Völkische Frauenbilder

Von Andrea Röpke
04.04.2018 -

Der Feminismus ist zu attraktiv, um ihn anderen zu überlassen: Rechte Anti-Feministinnen bemühen sich daher um Mitsprache und eigene Deutung.

Der „Ring Nationaler Frauen“ stellt keine eigenen frauenpolitischen Forderungen; Photo (Archiv): Otto Belina

Die anhaltende Aufmerksamkeit für Gewalt gegen Frauen in den sozialen Medien bringt heimattreue Nationalisten auf den Plan. Die Gruppen „Identitäre Bewegung“ und „Ein Prozent“ bewerben eine Kampagne mit dem Titel: „120 db“, benannt nach einem 120 Dezibel starken Taschenalarm, der Frauen vor Übergriffen schützen soll. „Frauen wehrt euch!“ fordern junge Aktivistinnen öffentlichkeitswirksam bei YouTube, Facebook oder WhatsApp und meinen doch nur: Wehren gegen „importierte Gewalt“, also gegen Migranten und Geflüchtete. Männliche deutsche Schläger und Angreifer sind ihr Thema nicht. Die rassistische Kennzeichnung der „Rapefugees“ machte schnell die Runde. Ein durch den Nationalismus vermitteltes Überlegenheitsgefühl dämmt dabei weibliche Emanzipationstendenzen ein.

In Rheinland-Pfalz fordert ein rechtes „Frauenbündnis Kandel“ „Schutz für unsere Kinder, Frauen, Alten, Schwachen!“ und stellt zugleich klar: „Unsere Werte – unsere Heimat. Wer sich nicht dazu bekennt, soll Deutschland verlassen!“  Auch hier geht es nicht grundsätzlich um Gewalt an Frauen, sondern nur die mutmaßlich durch „Zuwanderer“ begangene. Rechte Kleinstgruppen oder Frauenblogs transportieren ein „selbstbewusstes patriotisches Frauenbild“. Nicht allein durch ihr Medium, das Internet, ist es gelungen, sich über männliche Gewaltexzesse Gehör zu verschaffen. Tausende Mädchen und Frauen fühlen sich von den thematisch abgestimmten Demonstrationen wie dem in Kandel oder dem AfD-nahen „Marsch der Frauen“ in Berlin angezogen.

Idee eines „nationalen Feminismus“

Frauenrechte und Feminismus gelten als Errungenschaften einer „umerzogenen“ Gesellschaft, die traditionelle Rechte lehnt sie deutlich ab. Die Aufklärung der Achtundsechziger und deren Folgen sind eines der Lieblingsfeindbilder der Neuen Rechten. Völkisches Denken und Feminismus laufen ohnehin konträr, denn eine allumfassende weibliche Gleichberechtigung lässt sich mit dem Ideal einer homogenen „Volksgemeinschaft“ nicht verbinden. Begriffe wie rückschrittlich oder reaktionär treffen das Rollenverständnis derer besser, die sich nun ein modernes Image zugelegt haben. Das Patriarchat wird von Aktivistinnen aller rechten Lager nicht in Frage gestellt.

Die Szene von rechten Hooligans bis zu den „Identitären“ strotzt geradezu vor maskulinem Gehabe, Figuren wie der US-amerikanische Alt-Right-Anhänger Jack Donovan oder der frauenfeindliche Autor Akif Pirincci genießen Kultstatus. Nichts liegt ideologisch ferner als Geschlechteregalität oder liberale Familiengestaltung, und doch wabert eine Begrifflichkeit durch den Raum, die sich nicht abschütteln lässt: Die Idee eines „nationalen Feminismus“. Angeheizt auch durch die Forderung der erzkonservativen Publizistin Birgit Kelle nach einem „femininen Feminismus“ diskutieren Experten, ob es vielleicht doch kein Parodoxon ist und es den Feminismus von rechts geben kann. Sie besetzen den Feindbegriff „Feminismus“ immer wieder öffentlichkeitswirksam, meistens mit „Nein – Aber“-Positionen. Dahinter lässt sich die strategische Idee vermuten, diese Ideologie allmählich zu verwässern, zu entschärfen und völkisch zu besetzen.

„Genderterror abschaffen“

Der Ruf nach einem „nationalen Feminismus“ währte in der Vergangenheit nur kurz. In einer Art Manifest forderten drei junge Neonazi-Aktivistinnen des „Mädelrings Thüringen“ 2007: „Deutsche Frauen wehrt euch – gegen das Patriarchat und politische Unmündigkeit“, „Nationaler Feminismus voran!“. Ihre Kritik richtete sich dabei auch gegen die eigenen Kameraden. Sie wollten Emanzipation, doch auf keinen Fall „Emanzen“ sein. Eine „übertriebene Stilisierung der Mutterrolle“ wurde in Frage gestellt. Ein für die Szene provokativer Vorgang. An einem Treffen des 2004 gegründeten „Mädelrings Thüringen“ im November 2007 beteiligten sich 15 Neonazistinnen. Die „volkstreuen Mütter und Töchter“ beschäftigten sich mit dem Thema Gender Mainstreaming. 

2008 schon war die Homepage der Frauengruppe nicht mehr abrufbar. Die Aktivistinnen, zum Teil gerade Mütter geworden, passten sich ideologisch der rechten Mehrheit an. Eine von ihnen forderte 2009 dann szenekonform: „Genderterror abschaffen“. Bereits wenige Jahre zuvor waren junge Berliner Neonazistinnen mit ihrer Auflehnung gegen männlichen Chauvinismus gescheitert. Die „Mädelgruppe“ der autonomen und konspirativen „Kameradschaft Tor Berlin“ soll mehr Rechte für Frauen auch im Straßenkampf eingefordert haben. Doch der Einfluss völkisch-geprägter Ideologie sei sehr stark gewesen, berichtete eine Aussteigerin.

Emanzipation als „Irrlehre“ abgelehnt

Relevante größere rechtsextreme Frauenorganisationen gibt es zur Zeit nicht. Die NPD-Unterorganisation „Ring Nationaler Frauen“ hält sich über Wasser, stellt aber keine eigenen frauenpolitischen Forderungen. In einer männerdominierten Szene, in der ein biologistisches Weltbild die natürliche Unterwerfung der Frau vorsieht, ist weder Platz für eine Pluralisierung der Lebensstile, noch für den Kampf gegen das Patriarchat. Argwöhnisch warnte die Bundesleitung des bündisch-nationalistischen „Freibunds“ in seiner Schrift „Na klar“ 2008 vor Gleichstellung und Gender Mainstreaming. Mit der eigenen „Jungenschafts- und Mädelschaftsarbeit“ wolle man dagegenhalten und „Bewusstsein“ für „solche Gefahren“ schärfen. Denen, die die „gesunde Familie“ bedrohten, gehe es um Manipulation, Machteinfluss und Zerstörung von Strukturen.  Frauen aus dem Umfeld des „Rings Nationaler Frauen“ lehnen Emanzipation als „Irrlehre“ ab, fürchten ebenfalls nichts mehr als die Auflösung „natürlicher Geschlechterbilder“.

Organisationen wie die kleine Frauenkameradschaft „Gemeinschaft deutscher Frauen“, ein Zusammenschluss ehemaliger Skingirls, beklagten 2010 in ihrer Zeitschrift, der „jahrelang zelebrierte Feminismus“ habe einen massiven Beitrag „zum Verlust der natürlichen Frauenrolle“ beigesteuert. Aus diesem Grund wird ebenfalls der „Girlsday“ an den Schulen  abgelehnt, auch weil er aus der Sicht der extremen Rechten die „Vermännlichung“ der Frauen fördere.

Betonung von konservativen Rollenbildern

Ein Blick hinter die Kulissen enttarnt die Strategie, bei der Feminismus-Debatte mitzumischen: häusliche Gewalt, Sexismus oder weibliche Unterdrückung sind nach wie vor rechte Tabuthemen. Ein Beispiel: Als eine NPD-Frau unlängst wohl von ihrem Freund, einem sächsischen Parteifunktionär, verprügelt worden war und sogar Fotos als Beweise  herumgingen, schwiegen die ewig-empörten Sachsen. Kein Aufschrei, wenig Solidarität für das Opfer, das ohnehin nicht die Stimme erhob.

Der neurechte Blog „radikal feminin“ mag eine Handgranate im Logo haben, seine Protagonistinnen wirken alles andere als explosiv. Der Blog scheint Teil einer Kampagne  wie eben auch „120 db“ zu sein.  Die beiden „radikal feminin“-Gründerinnen „Marja“ und „Franziska“ stehen der „Identitären Bewegung“ (IB) nahe. Beim Interview mit dem IB-Promi-Blogger Martin Sellner in einem Wiener Cafehaus drängt sich der Eindruck einer Inszenierung auf. Schüchtern präsentiert die Tübinger Studentin „Franziska“ in dem Videoclip bei YouTube ein konservatives weibliches Allerweltsbild und jammert einem väterlich-wissenden Sellner vor, wie schwer es für „Mädels in dieser Gesellschaft sei, Hausfrau und Mutter werden zu wollen. Der fällt ihr immer wieder ins Wort. Lenkt das Gespräch. Klar wird:  Die „radikal feminine“ junge Frau wünscht sich in die 1950er Jahre, in denen war von Feminismus so gut wie nichts zu spüren. In der ersten Ausgabe des neuen „Arcadi“-Magazin 2018 ist sie dann auch auf dem Titel, die Überschrift lautet: „Radikal feminin – Liebe. Feminismus. Sexualität“. Auch dort betont die Aktivistin konservative Rollenbilder und fordert: „Männer, hört auf euch wie Waschlappen zu benehmen!“ Ihre Lieblingsfilme sind übrigens „Sissi“ und „Das Boot“.

Grundsätzlich eine „antifeministische Grundhaltung“

Melanie Schmitz aus Halle dagegen vermittelt ein etwas differenzierteres Bild. Die Frau, die auch als Sängerin „Melanie Halle“ der „Identitären Bewegung“ bekannt ist, bezeichnete sich bereits 2016 als „eine der wenigen rechtspolitischen Aktivistinnen“. Als Bloggerin möchte Schmitz „Frauenrechtlerin“ statt Feministin sein. Auf ihrem Blog bescheinigt auch sie sich grundsätzlich eine „antifeministische Grundhaltung“, mahnt aber zum Beispiel im Hinblick auf den Paragraphen 177 des Strafgesetzbuches, bei dem es um Vergewaltigung in der Ehe geht: „Nein“ heiße auch „nein“. In dem Text räumt sie ein: „Ja, wir haben hier vielleicht auch Probleme mit deutschen Männern in Deutschland“, es gebe „genug“, die im Falle eines Neins „komplett ausrasten“ würden. Ellen Kositza, omnipräsentes Aushängeschild der Neuen Rechten, bezeichnete das Gesetz dagegen wohl als höchstrichterlichen Eingriff in intime Zustände. „Nein heißt nein“ sei „lächerlich und ein reines Einfallstor für private Schlammschlachten“, zitierte die TAZ die Publizistin aus Schnellroda, die sich demnach als „strikt antifeministisch“ kennzeichnet.

Weiblich, nationalistisch und heimattreu. Hausfrau und Muttersein als Hauptaufgabe einer deutschen jungen Frau. Politisch den dominanten Männern den Rücken stärken. So sieht das Frauenbild der Rechten aus, daran hat sich auch aktuell nichts geändert.

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