Rechtspopulismus und Arbeitswelt

Von Armin Pfahl-Traugbher
12.06.2018 -

Rechte Orientierungen sind auch im betrieblichen und gewerkschaftlichen Kontext verbreitet. Zwei jüngst erschienene Bände widmen sich diesem Thema.

Arbeitsweltliche Zuspitzungen ein Nährboden für Rechtspopulismus? (Screenshot, Verlagsseite)

Blickt man auf die Berufsgruppen der AfD-Wähler, dann fällt ein hoher Anteil von Arbeitern bei den Stimmabgaben für diese Partei auf. Wie erklärt sich dies? Die Sozialwissenschaftler Dieter Sauer und Ursula Stöger sowie die „Sozialismus“-Redakteure Joachim Bischoff, Richard Detje und Bernhard Müller wollen auf diese Frage in einer Studie Antworten geben. Die Buchausgabe unter dem Titel „Rechtspopulismus und Gewerkschaften. Eine arbeitsweltliche Spurensuche“ wertet die Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung aus, welche von daher allerdings keine Repräsentativität beanspruchen kann. Es wurden mit insgesamt 114 Personen ausführliche, nicht standardisierte Gespräche geführt. Hierzu gehörten sowohl hauptamtliche Gewerkschaftsfunktionäre wie Beschäftigte aus Dienstleistungen und Industrie. Bei der Befragung folgte man einer sehr eng gefassten Problemstellung: Gibt es im betrieblichen und gewerkschaftlichen Kontext besondere Gründe dafür, dass „rechtspopulistische Orientierungen“ eine Verbreitung erfahren.

Abwertungserfahrungen und Enttäuschung über die etablierte Politik

Es sollte demnach hauptsächlich um eine arbeitsweltliche „Grundströmung“ gehen, ohne welche auch die politische Dynamik des Rechtspopulismus nicht erklärbar sei. Die Buchausgabe fasst die Einsichten der Studie ergebnisorientiert zusammen: Demnach habe es eine Enttabuisierung rechter Meinungsäußerungen, eine Radikalisierung des Alltagsrassismus, eine Intensivierung der Negativfixierung auf den „Islam“, mehr rechte Deutungen von Konflikten in multiethnischen Belegschaften und eine stärker ressentimentgeladene Kommunikation in sozialen Medien gegeben. Arbeitsweltliche Zuspitzungen in Betrieben seien darüber hinaus ein Nährboden für Rechtspopulismus, wofür Arbeitsverluste durch strukturelle Veränderungen, Unsicherheit und Überforderung bei der Digitalisierung, Druck auf soziale Standards im globalen Wettbewerb, Unsicherheit und Niedriglöhne sowie steigender Leistungs- und Zeitdruck gehörten. Darüber hinaus seien Abwertungserfahrungen ebenso wie Enttäuschung über die etablierte Politik ein Einfallstor für Rechtspopulismus.

Deutung von arbeitsweltlichen Veränderungen nach „rechts“

Immer wieder betonen die Autoren zutreffend, dass es keinen Automatismus gebe: Aus arbeitsweltlichen Problemen muss nicht notwendigerweise die Hinwendung zum Rechtspopulismus folgen. Es wird in diesem Kontext auch auf die mangelnde Reichweite gewerkschaftlicher Politik hingewiesen. In der Gesamtargumentation erweist sich aber gerade dieser Punkt als Leerstelle. Dies macht der Blick auf die Ausführungen zur Frage, warum hier die Partei Die Linke keine Alternative ist, deutlich. Einige Gesprächspartner verweisen darauf, dass diese Forderungen nicht umsetzen könne, da sie keine Machtperspektive habe. Genau dies ist aber auch bei der AfD aktuell der Fall. Insofern trägt diese Argumentation nicht. Was die Autoren etwas ausblenden, ist die politische Einstellung, welche die Deutung von arbeitsweltlichen Veränderungen nach „rechts“ ermöglicht. Dieser Einwand kann aber nicht die Bedeutung der Studie in Gänze relativieren, denn sie geht kenntnisreich auf bislang noch nicht genügend erforschte betriebliche Entwicklungen in diesem Kontext ein.

Gewerkschaftliche Handlungsmöglichkeiten

Zum gleichen inhaltlichen Kontext erschien nahezu zeitgleich der von dem politischen Bildner Björn Allmendinger, dem Gewerkschaftler Joachim Fährmann und der NGO-Aktivistin Klaudia Tietze herausgegebene Sammelband „Von Biedermännern und Brandstiftern. Rechtspopulismus in Betrieb und Gesellschaft“. Enthalten sind darin zahlreiche Beiträge allgemein zu AfD und Rechtspopulismus, aber auch zum Rechtspopulismus im betrieblichen Kontext sowie zu gewerkschaftlichen Handlungsmöglichkeiten gegen derartige politische Entwicklungen. Die letztgenannten Beiträge bleiben häufig sehr allgemein, formulieren pauschale Appelle, ohne genauer konkrete Strategien zu entwickeln. Forderungen wie „Hetzer entlarven“, „Klare Kante“ und „Haltung zeigen“ mögen angemessen sein, bringen aber nicht wirklich handlungsbezogen weiter. Beachtenswert sind viele Detailanalysen, etwa zu den Erfolgsbedingungen des Rechtspopulismus im ländlichen Raum oder zur ordoliberalen Grundlage der wirtschafts- und sozialpolitischen Forderungen den AfD.

Dieter Sauer/Ursula Stöger/Joachim Bischoff/Richard Detje/Bernhard Müller, Rechtspopulismus und Gewerkschaften. Eine arbeitsweltliche Spurensuche, Hamburg 2018 (VSA-Verlag), 215 Seiten, 14,80 Euro.

Björn Allmendinger/Joachim Fährmann/Klaudia Tietze (Hrsg.), Von Biedermännern und Brandstiftern. Rechtspopulismus in Betrieb und Gesellschaft, Hamburg 2018 (VSA-Verlag), 229 Seiten, 14,80 Euro.

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