Völkische „Kinderlager“

Von Andrea Röpke
13.04.2017 -

Es gibt sie noch die organisierte braune Kindererziehung. Ehemalige HDJ-Aktivisten führen in Ostwestfalen weiter Kinderlager durch und der nicht verbotene „Sturmvogel – deutscher Jugendbund“, ein Ableger der militanten „Wiking Jugend“, schickt seinen Nachwuchs zur  Osterfahrt ins Ausland.

Der „Sturmvogel“ trifft sich am Dresdner Bahnhof; Photo: Presseservice Rathenow

Kaum haben die Osterferien begonnen, geht es für die Kinder des völkischen „Sturmvogels – deutscher Jugendbund“ schon auf große Fahrt. Nach Medienberichten über deren Verflechtung mit AfD und „Identitärer Bewegung“ scheut die konspirative Organisation die Öffentlichkeit anscheinend noch mehr und flüchtet ins europäische Ausland. Bereits das letzte Sommerlager fand 2016 in Südschweden statt.

Diesmal ging es anscheinend Richtung Österreich. Wie der „Presseservice Rathenow“ berichtete, traf sich ein Teil der „Sturmvogel“-Gruppe am Samstagmorgen am Hauptbahnhof in Dresden. Die Kinder und Jugendlichen waren unschwer erkennbar. Fotos zeigen sie mit schweren Gepäck, zum Teil altertümlich gekleidet, einige tragen die grünen Hemden des Bundes, der sich gern verharmlosend in der Tradition des „Wandervogels“ verortet. Doch Drill und Ideologie spielen auch in deren Reihen eine Rolle.

Drill und NS-Ideologie für den rechtsextremen Nachwuchs

Die HDJ scheint dagegen in Ostwestfalen aufzuleben. Etwa 60 Personen versammelten sich Anfang April auf dem Berlebecker Anwesen des ehemaligen Leitführers der HDJ-„Einheit Hermannsland“, darunter viele Kinder. Das Treffen sei eines der größten in einer langen Reihe von Aktivitäten gewesen, berichten Beobachter des antifaschistischen Portals „hiergeblieben.de“ aus Bielefeld. Unter den Besuchern bei Gerd Ulrich seien mindestens 15 polizeibekannte Neonazis  aus den Kreisen Osnabrück und Schaumburg, Minden-Lübbecke, Höxter, Paderborn, Soest, Lippe und aus Bielefeld gewesen. Zeugen sahen Kinder in schwarzen Hosen und blauen Hemden.  „Das ähnelt stark der Uniform der HDJ“, sagte Frederic Clasmeier von der „Beratungsstelle gegen Rechts“ gegenüber der „Lippischen Landeszeitung“. Die Experten von der „Beratungsstelle“ sehen  auch das Kindeswohl in Gefahr. Die HDJ und mögliche Nachfolgestrukturen dienten dazu, mit Drill, NS-Ideologie und Gewalt den eigenen rechtsextremen Nachwuchs heranzuziehen.

Tatsächlich scheinen etwa 30 Aktivisten aus den Reihen von HDJ, „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft“ sowie der NPD ihren Nachwuchs in zeitlichen Abständen immer wieder in Berlebeck abzugeben. Ulrich hatte dieses Mal einen Sichtschutz um das Grundstück am Bergrücken Hohe Warte errichtet. Dennoch wurden Bogenschießübungen und eine Auseinandersetzung im militärischen Tonfall von Zeugen beobachtet. „Steh endlich auf“, sei befohlen worden, danach soll ein Junge den Hang hinauf geschleift worden sein. Das war kein Spaß, keine Spielerei, zitieren Verantwortliche von „hiergeblieben.de“  Zeugen. Das Portal listet – ebenso wie „blick nach rechts“  – eine ganze Reihe von Kindertreffen über die Jahre bei den Ulrichs auf.

Seit dem HDJ-Verbot wenig geläutert

Dabei sollte es die eigentlich nicht mehr geben, denn die „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ) war vor acht Jahren vom Bundesinnenministerium verboten worden. Ihr Ziel sei die kompromisslose „Heranbildung einer neonazistischen Elite“, stand in der Verbotsverfügung zu lesen. Es bedeutete  auch das Aus für die „Einheit Hermannsland“ und „Leitstelle West“, beide zuvor per Postfach in Detmold erreichbar. Eines der größten Treffen, das „Bundessommerlager“ fand 2006 bei den Externsteinen statt, mitorganisiert von dem Berlebecker Neonazi Gerd Ulrich. Ulrich war zuvor bereits „Gauführer Westfalen“ in der 1994 verbotenen, militanten „Wiking-Jugend“. Außerdem war er jahrelang im gewaltbereiten Ordnungsdienst der NPD tätig.

Seit dem Verbot der HDJ und damit auch seiner „Einheit Hermannsland“ scheint Ulrich wenig geläutert. Im Dezember 2016 besuchte er gemeinsam mit NPD-Größen und anderen ehemaligen HDJ-Aktivisten die Trauerfeier für den früheren „Wiking-Jugend“-Kader Sepp Biber. (bnr.de berichtete) Auf seinem Anwesen empfängt er  immer wieder Neonazis, darunter eine Frau aus dem Vorstand der „Artgemeinschaft“, so „hiergeblieben.de“. Ulrichs Ehefrau betreute Anfang September 2016 während eines Gerichtsprozesses vor dem Amtsgericht Detmold die angeklagte Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel aus dem nahen Vlotho.

Behörden können Uniformierung nicht erkennen

Bereits 2004 warnte das Bundesamt für Verfassungsschutz in einer internen Broschüre vor der „Gruppe Ulrich“ in Detmold, die seit etwa 1993 Wehrsportübungen durchführen würde. Die Mitglieder würden sich Sprengmittel besorgen, Erddepots anlegen und Sprengübungen durchführen, hieß es. Ulrich wurde rechtskräftig zu einer Bewährungsstrafe wegen Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz verurteilt. Vor den Aktivitäten der HDJ-Einheit „Hermannsland“ warnten die Schlapphüte erst, nachdem investigative Medienrecherchen deren Aktivitäten offen legten. Die Bilder vom Lager in Fromhausen in Ostwestfalen schockierten die Öffentlichkeit. „Führerbunker“ war auf einem Zelt zu lesen. Drei Jahre später erfolgte das Verbot.

Staatsschutz und Lippische Polizei, die vergangene Woche am späten Sonntagnachmittag noch vor Ort in Berlebeck erschienen, konnten laut „Lippischer Landeszeitung“ von einer Uniformierung nichts mehr erkennen. „Die Kinder waren bunt angezogen", sagte ein Staatsschutz-Sprecher auf Nachfrage der LZ. So sahen die  Behörden juristisch wieder einmal keine Handhabe. Es hieß nur: „Es ist nicht verboten, sich zu treffen.“

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