Offene Fragen zum NSU

Von Armin Pfahl-Traughber
02.08.2018 -

Nachdem die Hauptangeklagte Beate Zschäpe nach einem jahrelangen Prozess vor dem Oberlandesgericht München zur Höchststrafe verurteilt wurde, sind auch aus der Perspektive der Terrorismusforschung immer noch viele Fragen zur NSU-Mordserie offen.

Viele offene Fragen noch im Hinblick auf den NSU; Photo (Symbol): l-vista / pixelio.de

Es dürfte in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland keine andere Mordserie gegeben haben, die so intensiv wie die des NSU aufgearbeitet wurde. Daran beteiligten sich Gerichte, Medien, Nichtregierungsorganisationen, Sicherheitsbehörden, Untersuchungsausschüsse und Wissenschaftler. Gleichwohl blieben noch viele Fragen offen. Es geht hier aber nicht nur um die Beteiligung von anderen Rechtsextremisten oder die Fehler der jeweiligen Sicherheitsbehörden. In diesem Text soll lediglich den Aspekten, die für die Einschätzung des NSU aus der Perspektive der Terrorismusforschung relevant sind, in Frageform konkretes Interesse geschenkt werden. Auf die Diskussion von Erklärungen und Hypothesen wird ausdrücklich verzichtet, da dies mehr auf Spekulationen und Vermutungen hinauslaufen würde. Möglicherweise findet man auch nie Antworten auf die folgenden Fragen, die aber um der Aufmerksamkeit für Besonderheiten und Brüche in der Geschichte des NSU und für Erklärungen im Kontext von Ungereimtheiten gestellt werden sollen.

Zeitliche „Löcher“ zwischen den Morden

Nach dem die drei Neonazis untergetaucht waren, begannen sie noch nicht direkt mit den Morden. Daher stellt sich die Frage: Wann und warum entschlossen sie sich dazu? Beim Blick auf die Gesamtereignisse fallen immer wieder zeitliche „Löcher“ auf: Es gab 2000 einen Mord, 2001 drei Morde, 2002 und 2003 keine Morde, 2004 einen Mord, 2005 zwei Morde und 2006 zwei Morde. Wie erklärt sich die „Pause“ in den zwei Jahren, wie erklärt sich der nach den Anschlägen auf die Polizisten 2007 erfolgte Stopp? Darüber hinaus fällt auf, dass die Daten in den Jahren mit mehreren Morden nur wenige Tage oder Wochen auseinanderlagen. Was hat diese Konzentration zu bestimmten Zeitpunkten motiviert? Auch die örtliche Konzentration ist auffällig, wurde doch die Hälfte der Morde in Bayern und dort wiederum in München und Nürnberg begangen. Warum agierten die Neonazis aus Thüringen insbesondere dort? Wie erklärt sich, dass alle Anschläge und Morde – mit Ausnahme des einen Falls 2004 in Rostock –  in den westlichen Bundesländern begangen wurden?

Auch der Angriff auf die beiden Polizeibeamten 2007 in Heilbronn und die Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter wirft weiter Fragen auf. Die Erklärung, die NSU-Aktivisten wollten an ihre Waffen herankommen, klingt wenig wahrscheinlich. Denn die Beschaffung von Pistolen ist über das kriminelle Milieu einfacher und ungefährlicher. Darüber hinaus hatten Mundlos/Böhnhardt eine aus diversen Schusswaffen bestehende Waffensammlung. Dass in Heilbronn zwei Neonazis aus Thüringen eine Polizeibeamtin aus Thüringen erschießen, wäre ein denkbarer, aber doch erstaunlicher Zufall. Gelegentliche Aufenthalte von Kiesewetter in der „alten Heimat“ hatten sie auch in die Gegend des zeitweiligen Wirkens des NSU geführt.

Wussten die Unterstützer um die Morde und Sprengstoffanschläge?

Und dann wurde 2012 noch bekannt, dass zwei Polizeibeamte aus dem beruflichen Umfeld der ermordeten Polizistin einem deutschen Ableger der US-amerikanischen rassistischen Organisation „Ku Klux Klan“ angehörten. Allein diese Feststellungen und Rückfragen machen weitere Aufarbeitungen und Recherchen notwendig.

Das Gleiche gilt für die Frage nach dem Umfeld: Bekanntlich hatte der „Nationalsozialistische Untergrund“ eine Fülle von Helfern, standen doch einige vor Gericht und wurden verurteilt. Indessen gehörten noch andere Rechtsextremisten zu den Unterstützern, wobei aber folgender Gesichtspunkt bislang nicht genügend berücksichtigt wurde: Wussten die Angesprochenen um die Morde und Sprengstoffanschläge des NSU, oder meinten sie, wegen illegalem Sprengstoff- und Waffenbesitz gesuchten „Kameraden“ zu helfen. Diese Frage stellt sich auch angesichts der Tatsache, dass die Bezeichnung „NSU“ in der Szene in wenigen Teilbereichen bekannt war.

Gerade in der neueren Terrorismusforschung wird intensiver auf die Existenz eines Umfeldes verwiesen, bedarf es doch eines solchen für einschlägige Gruppen um der längerfristigen Sicherheit und Wirkung willen. Im Fall des NSU könnte dessen Nicht-Erkennung auch teilweise dadurch erklärbar sein, dass die Mordtaten nur wenigen Unterstützern bekannt waren. Dies stellt aktuell aber auch nur eine Hypothese dar.

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