Verschmähte Liebeleien bei der AfD

Von Rainer Roeser
13.02.2019 -

Hinrich Lührssen, der gerne Spitzenkandidat der Bremer AfD bei der Bürgerschaftswahl geworden wäre, hat die Partei verlassen. Am Weserstrand ist eine Schlammschlacht angesagt.

Veritable Schlammschlacht in der Bremer AfD; (Screenshot)

Die AfD begab sich auf das Feld der Küchenpsychologie: „Verschmähte Liebe ist etwas Schreckliches. Und fordert Rache.“ Nachzulesen sind die Sätze, geschrieben Anfang des Monats, auf der Homepage ihres Bremer Landesverbandes. Getroffen werden sollte mit der Unterstellung von Rachegelüsten Hinrich Lührssen. Der TV-Journalist, in der Hansestadt bekannt wegen seiner launigen Beiträge in einem Regionalmagazin von Radio Bremen, war nach seinem Eintritt in die AfD im vorigen Juni binnen kürzester Zeit in den Landesvorstand kooptiert worden. Er schien ausersehen, die AfD-Liste zur Bürgerschaftswahl anzuführen. „Die Idee, dass ich Spitzenkandidat werden sollte, die kam ja von Frank Magnitz“, erinnert sich Lührssen. 

Doch als es zum Schwur kommen sollte und die Landesliste gewählt wurde, grätschte ihm AfD-Landeschef Magnitz unerwartet dazwischen und ließ sich selbst auf Platz eins der Kandidaten wählen. (bnr.de berichtete) Es folgten allerlei Unfreundlichkeiten des unterlegenen Bewerbers über Magnitz und seinen Stellvertreter Thomas Jürgewitz. Und nun, nach nicht einmal einem Dreivierteljahr Ausflug in die Politik, erklärte Lührssen Anfang dieser Woche seinen Austritt aus der AfD. Für Magnitz dürfte der Fall klar sein: Lührssen übt Rache, weil die AfD seine Liebe verschmähte.

Mit den falschen Leuten angebandelt

Man kann den Fall aber auch anders erzählen: Als Geschichte eines Landesvorsitzenden, der erkannte, welches Potenzial es birgt, wenn ein vom Bildschirm bekanntes Gesicht zwar nicht Glanz, aber doch ein wenig Licht in den Mini-Landesverband mit seinen 120 Mitgliedern bringt. Als Geschichte eines Landesvorsitzenden, der den Neuling schon nach nur zwei Monaten Parteizugehörigkeit in den Vorstand beförderte (und nebenbei – alle Welt griff gerade die Personalie Lührssen auf – fast unbeachtet auch noch die eigene Tochter in die Bremer Parteispitze hieven konnte).

Als Geschichte eines Landesvorsitzenden schließlich, der erkennbar nichts gegen die Bürgerschaftsambitionen des Neuzugangs hatte, im Gegenteil – bis dieser dann aber den Fehler machte, mit den aus Magnitz' Sicht falschen Leuten anzubandeln. Von da an war es aus mit Magnitz' Zuneigung. Fortan musste Lührssen verhindert werden. Demnach wäre es Magnitz gewesen, der sich rächen wollte, weil im Lührssen nicht ausreichend zugetan war.

„Bremer AfD-Diktatur“

Das Ende der Liaison ist bekannt und fiel sehr deutlich aus: Als der Spitzenkandidat zu küren war, hatte der eigentlich schon mit seinem Bundestagsmandat vollauf ausgelastete Magnitz mit 32 zu 19 Stimmen die Nase vorne. Es spielt schon keine Rolle mehr, wer von beiden der Liebe eher ade gesagt hat: der Polit-Novize, dem die Diäten eines Fraktionsvorsitzenden winkten, oder der Landesvorsitzende, der die Zügel in seinem kleinen AfD-Reich nicht aus der Hand geben will. Geblieben ist das Bild einer veritablen Schlammschlacht.

Lührssen, der vom Journalisten zum Politiker werden wollte, schimpfte fortan auf die „Bremer AfD-Diktatur“ und die „Anti-Demokraten“, die im Landesverband das Sagen hätten und sich mit „üblen Tricks an der Macht halten“ würden. Er habe gemerkt, „dass es innerhalb der AfD keine Demokratie gibt“, sagte er und verwies auf über 30 Parteiordnungsverfahren bei geschätzt nur 120 Mitgliedern. Clan-Strukturen beklagte er, rechnete vor, dass beim entscheidenden Parteitag gleich sechs Leute aus der Magnitz-Familie mitwählten und Tochter Ann-Kathrin Magnitz Listenfünfte wurde. Seine Zeit in der AfD kam ihm vor wie eine Reise „einmal Nordkorea und zurück“. Es gehe „um Macht und Gier – nichts anderes“, meint er und warnt nun davor, AfD zu wählen: „Der Einzug dieses Clans in ein Parlament wäre nur ein weiterer Fall von Steuergeldverschwendung.“

„Mit Dreck werfen“

Die Bremer AfD konterte nicht weniger giftig. Anfang Februar wurde der einstige Hoffnungsträger parteioffiziell auf der Homepage des Landesverbandes in eine Reihe mit Bernd Lucke, Frauke Petry und André Poggenburg gestellt: „Sie alle zeichnen sich durch eine Gemeinsamkeit aus. Zuerst wollten sie Karriere machen in und mit der AfD. Da war es die tollste Partei, alternativlos schlechthin. Wenn dann persönliches Gebaren dazu führte, demokratisch abgestraft zu werden, verließ man schmollend den Hof, nahm seine Sandförmchen mit und warf mit Dreck.“ 

Freilich hat der Streit auch eine politische Dimension. In einer zwei Tage nach dem Parteitag veröffentlichten Pressemitteilung der AfD wurde sie angedeutet. Lührssen sei nicht gewählt worden, so las man dort, „da er die Nähe zum rechten Flügel und zur vom Verfassungsschutz beobachteten JA (Junge Alternative, d. Red.) Bremen eigennützig suchte, um sich als Spitzenkandidat durchzusetzen“. Und weiter: „Bekannten Vertretern dieses Spektrums“ – gemeint waren AfDler mit „Hang zum rechten Flügel“ – hätten die Bremer AfD-Mitglieder „eine deutliche Absage erteilt“. Namentlich genannt wurden unter anderem der Bürgerschaftsabgeordnete Alexander Tassis, JA-Landeschef Robert Teske sowie Lührssen. „Uneinsichtig und fahrlässig“ hätten sie im Umgang mit der „Bedrohung unserer demokratisch legitimierten Partei durch den Verfassungsschutz“ gehandelt. Magnitz' Schritt, „mit einer eigenen Kandidatur ein weiteres Abdriften der Partei in die Beobachtung zu verhindern, ist nur konsequent“.

Höcke-Freund erfindet sich temporeich neu

Bis vor Kurzem war der AfD-Chef allerdings nicht dadurch aufgefallen, dass er der Radikalisierung der Partei etwas entgegensetzt hätte. Vielmehr suchte er immer wieder die Nähe von Björn Höcke, der Leitfigur der Rechtsausleger in der Partei. Ähnlich tickte sein Vize Jürgewitz, von dem Sympathiebekundungen zur „Identitären Bewegung“ überliefert sind. Doch das Duo hat sich in einem Tempo, das sogar manche Parteifreunde etwas ratlos zurückgelassen hat, neu erfunden. Aus den radikalen Vorleuten des Landesverbandes wurden unter dem Eindruck einer drohenden Beobachtung durch den Verfassungsschutz Politiker, die behaupten, auf ein seriöses Image zu achten.

Zwar war die in den letzten Wochen zelebrierte Bremer Schlammschlacht alles andere als seriös und die Veröffentlichungen der Partei wirkten höchst unprofessionell. Sein Ziel hat Magnitz aber erreicht: Die Macht in Partei und künftiger Bürgerschaftsfraktion ist erst einmal gesichert. 

Aufpasser in Bereitschaft

In den Umfragen haben die Auseinandersetzungen der letzten Wochen der Bremer AfD (noch) nicht erkennbar geschadet. Würde bereits jetzt eine neue Bürgerschaft gewählt, käme die Partei auf acht Prozent. Das sind zwar zwei Prozent weniger als bei der Bundestagswahl im September 2017. Doch direkt vergleichbar sind beide Zahlen nicht, weil es die AfD bei den Wahlen zur Bürgerschaft anders als bei Bundestagswahlen mit einer Konkurrenz zu tun hat, die im gleichen, rechten Stimmenreservoir unterwegs ist, den „Bürgern in Wut“. Und außerdem: Fast schon traditionell ist die Partei im Nordwesten deutlich schwächer als im Osten oder Süden der Republik. Mit sächsischen Zahlen jenseits der 20 Prozent kann sich Bremens AfD nicht messen, eher mit denen aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein, wo es 2017 bei den Landtagswahlen auch nur für jeweils rund sechs Prozent reichte. 

Käme die AfD am 26. Mai an den Wahlurnen auf acht Prozent, würde das sechs oder sieben Mandate bedeuten. Wäre Magnitz dann einmal wegen Berliner Bundestagspflichten an der Weser verhindert, könnten immer noch Stellvertreter Jürgewitz und Tochter Ann-Kathrin darauf achten, dass daheim nichts aus dem Ruder läuft.

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