurter Gruppe der „Volkssozialistischen Bewegung Deutschlands/Partei der Arbeit“ (VSBD/PdA) war, schwer verletzt.

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