Unheilvolle Allianzen: Rechte und Rocker

Von Otto Belina
04.04.2019 -

Zwischen kriminellen Rockergangs und der regionalen rechtsextremen Szene in Mecklenburg-Vorpommern zeichnet sich eine enge Zusammenarbeit ab. Ein Kuttenträger aus Sassnitz ist AfD-Kandidat für die Kommunalwahlen im Mai.

„Bandidos“-Treffen in Stralsund; Photo (Archiv): Otto Belina

Bereits die NPD zeigte wenig Berührungsängste zu Kuttenträgern in den eigenen Reihen, jetzt stellte auch die „Alternative für Deutschland“ (AfD) in Mecklenburg-Vorpommern ein aktives Mitglied einer kriminellen Rockergang zur Kommunalwahl Ende Mai 2019 auf. Wie die „Ostsee-Zeitung“ berichtete, kandidiert René Jens auf Platz drei der Kandidatenliste für Sassnitz auf der Insel Rügen. Sicherheitsunternehmer Jens gehört demnach den „MC Bandidos“ an, ein Club, der der Organisierten Kriminalität zugerechnet wird. In Ostvorpommern sollen sie die Vormacht haben, während im Mecklenburger Teil des Landes die „Hells Angels“ führend sind. Seit Jahren zeichnet sich bei beiden Clubs im Norden eine enge Zusammenarbeit mit der regionalen rechtsextremen Szene ab.

Internen Informationen zufolge soll der jetzige AfD-Kandidat, Jahrgang 1979, am 7. Mai 2011 an einer rechtsextremen Feier in Salchow bei Anklam teilgenommen haben. Dort sind die Verbindungen zwischen „Bandidos“-Ableger „MC Vengator“ und den Rechtsextremen besonders auffällig. Das „Vengator“-Clubhaus befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur NPD, Fotos zeigen Mitglieder beider Spektren bei gemeinsamen Feiern. 

Name von mutmaßlichem OSS-Mitglied am „Vengator“-Clubhaus

Am Klingelschild des Anklamer „MCs Vengator“ steht der Name von Marcel L. Der muss sich zur Zeit als mutmaßliches Mitglied der rechtsextremen Terrorgruppe „Oldschool Society“ (OSS) vor der Staatsschutzkammer des Oberlandesgerichts in Dresden verantworten. Den beiden Angeklagten wird die Bildung einer terroristischen Vereinigung sowie unter anderem die Vorbereitung von Brandanschlägen mit Brand- und Nagelbomben auf Flüchtlingsunterkünfte vorgeworfen. Im September 2017 war der Angeklagte mit Kutte in Neubrandenburg polizeilich festgestellt worden, er soll Anhänger eines Unterstützerclubs der „Bandidos“ sein, deren Treffen zeitgleich in der Stadt stattfand. L. war inzwischen nach Anklam gezogen. Vorher wohnte er im sächsischen Meerane, dort hatte er 2014 erfolglos für die NPD bei der Kreistagswahl kandidiert. 

L.s mutmaßlicher „Bruder“, der kuttentragende AfD-Kandidat aus Sassnitz, scheint seine politische Karriere erst zu starten. Laut „Ostsee-Zeitung“ bescheinigte der Kreisvorsitzende der AfD dem Security-Unternehmer nach Vorlage des polizeilichen Führungszeugnisses, „sauber“ zu sein. Der stellvertretende AfD-Kreisvorsitzende, Ex-Polizist Michael Meister, reagierte „empört“ und behauptete gegenüber der Lokalzeitung, es sei „von Beginn an“ bekannt gewesen, dass „Herr Jens Mitglied der Bandidos ist“. Der Vorsitzende habe dies sogar betont bei der Vorstellung der Kandidaten und ihn „ausdrücklich“ für die Gemeinderatswahl in Sassnitz vorgeschlagen. Leif-Erik Holm, AfD- Fraktionschef im Schweriner Landtag, gab an, den Vorfall prüfen zu wollen. Er sagte der Zeitung: „Sollte Herr Jens in der Vergangenheit mit Straftaten aufgefallen sein, wäre dies absolut unvereinbar mit einer Kandidatur für die AfD.“ Die bloße Mitgliedschaft in einer kriminellen Gang scheint demnach kein Ausschluss-Kriterium.

Territoriale Auseinandersetzungen erfordern personellen Nachschub

Kriminelle Rockergruppen wie die MCs „Gremium“, „Hells Angels“, „Bandidos“ oder „Mongols“ betätigen sich in den szenetypischen Deliktfeldern der Organisierten Kriminalität: Drogenhandel, Prostitution, illegaler Waffenbesitz, Geldwäsche und Gewalt. Deren territoriale Auseinandersetzungen erfordern personellen Nachschub. Während in der Öffentlichkeit vor allem über migrantisch dominierte Clan-Kriminalität informiert wird, breiten sich kriminelle Rockergruppen mit Unterstützung von Vorfeldgangs bundesweit weitgehend unbeachtet aus. Zahlreiche Gruppen, vor allem in Nordrhein-Westfalen, fanden Zulauf durch Migranten und Russlanddeutsche. In eher ländlich geprägten Regionen werden seit Jahren gezielt Rechtsextremisten, rechte Hooligans und Kampfsportler rekrutiert.

Die kriminelle Rocker-Szene zeichnet sich untereinander durch wechselhafte Allianzen aus. Das Magazin „Focus“ berichtet zum Beispiel über die zeitweilige Verbrüderung zwischen ortsansässigen „Hells Angels“ und einem kriminellen Dortmunder Anführer der mhallami-libanesischen Miri-Familie. Gemeinsam geht es gegen die in Dortmund dominanten „Bandidos“. In Bremen dagegen scheint so eine Kooperation undenkbar, da die Vorherrschaft der „Hells Angels“ ausgerechnet von einem zur Zeit noch inhaftierten Mitglied der Miri-Familie als Anführer des „MC Mongols“ in Frage gestellt wird. Fehden und Revierkämpfe weisen jedoch immer wieder veränderte Konstellationen auf. Doch eines scheint den meisten kriminellen Rockergangs gemein, sie äußern sich politisch.

Rechtsrock-Konzerte in Rocker-Locations

2017 wies CDU-Innenminister Caffier in Schwerin im Hinblick auf einen Rockerclub in Stralsund bei Rügen besorgt auf Verbindungen zwischen rechtsextremer Szene und Rockermilieu hin. Im Stralsunder Rockerclub „Huskarlar MC“ gebe es „mehrere Personen, die auch in der rechtsextremistischen Szene aktiv sind“, hieß es im anschließend im Verfassungsschutzbericht von Mecklenburg-Vorpommern. Mindestens ein Konzert der rechten Szene habe es im Clubhaus der Rocker gegeben. Seit Jahrzehnten finden Rechtsrock-Konzerte immer wieder in deren Locations statt. Das ist nicht neu. Trotz besseren Wissens wurde aber nur von „vereinzelten Berührungspunkten“ zwischen „rechtsextremistischen Subkulturen und der Rockerszene“ gesprochen. Ausgeblendet wurde auch die langjährige enge personelle Verbandelung in Anklam, Rostock oder Wismar.

Nach dem staatlich verordneten Kuttenverbot gaben viele Mitglieder der kriminellen Rockerclubs die politische Zurückhaltung auf. Auch Flüchtlingsthema, Asylrechtsverschärfung und so genannte Ausländerkriminalität werden von den Rockern in den sozialen Netzwerken gern aufgegriffen und politisch rechts besetzt. Rechten und Rockern ist nicht nur Ablehnung und Hass auf Staat und Gesetze gemein, sondern es gibt   zahlreiche ideologische Übereinstimmungen wie Macht- und Elitedenken, heidnischer Glaube, Soldatenkult und Heldenverehrung.

Kampfsport als zentrales Bindeglied

Ende 2017 feierte der Neonazi Alexander Deptolla aus Dortmund gemeinsam mit Mirko Appelt, Chef des „Hells Angels“-Charter „Rostock“ Silvester. „Red & White Family & Friends“ steht unter einem Gruppenfoto bei Facebook. Deptolla stammt aus der gewaltbereiten Kameradschaftsszene und ist einer der Hauptorganisatoren des Neonazi-Events „Kampf der Nibelungen“. Rostocker „Hells Angels“ posten diese Veranstaltungen. Diese Sympathiebekundungen sind kein Zufall, denn das „Rostock“-Charter besteht zum großen Teil aus ehemals aktiven Rechtsextremisten. Appelt führte lange den berüchtigten „Selbstschutz Sachsen-Anhalt“ an und sammelte nach seinem Umzug in den Norden Kameraden um sich. „Charter Rostock“, angeführt von Mirko Appelt, äußert sich bis heute aggressiv, antisemitisch und rassistisch. „Hier bekommt man jeden Tag mehr Hass auf diesen Abschaum und diesem (!) System!“ (im Original) lautet einer seiner zahlreichen Posts bei Facebook. Es gibt wohl aktuell auch enge Kontakte zum Rostocker Neonazi-Netzwerk „Aktionsblog“. Zentrales Bindeglied ist der Kampfsport. Bereits nach dem Verbot von „Blood&Honour“ im Jahr 2000 hatten Mitglieder die Lager gewechselt.

Auch das zweite Rostocker „Hells Angels“-Charter namens „Baltic Coast“ greift auf Rechtsextremisten als Verstärkung zurück. Sebastian K. ist dort „Member“, er war Vize-Chef des „MCs Schwarze Schar“ in Wismar, einer inzwischen verbotenen kriminellen Gang, die sich aus der ehemaligen Neonazi-Kameradschaft um Philipp Schlaffer zusammensetzte. In Wismar treffen sich die „Hells Angels“ in der Kneipe „Zur Ostseeküste“, Karfreitag steht ein „Osterbrunch“ des „HAMC Baltic Coast“ an.  Geschäftsmann K. nahm 2015 am Aufmarsch der „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa) in Köln teil. Bei Facebook liked er die Abrissfirma „Jungs fürs Grobe“ von Neonazi Sven Krüger aus Jamel, hält sich aber mit politischen Äußerungen zurück. Denn der Wismarer Tattoostudio-Betreiber ist bemüht um regionale Verankerung. Seine Initiative „Tätowierte gegen Krebs“ findet Anklang in der Region, tausende Euro an Spendengeldern werden öffentlichkeitswirksam an ausgewählte Erkrankte oder karitative Einrichtungen verteilt. Ein vorbildliches Engagement bringt Sympathien und senkt die Hemmschwellen gegenüber stark Tätowierten und Kuttenträgern. 

Wohltätigkeitsaktionen für eine gute Presse

Eine Strategie, die nicht neu ist. Bereits „Hells Angels“-Anführer wie Wolfgang Heer in Niedersachsen verstanden es lange, durch auffällige Wohltätigkeitsaktionen vom kriminellen Hintergrund abzulenken. Während sich die Prostitution in zynisch „Love-Mobils“ genannten Campern ausbreitete, berichteten Lokalzeitungen über den „Rockerkönig“ aus Walsrode, der Sportzentrum und Bowlingcenter betreibt und als integrierter Geschäftsmann gerne den Gönner gab. Einem Grünen-Politiker, der auf den kriminellen Hintergrund hinwies, wurde öffentlich gedroht, das Auto seines Sohnes ging in Flammen auf. Resigniert sagte er: „Ich habe ja nicht geahnt, dass ich mich mit der Mafia anlege.“

Positive Schlagzeilen gelten auch für kriminelle Rockergangs als produktiv. Sie senken zudem die Hemmschwelle für den interessierten Nachwuchs. Gutgelaunte, freundliche Höllenengel, die viel Geld für die gute Sache spenden, werden weniger schnell mit Gewalt, Frauenhandel oder Prostitution assoziiert. So auch im März dieses Jahres in der Altmark. „Rocker pumpen gegen den Krebs“ titelte eine Lokalzeitung und berichtete über die „1. Pushup Challenge“ in Salzwedel. Das Spendengeld soll demnach einem an Leukämie erkrankten „Hells Angel“ namens „Big Rob in Südafrika“ zugute kommen. Die Zeitung schildert von der „Benefizveranstaltung“ mit Liegestützwettbewerb, erwähnt aber nichts über den Hintergrund der Veranstalter. Fotos zeigen einen Boxweltmeister, der mitmacht und schließlich den „Präsidenten“ des „Charters Altmark“, Kay Schweigel, bei der Übergabe des Siegerpokals an „Max aus Cottbus“. Vor Jahren noch hätte Schweigel diese gute Presse wohl eher nicht erhalten, da gehörte er, wie sein Freund Appelt, der neonazistischen Kameradschaftsszene, den „Freien Nationalisten Altmark“, an. Ähnlich wie der Rostocker „Bruder“ schart auch Schweigel in Teilen Niedersachsens und Sachsen-Anhalt junge Männer in Gruppen wie „Division 39 MC“ um sich. Diese Gruppe bewegt sich zwischen rechten Hooligans und Rocker-Szene.