Völkischer Verein mit Rechtsdrall

Von Julian Feldmann
15.02.2018 -

Die nordrhein-westfälische Landesregierung sieht bei dem völkisch-heidnischen Friedhof „Ahnenstätte Seelenfeld“ im Nordosten des Landes vereinzelte Kontakte zur rechtsextremen Szene. Das geht aus einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der SPD hervor, die bnr.de vorliegt.

Die "Ahnenstätte Seelenfeld" in Petershagen steht seit letztem Jahr in der Kritik. Photo (Archiv): J. Feldmann

Nachdem der „blick nach rechts“ im Juni vergangenen Jahres über ein Treffen der „Ahnenstätte Seelenfeld“ in Petershagen (Kreis Minden-Lübbecke) berichtet hatte, begann in dem kleinen Örtchen Seelenfeld die Diskussion um den heidnischen Friedhof und die dahinterstehenden rechten Aktivisten. An der „Ahnenstätten“-Zusammenkunft hatten bekannte Rechtsextremisten teilgenommen – nicht zum ersten Mal. Die „Ahnenstätte Seelenfeld“ war in der Weimarer Republik von Mitgliedern des völkisch-antisemitischen „Tannenbergbund“ um Erich Ludendorff gegründet worden. Die Gründer, so genannte „Ludendorffer“, behielten auch nach 1945 die Kontrolle über die „Ahnenstätte“.

Auf eine Kleine Anfrage der Bielefelder SPD-Landtagsabgeordneten Christina Kampmann zur völkisch-rechtsextremen Szene antwortet die Landesregierung in Düsseldorf nun zurückhaltend. Der Landesregierung sind „vereinzelte lose Kontakte“ zwischen der „Ahnenstätte“ „zu rechtsextremistischen, insbesondere völkischen und antisemitischen, Organisationen und Einzelpersonen“ bekannt, so das Innenministerium.

Vorstandsmitglieder mit Kontakten in die rechte Szene

Recherchen von bnr.de belegen hingegen, dass der Vorstand des Trägervereins der „Ahnenstätte Seelenfeld“ aus drei Personen besteht, die alle Kontakte in die rechtsextreme Szene haben. Ein Vortrag des Vorsitzenden des Betreibervereins, Helge Ohlsen aus Hamburg, wurde im Februar 2009 in der Vereinszeitschrift „Die Warte“ des rechtsextremen „Norddeutschen Kulturkreises“ angekündigt. Als Veranstaltungsort wurden die Räume der „Burschenschaft Germania Königsberg zu Hamburg“ benannt. Der „Norddeutsche Kulturkreis“ war 1962 als „Freundeskreis Filmkunst“ unter Beteiligung von Altnazis gegründet worden.  Jahrzehntelang zeigte der Verein indizierte NS-Filme in angemieteten Kinos, zuletzt lud er vor allem zu Vorträgen ein. „Führende Mitglieder des Vereins hatten einen rechtsextremistischen Vorlauf oder unterhielten Verbindungen zum Rechtsextremismus“, stellte der Hamburger Senat 2010 fest. 2014 löste sich der Verein auf.

Schon in den 1990er Jahren tauchte Ohlsens Name in Dokumenten einer rechtsextremen Organisation der „Reichsbürger“ auf. Texte von Ohlsen erschienen zuletzt in der vom Verfassungsschutz beobachteten „Ludendorffer“-Zeitschrift „Mensch und Maß“.

In der „Ludendorff-Gedenkstätte“ aktiv

Ebenfalls Vorstandsmitglied des Seelenfelder Betreibervereins und Stättenwart ist Udo David aus Petershagen, ein ehemaliger Realschullehrer. David besuchte 2010 mindestens zwei Versammlungen des rechtsextremen „Bundes für Gotterkenntnis“. Zudem ist David seit Jahrzehnten im „Ludendorffer“-Verein „Ludendorff-Gedenkstätte“ aktiv, der sich um das ehemalige Landhaus von Mathilde und Erich Ludendorff in Tutzing am Starnberger See kümmert.

Auch das dritte Vorstandsmitglied des „Ahnenstätten“-Vereins, Inka M., hat Berührungspunkte zu völkisch-rechtsextremen Kreisen. An mindestens einer Versammlung, zu der der „Bund für Gotterkenntnis“ 2010 in eine Gaststätte nach Minden eingeladen hatte, nahm M. teil. Außerdem wurde sie 2011 in die Führung der „Arbeitsgemeinschaft für Heimat- und Naturkunde in Westfalen-Lippe“ gewählt. Diese „Arbeitsgemeinschaft“ unterhielt – damals noch unter dem Namen „Bund Deutsche Heimat“ – bis in die 1990er Jahre in Versmold-Loxten (Kreis Gütersloh) ein „Jugendheim“, in dem völkische Jugendlager und Sonnenwendfeiern organisiert wurden. Vor allem die rechtsextremen „Ludendorffer“ nutzten das Heim intensiv.

„Durch den BfG organisierte Veranstaltungen nicht bekannt“

Die „Arbeitsgemeinschaft für Heimat- und Naturkunde in Westfalen-Lippe“ ist personell eng mit dem „Ahnenstätten“-Verein in Seelenfeld verbunden. Dennoch führt der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz die Organisation nicht als Beobachtungsobjekt, wie das Innenministerium der Landtagsabgeordneten Kampmann mitteilte.

Auch ansonsten scheint der Verfassungsschutz die völkisch-rechtsextreme Szene in Ostwestfalen-Lippe teilweise nicht im Blick zu haben. Auf Kampmanns Frage, welche Treffen des verfassungsfeindlichen „Bundes für Gotterkenntnis“ (BfG) dem Innenministerium seit 2010 bekannt seien, heißt es lapidar, der BfG hätte seinen Schwerpunkt in anderen Bundesländern. „Durch den BfG organisierte Veranstaltungen in Nordrhein-Westfalen sind der Landesregierung nicht bekannt.“ Mindestens zu drei Versammlungen traf sich der BfG allerdings alleine 2010 in einer Gaststätte in Minden. Als Referenten traten dort der Braunschweiger „Ludendorffer“ Gerhard Bracke und die „Ludendorfferin“ Adelheid Duppel auf. Organisator der Mindener Treffen, zu denen auch aus dem Raum Unna und dem Osnabrücker Land Teilnehmer anreisten, war Gernot Lange aus Kirchdorf (Kreis Diepholz), der 2010 in den Vorstand des „Bundes für Gotterkenntnis“ gewählt wurde, inzwischen jedoch auch wieder ausschied.

„Arbeitskreis für Lebenskunde“ drillt Kinder und Jugendliche

Auch Treffen des völkischen „Arbeitskreises für Lebenskunde“, des Jugendverbands der „Ludendorffer“, der immerhin seinen offiziellen Sitz in Essen hat, hat die Landesregierung nicht registriert. Dass der „Arbeitskreis“ die Kinder und Jugendlichen, die aus völkischen Familien kommen, ganz im Sinne der antisemitischen und rassistischen Lehren von Mathilde Ludendorff drillt, ist in der Satzung und ganz offen auf der Internetseite der Organisation nachzulesen: „Den Ausgangspunkt für die Gestaltung des Lagerablaufes, für die Auswahl der Lebenskundethemen und deren Behandlung, bildet die Philosophie von Mathilde Ludendorff.“ „Lebenskundethemen“ sind etwa „Selbst- und Volkserhaltung“ oder „Sittengesetz und Moralvorstellungen“. „Die Erhaltung der Vielfalt und Verschiedenheit aller Kulturen und Völker ist uns ein besonderes Anliegen. Eine große Bedeutung hat dabei unser eigenes Volk, in dem wir verwurzelt sind.“

Die Landtagsabgeordnete Kampmann fordert von der Düsseldorfer Landesregierung, dass sie die Stadt Petershagen bei der Aufarbeitung der Geschichte der „Ahnenstätte“ unterstützen solle. Die Stadt Petershagen hatte im Sommer vergangenen Jahres – nach den Berichten von bnr.de und WDR – ein Gespräch mit dem „Ahnenstätten“-Verein gesucht. Die Stadt forderte den völkischen Verein gar auf, „die Öffentlichkeitsarbeit (zu) intensivieren“.

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