Völkisch-nationalistische Jugendarbeit

Von Andrea Röpke
02.07.2019 -

Aktivisten aus rechtsextremen Organisationen schicken ihren Nachwuchs in die soldatisch anmutenden Zeltlager des „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“ – weitgehend unbeachtet von der Politik und den Behörden.

Abgeschirmt: Die „Sturmvogel“-Jubliläumsfeier im Spätsommer 2017; Photo (Archiv): Otto Belina

„Heil, dem deutschen Volk“ riefen die jungen Uniformierten bei ihrer Zeremonie am Lagerfeuer. Im Schein der Flamme vereidigten sie neue Mitglieder des Bundes und gründeten eine „Mädelgruppe“ namens „Ostara“, die in Sachsen aktiv werden soll. Demnächst solle auch eine „Ortsgruppe“ vor Ort entstehen, angeführt von einem jungen Forstwissenschaftler. Als sich am Pfingstwochenende, im Juni 2019, die aktiven Mitglieder des „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“ zu ihrem „Bundeslager“ in Spechtshausen nahe Tharandt, unweit von Dresden, trafen, blieb das Geschehen nicht unbeachtet. 

„Dorf wehrt sich gegen rechtsextreme Gruppe“, titelte wenige Tage später die „Sächsische Zeitung“ (SZ) in ihrem Lokalteil und berichtete von den Vorkommnissen in Spechtshausen. Das Zeltlager der Jugendgruppe habe die Anwohner „schockiert – aber nicht erstarren lassen“ lobte die Redakteurin in ihrem Kommentar das couragierte Verhalten der Dorfbewohner, die spontan aktiv wurden. Nach den ersten Eindrücken vom soldatischen Charakter des Zeltlagers mit Parolen, Trommeln und Gleichschritt, wurde ein Transparent gemalt, auf dem die eindeutige Botschaft lautete: „Spechtshausen heißt die Sturmvögel nicht willkommen“. Es wurden mehr als 90 Unterschriften gesammelt und ein gemeinsames Protest-Schreiben für den Stadtrat in Tharandt verfasst, in dem auch auf mögliche weitere Veranstaltungen auf dem Gelände hingewiesen wurde. Das „Kulturbüro Sachsen“ schreibt dem „Sturmvogel“ „ganz klar eine Verherrlichung der NS-Ideologie zu“ und lobt das Engagement: Am besten wehre man sich lautstark und öffentlich – „wie in Spechtshausen geschehen“.

Rechtsextreme mit Kampfhunden aufgetaucht

Doch die mutigen Einwohner kamen bei der Stadtratssitzung nicht zu Wort. Der parteilose Bürgermeister erklärte laut der „Sächsischen Zeitung“, man wolle die Vorfälle gemeinsam mit den Behörden prüfen. Es wurde zur Tagesordnung übergegangen. Kritischen Beobachtern erschien es, als solle das Thema nicht noch mehr in der Öffentlichkeit ausgebreitet werden. Dabei hätte die Zivilcourage der Betroffenen Unterstützung verdient

Denn es hieß, bereits kurz nach Beginn des Protestes seien Rechtsextreme mit Kampfhunden aus dem benachbarten Pohrsdorf aufgetaucht, um die Spechtshausener zu bepöbeln.

Aus Pohrsdorf stammt der Eigentümer des Geländes, auf dem der völkische Jugendbund sein Lager aufbaute. Er ist Jahrgang 1946 und kandidierte für die „Alternative für Deutschland“ (AfD). Mit der völkischen Organisation habe er keine Probleme, er sei eben gefragt worden, ob es einen Platz gebe, auf dem es möglich sei, „deutsche Lieder zu singen und deutsche Tänze zu tanzen“, erinnerte er sich gegenüber der SZ.

„Wir sind in unserer Gesellschaft etwas Besonderes“

Den „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“, 1987 im hessischen Lippoldsberg gegründet, zieht es nicht zum ersten Mal nach Sachsen. 2017 feierte die Organisation, eine Abspaltung der 1994 verbotenen militanten „Wiking-Jugend“, ihr 30-jähriges Bestehen im Lunzenauer Ortsteil Cossen nahe Chemnitz. Die aus Niedersachsen stammende Bundesführerin, eine Enkelin der bekannten NPD-Frau Edda Schmidt, studiert in Dresden. Ihre Schwester soll eine neue „Mädelgruppe“ namens „Ostara“ anführen, die Pfingsten wieder neu zum Leben erweckt wurde.  Bereits 1990 gab es in der rechts-bündischen Jugendorganisation „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“ eine „Mädelgruppe“ gleichen Namens. Angaben aus dem „Sturmboten“ zufolge unternahm sie 1990 zu „Ernting“ eine „Ostpreussenfahrt“. Die Mitglieder des „Sturmvogels“ wollen das „große deutsche Kulturerbe“ bewahren und betrachten sich als „nationale Elite“: „Wir sind in unserer Gesellschaft etwas Besonderes, dessen sind wir uns bewusst.“

Es sind Aktivisten aus den Reihen von NPD, der mittlerweile aufgelösten „Europäischen Aktion“ oder der „Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft“, die ihren Nachwuchs zu dieser Organisation schicken. Trotz der Enthüllungen von Lagern ähnlicher Organisationen wie der „Heimattreuen Deutschen Jugend“, steht der „Sturmvogel“ nicht unter Beobachtung des Verfassungsschutzes. Das 30-jährige Jubiläum des „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“ organisierte einer der Söhne der völkisch-nationalistischen „Neo-Artamanen“ aus dem mecklenburgischen Koppelow mit. Der junge Mann ist nebenher – wie übrigens auch andere „Sturmvögel“ –  in der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ aktiv. 

„Sturmvogel“-Mitglieder beim „Tag der Ehre“ in Budapest?

Mit der Einschätzung: „Hier drohen junge Leute für die Demokratie verloren zu gehen, weil sie sich nur in der Szene bewegen und das offenbar über mehrere Generationen schon“, lag die ehemalige niedersächsische Verfassungsschutz-Chefin Maren Brandenburg nicht falsch, doch seither geschah anscheinend nichts. Dabei besteht dringend Bedarf: Denn wie es scheint, beteiligten sich im Februar 2019 auch junge Männer aus den Kreisen so genannter Völkischer Siedler am „Tag der Ehre“ in Budapest. Die alljährliche „Gedenktour“ mit Geländemarsch und Demonstration wird von ungarischen Neonazis organisiert, sie soll an „den heldenmütigen“ Kampf von deutscher Wehrmacht und ungarischen Soldaten in der „Schlacht um Budapest“ im Zweiten Weltkrieg erinnern. Jedes Jahr marschieren Tausende aus zahlreichen europäischen Ländern unter Beteiligung des „Blood&Honour“-Netzwerks in der ungarischen Hauptstadt auf.  Beim 60 Kilometer Marsch sind Stahlhelme und SS-Uniformen zu sehen. Die Organisatoren veröffentlichen die Teilnehmerlisten des 60-Kilometer-Marschs mit mehr als 2000 Namen. Nicht alle stimmen, eine Teilnehmerin nannte sich „Angela Merkel“.  Fotos zeigen Teilnehmer aus der ehemaligen „Heimattreuen Deutschen Jugend“. Einzelne Mitglieder des „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“ werden in den Listen der ungarischen Kameraden auch aufgeführt.