Von der „Metapolitik“ zum „Populismus“

Von Armin Pfahl-Traughber
24.07.2020 -

Die alte Neue Rechte im Gespräch mit der neuen Neuen Rechten. Der französische Chefideologe Alain de Benoist zeigt im Interview mit der „Sezession“ einen Wandel seiner strategischen Orientierung.

Die alte Neue Rechte trifft auf die neue Neue Rechte; (Screenshot)

Für die deutsche Neue Rechte war immer auch die französische Neue Rechte ein Vorbild. Dies erklärt auch, warum Alain de Benoists Bücher kontinuierlich in Übersetzung erschienen. Ein erster „Kulturrevolution von rechts“ betitelter Sammelband mit Texten, die der Chefideologe der französischen Neuen Rechten in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht hatte, erschien 1985 im konservativen Sinus-Verlag. 2017 brachte der Jungeuropa-Verlag aus Dresden eine Neuausgabe heraus. Dies allein macht bereits die Relevanz der Schrift deutlich. Benoist forderte darin einen „Kampf um die Köpfe“ mittels einer „Metapolitik“-Strategie. Als programmatisch gilt seine Aussage: „Alle großen Revolutionen der Geschichte haben nichts anderes getan als eine Entwicklung in die Tat umzusetzen, die sich zuvor schon unterschwellig in den Geistern vollzogen hatte. Man kann keinen Lenin haben, bevor man einen Marx hatte. … Eines der Dramen der Rechten ist ihre Unfähigkeit, die Notwendigkeit zu begreifen, dass auf lange Frist geplant werden muss“ (S. 38).

„Populismus“ eine notwenige Vorgehensweise

Benoist ging es damit letztendlich darum, längerfristig die geistige Elite für einen Systemwandel zu gewinnen. Demnach interessierte er sich weniger für reale Politik mit Tagesrelevanz, also etwa Demonstrationen oder Wahlkandidaturen. In dieser Frage bestanden auch gegenüber Antonio Gramsci strategische Unterschiede. Benoist hatte die Konzeptionen des italienischen Marxisten für die französische Neue Rechte übernommen, er bezog sich aber dabei primär auf die Intellektuellen und nicht auch auf das Proletariat. Heute scheint Benoist das anders zu sehen, sieht er doch im „Populismus“ auch eine notwendige Vorgehensweise. Diese Einschätzung ergibt sich aus einem Interview, das Benedikt Kaiser mit ihm in der „Sezession“ (Nr. 96/Juni 2020, S. 27-31) geführt hat. Hier kommt die alte Neue Rechte sozusagen mit der neuen Neuen Rechten zusammen. Kaiser gehört zu den Stammautoren der Zeitschrift. Die meisten seiner Beiträge greifen Diskurse der Linken auf, um sie für die Rechte in Strategien umzudeuten. Diese Besonderheit prägt auch mit das Interview.

„Ohne Unterstützung bleibt Theorie reine Abstraktion“

Benoist macht zunächst aber auf seine strategische Orientierung aufmerksam: „Mein Ansinnen war in erster Linie, intellektuelle Arbeit in einem Umfeld wiederherzustellen, das diese nicht goutierte, indem ich mit Nachdruck bekräftige, dass es ohne eine gut strukturierte Weltanschauung keine nachhaltige Wirkung geben kann“ (S. 28). Genau das stellte nicht nur in Frankreich das strategisch Neue an der Neuen Rechten dar. Von Populismus war demnach nicht die Rede. Nun zeigt sich Benoist aber von damit einhergehenden Vorgehensweisen begeistert. Was er zuvor nie postulierte, den Einklang von „metapolitischer Kulturrevolution und populistischer Sammlung“, wie das in einer Frage von Kaiser formuliert wird, bildet nun eine Notwendigkeit. „Beides ist notwendig, weil sie einander ergänzen. Ohne die Unterstützung eines großen Teils der Bevölkerung bleibt Theorie reine Abstraktion. Ohne die Unterstützung einer strukturierten Weltanschauung bleibt Populismus reines Unbehagen“ (S. 29). Konkreter wird Benoist in dieser Hinsicht aber nicht.

Deutsche Neue Rechte wähnt sich auf der Siegerstraße

Hier ist die deutsche Neue Rechte schon weiter. Dafür stehen insbesondere die Aktivitäten von Götz Kubitschek, die sich etwa in AfD-Einflüssen und Pegida-Reden zeigten. Derartige Kontakte hatte die französische Neue Rechte eher abgelehnt, zumal man auch an den Front National (heute Rassemblement National) in seiner Frühphase nicht wenige Kader verloren hatte. Darüber hinaus wollte sich die angebliche geistige Elite nicht mit den intellektuell schlichteren Straßendemonstranten gemein machen. Indessen wäre dies auch eine Konsequenz der „Kulturrevolution von rechts“ gewesen. Hätte man geistig Machtpositionen eingenommen, so hätte dies auch politische Wirkung entfalten müssen. Benoist dachte jedoch nicht so weit. Insofern folgt er hier nur einer Entwicklung, die schon längst Realität geworden ist. Dies macht übrigens deutlich, dass die deutsche Neue Rechte sich auf der politischen Siegerstraße wähnt. So erklärt sich auch Kubitscheks strategische Warnung, die AfD solle nicht durch Anpassung und Mäßigung zu einer „Selbstverharmlosung“ übergehen.

Liberalismus als Hauptfeind

Benoists strategischer Bruch wird allerdings von Kaiser nicht problematisiert, wollte er doch wohl den geistigen Mit-Gründungvater der deutschen Neuen Rechten nicht verärgern. Benoist bleibt ansonsten seinen Grundpositionen treu, wozu auch die Erklärung des Hauptfeindes gehört, soll dieser doch weiterhin der Liberalismus sein. Dabei richtet er sich gleichzeitig gegen dessen politische wie ökonomische Dimension, was es erlaubt, „Aufklärung“ und „Individualismus“ gleichzeitig mit „Kapitalismus“ und „Ökonomismus“ zu verwerfen. Es heißt denn auch über den Liberalismus: „In der heutigen Welt ist er sogar der Hauptfeind. Diejenigen, die seine Prinzipien vertreten, sind nützliche Idioten der gegenwärtigen Komplexes, die faktischen Komplizen der herrschenden Ideologie“ (S. 31). Nun kann man mit guten Gründen kritisieren, dass eine „Durchkapitalisierung“ der Gesellschaft negative Konsequenzen hat. Mit Benoist soll dabei aber auch immer der Individualismus mit abgelehnt werden, was objektiv auf eine Aufhebung des Pluralismus hinausläuft.

Eindeutige Frontstellung gegen die Menschenrechte

Übrigens plädiert Benoist in seinem Interview ganz offen für einen Systemwechsel. Gleich zu Beginn heißt es: „Die Gesellschaft kann nicht mehr reformiert werden, sie muss grundlegend verändert werden, um der herrschenden Ideologie ein Ende zu setzen, muss sie durch eine andere Hegemonie ersetzt werden, die auf neuen Grundlagen beruht“ (S. 27). Benoist hatte sich in den letzten Jahren verbal in Veröffentlichungen gemäßigt. Mitunter fanden sich in seinen Aufsätzen und Büchern sogar als links erscheinende Positionen. Gleichwohl machte seine eindeutige Frontstellung gegen die Menschenrechte, die als gemeinschaftszersetzend und individualistisch verdammt wurden, seine weiterhin bestehende politische Zuordnung deutlich. Das Interview endet auch mit dem Satz: „Ich für meinen Teil halte es zeitlos mit Arthur Moeller van den Bruck: ‚Am Liberalismus gehen die Völker zugrunde‘“ (S. 31). Bekanntlich war dieser ein wichtiger Denker der „Konservativen Revolution“, die für das „antidemokratische Denken in der Weimarer Republik“ (Kurt Sontheimer) steht.