Radikalisierung über die neuen Technologien

Von Armin Pfahl-Traughber
20.09.2019 -

Die Extremismusforscherin Julia Ebner hat undercover recherchiert, wie Extremisten unterschiedlicher Szenen neue Kommunikationsmittel nutzen.

Extremismus wird in hohem Maß über die neuen Kommunkationstechniken verbreitet; (Screenshot, Verlagsseite)

In Schweden gibt es „wallraffing“ als offizielles Wort. Es bezieht sich auf den deutschen Publizisten Günter Wallraff, der durch seine verdeckten Recherchen viele Missstände aufdeckte. Ähnlich ging auch die Extremismusforscherin Julia Ebner vor, arbeitet sie doch am Institute for Strategic Dialogue in London zu Online-Extremismus. Um zu erkennen, wie Extremisten neue Kommunikationsmittel nutzen, erfand sie für sich selbst fünf verschiedene Identitäten. Das war manchmal nur bei einer E-Mail-Adresse mit fiktivem Namen, manchmal aber auch bei einem persönlichen Kontakt so. Dadurch kam sie mit islamistischen Dschihadisten und christlichen Fundamentalisten wie mit phantasiereichen Konspirationsanhängern und weißen Rassisten in Verbindung. Die Einsichten aus der Recherche sind jetzt nachlesen in ihrem neuen Buch „Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren“.

„Reisebericht“ durch die entsprechenden Szenen

Bereits in der Einführung verkündet die Extremismusforscherin ihre These: Danach werden „wir momentan erneut Zeugen einer toxischen Paarung aus ideologischer Vergangenheitssehnsucht und technologischem Futurismus … Die Radikalisierungsmaschinen, die die heutigen Extremisten zusammenbauen, sind technisch auf dem neuesten Stand: Sie sind künstlich intelligent, emotional manipulativ und wirken mit Macht in die Gesellschaften hinein. In ihnen verschränken sich Hightech und Hypersozialität, mit dem Ziel, Gegenkulturen hervorzubringen, die die Jungen, Wütenden und Technologieaffinen ansprechen“ (S. 10). Was damit genau gemeint ist, zeigt Ebner in dem dann folgenden „Reisebericht“ durch die entsprechenden Szenen. Dabei gliedert sie die Kapitel nach Radikalisierungsetappen, es geht mal um Rekrutierung und Sozialisierung, mal um Kommunikation und Vernetzung, mal um Angriffe und Verleumdungen – und das anhand ideologisch unterschiedlicher Fälle.

Zukunftsorientierte Kommunikation mit gestrigen Auffassungen

Dazu gehören eine US-amerikanische Neonazi-Gruppe und die europäischen „Identitären“, die „traditional Wives“ und dschihadistische Frauen, die „English Defense League“ und rechtsextremistische „Troll-Armeen“, weiße Rassisten und phantasievolle Verschwörungsideologen, US-Neonazis und rechtsextremistische Rockmusiker. Die Autorin berichtet jeweils von den Begegnungen und Eindrücken, um so die Dimension des Gemeinten anschaulich zu machen. Dabei stellt sie auch fest: „Alle extremistischen Bewegungen … – von weißen Nationalisten und Neonazis über Islamisten und Antifeministinnen bis hin zu Verschwörungstheoretikern – nutzen neueste Technologien, um ihr rückwärtsgewandtes Gesellschaftsmodell durchzusetzen“ (S. 275). Ihre Auffassungen seien gestrig, die Kommunikation indessen zukunftsorientiert. Genau diese Einsicht durchzieht viele Schilderungen. Dabei wird auch deutlich, dass es nicht nur um Bekundungen oder Kommunikation geht. Auch die Falschinformation und Manipulation sind nur Teilbereiche. Über das um sich greifende Hacking würde letztendlich auch ein digitaler Krieg geführt.

Extremisten treiben ihre politischen Ziele über das Netz voran

Die Erfahrungsberichte aus der Recherche sind verständlicherweise subjektiv, kann doch hierzu keine Prüfung vorgenommen werden. Alle anderen Angaben belegt die Autorin aber genau. Um den Lesefluss nicht zu stören, hat sie im Anhang jeweils Hinweise zu den Quellen vorgenommen. Anhand vieler persönlicher Erfahrungen, aber auch anderer Vorkommnisse wird deutlich: Die Dimension von Extremismus über die neuen Kommunikationstechniken kann man kaum überschätzen. Denn insbesondere Jüngere haben sich von der etablierten Medienwelt eher verabschiedet. Sie greifen zu Informationen, die zufällig im Internet zu finden sind. Genau auf den damit einhergehenden Effekt setzen die Extremisten, die damit so ihre politischen Ziele vorantreiben wollen. Dafür ein Bewusstsein geschaffen zu haben, ist Ebners anerkennenswertes Verdienst. Darüber, ob hier statt den persönlichen Erlebnissen mehr die systematische Problematisierung gewirkt hätte, lässt sich streiten. Wohlmöglich schiebt die Autorin noch eine entsprechende Darstellung nach. Ihrem Anliegen kann man leider die Relevanz nicht absprechen. „Radikalisierungsmaschinen“ ist dafür ein passender Titel.

Julia Ebner, Radikalisierungsmaschinen. Wie Extremisten die neuen Technologien nutzen und uns manipulieren, Berlin 2019 (Suhrkamp-Verlag), 335 Seiten, 18 Euro.