Neue Theoriezeitschrift ohne Profil

Von Armin Pfahl-Traughber
02.10.2017 -

Mit „Cato“ ist eine weitere Publikation auf dem Markt, die der Neuen Rechten zuzurechbar ist. Dem Magazin mangelt es allerdings an formaler und inhaltlicher Orientierung – und die erste Nummer ist eher langweilig.

Das neue Magazin erfüllt seine Ansprüche nicht; (Screenshot)

Cato war ein römischer Politiker, der in Ablehnung von Cäsar um der Verteidigung der Republik willen Selbstmord beging. „Cato“ nennt sich auch ein neues „Magazin für neue Sachlichkeit“ – so der Untertitel. Die erste Ausgabe der aus dem Umfeld der „Jungen Freiheit“ stammenden Zeitschrift erschien im September. Auf dem Cover sieht man das Gesicht von Angela Merkel – einmontiert in eine offenbar Cäsar darstellende Statue. Bereits darin wird eine politische Botschaft nahegelegt, welche in der Bundeskanzlerin eine autoritäre Regentin und in sich selbst die Protagonisten einer traditionellen Republik sieht. Diese Deutung legen jedenfalls die Aussagen „Wenn alle wählen, was keiner will“ und „Schwerpunktthema ‚Die Zukunft der Republik‘“ auf der Titelseite nahe. Dabei handelt es sich indessen um eine Annahme, denn eine genaue Erläuterung dazu findet man auch auf den vielen Seiten zu eben diesem Themenschwerpunkt nicht. Das Aufgreifen eines derartigen Diskurses deutet aber bereits an, dass es sich bei dem Magazin um ein der Neuen Rechten zurechenbares Publikationsorgan geht.

Dies bestätigt der Blick ins Impressum, wo die „ständige Mitarbeit von Karlheinz Weißmann“ (S. 102) angekündigt wird. Der Historiker und Lehrer gilt als wichtiger Kopf der damit gemeinten geistigen Strömung. Nach seinem Bruch mit Götz Kubitschek, dem Institut für Staatspolitik und der Zeitschrift „Sezession“ hat er ebendort an Einfluss verloren. Offenkundig scheint es jetzt mit „Cato“ ein Forum zu geben, welches in diesem politischen Umfeld Weißmann wieder neue Wirkungsmöglichkeiten erlaubt. Das 30 mal 23 cm große Heft mit 104 Seiten soll zweimonatlich erscheinen. Die Startauflage wird mit 50 000 Exemplaren angegeben. Ganz bewusst will man an größeren Kiosken präsent sein, und im Bahnhofsbuchhandel findet sich sogar im Schaufenster auffällige Werbung für die Zeitschrift. Politisch steht sie zwischen „Cicero“ und der „Sezession“, denn an das erst genannte Magazin lässt bereits die Titelwahl denken und aus der Redaktion der „Sezession“ schied Weißmann bekanntlich aus. Auch an das 2005 eingestellte „Criticon“ erinnert manches in Form und Inhalt.

Mangel an programmatischer Erklärung

Doch wie definiert sich „Cato“ selbst? Im Mittelteil findet man dazu folgende Worte: „CATO versteht sich als meinungsbildendes Medium, das für den vergessenen Wert des Bewahrens eintritt. Was hilft uns weiter? Worauf können wir zurückgreifen? Woran wollen wir uns erinnern? Was sollten wir pflegen? CATO bietet Orientierung im Hinblick auf Politik, Kultur, Religion, Alltag und Familie. Das Eigene und das Gefühl dafür werden auf ansprechende Weise gestärkt. CATO lässt den Leser nicht im Regen der Krisenmeldungen stehen. CATO wird konkret und beansprucht Gültigkeit über Tag und Jahr hinaus“ (S. 53). Bei solchen Sätzen bleibt es indessen. Die Ausführungen lassen eine wie auch immer geartete konservative Grundhaltung vermuten, doch genauere Kommentare gibt es dazu nicht. Eigentlich hätte man bei einem solchen Anspruch eine Art programmatische Erklärung erwartet. Doch daran mangelt es komplett. Auf die „Konservative Revolution“ wird dezidiert nur durch die Rezension eines Buches zu Edgar Julius Jung (S. 67) hingewiesen.

Auch das Editorial von Chefredakteur Andreas Lombard geht nicht über Allgemeinplätze und Klagen hinaus: „Der Verlust zahlreicher Standards bürgerlichen Lebens bestimmt die Lage“, heißt es dort. Außerdem meint der Autor: „Zensur und Propaganda sollen die aufkommende Unruhe im Keim ersticken“, wobei ihm offenbar nicht klar ist, was der Begriff „Zensur“ genau meint. Beispiele oder Belege werden nicht genannt. In einem späteren Artikel von ihm geht es um die öffentliche Kritik an einem Buch von Rolf Peter Sieferle, das aber auf den Bestsellerlisten stand und keinem Verbot ausgesetzt wurde. Die inhaltliche Kritik daran, die mitunter überzogen gewesen sein mag, war ein Ausdruck von Meinungsfreiheit. Dass sich darin antisemitische und geschichtsrevisionistische Aussagen fanden, hatten unterschiedliche Kritiker mit gewisser Berechtigung hervorgehoben. Eine inhaltliche Auseinandersetzung damit formulierte Lombard nicht. Stattdessen beklagte er den angeblichen Missbrauch der Rede von der „Einzigartigkeit des Holocaust“ (S. 24).

Notwendigkeit einer „organischen Intelligenz“

Nach dem Editorial folgt in der Ausgabe ein Beitrag des Historikers David Engels zu Cato, dem Namensgeber der Zeitschrift. Dabei legt er Gemeinsamkeiten der Krisensituation der römischen Republik mit der Krisensituation im gegenwärtigen Europa nahe. Auch wenn hier manches mit ahistorischem Einschlag herbeikonstruiert wird, finden sich in dem Beitrag einige beachtenswerte Reflexionen. Der Autor distanziert sich auch klar von den als rechtspopulistisch geltenden Parteien, sind sie doch für ihn Kräfte, „welche die gegenwärtigen Zustände pauschal anprangern, ohne wirkliche Alternativen zu entwickeln, und deren Diktion nur bedingt mit den Vorstellungen von Demokratie, Brüderlichkeit und geistigem Europäertum vereinbar ist, welche unsere Kultur solange prägten“ (S. 7). Dadurch wird erkennbar, dass diese Ausführungen nicht zur Linie von „Cato“ passen. Auch wenn der Autor Engels eine ähnliche Krisenwahrnehmung wie manche Konservativen hat, distanziert er sich doch eindeutig von einem zur „Demagogie entartenden Populismus“ (S. 6).

Karlheinz Weißmann selbst ist ebenso mit einem Text vertreten. Bei seinem „Brexit in das Reale“ handelt es sich aber nicht um einen eigentlich erwartbaren Grundsatzbeitrag, er springt vielmehr inhaltlich hin und her ohne genaue Schwerpunktsetzung. In Anlehnung an die „Kulturrevolution“-Strategie von Antonio Gramsci, die für die Neue Rechte konstitutiv ist, betont Weißmann indessen die Notwendigkeit einer „organischen Intelligenz“. Diese müsste um Begriffe und Vorstellungen kämpfen. Dazu heißt es: „Die Versuche, im spontanen Protest auf ‚Volk‘ und ‚Abendland‘ und ‚Christentum‘ gegen ‚Multikulturalismus‘ und ‚Eine Welt‘ und ‚Islam‘ zurückzugreifen, gehen in die richtige Richtung, aber bislang fehlen die notwendige argumentative Basis einerseits und die Ausformulierung andererseits“ (S. 13). Das wäre dann die Aufgabe wohl von „Cato“ und seinen Mitarbeitern. Die AfD und andere Populisten sieht Weißmann wohl noch nicht als fähig dazu an, was auch etwas zu deren intellektuellem Niveau sagt.

Zugespitzte Sprüche statt geistige Orientierung

Ansonsten sind in dem neuen Magazin viele Texte zu unterschiedlichen kulturellen Themen vertreten: Es gibt ein Interview mit dem Architekten Léon Krier, eine Abhandlung des Philosophen Roger Scruton zu dessen Mustersiedlung Poundbury, ein Bericht über die Schallplattensammlung des Historikers Jörg Friedrich oder ein Portrait des Malers und Schriftstellers Harald Metzkes. Es finden sich auch noch weitere Beiträge zu historischen und politischen Fragen: Der Nahostkonflikt wird von dem Militärhistoriker Martin van Creveld thematisiert, der frühere Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus beklagt die Forderungen nach „gerechter Bildungspolitik“, und der „Junge Freiheit“-Stammautor Thorsten Hinz schreibt über die Identität der Stadt Breslau. Ansonsten fällt noch der Artikel des früheren stellvertretenden „Bild am Sonntag“-Redakteurs und AfD-Bundestagskandidaten Nicolaus Fest auf, welcher holzschnittartig meint, in der Gegenwart „eine Nähe zu den Zuständen der DDR“ (S. 56) sehen zu können.

„Cato“ enttäuscht in der Gesamtschau wohl auch die Neue Rechte. Zwar konnte man an die größeren Kioske kommen, wo das Blatt neben dem bekannteren Magazin „Cicero“ und dem platteren „Tichys Einblicke“ steht. Aber zumindest in der ersten Ausgabe von „Cato“ ist kein klareres Profil erkennbar. Die eigene Anzeige im Heft verspricht zwar geistige Orientierung, doch bei den Artikeln der vorliegenden Erstnummer hat man es meist nur mit zugespitzten Sprüchen zu tun. Diese bedienen noch nicht einmal besondere Einstellungen oder Klischees. An ideologischer Deutlichkeit ist darüber hinaus das Konkurrenzblatt „Sezession“ verbindlicher.

Beachtlich ist allenfalls das Projekt an sich. Denn dahinter muss Geld stehen. Ein neues Magazin, das auch nicht von den wenigen Werbeanzeigen getragen werden kann, lässt sich nicht so einfach auf dem Medienmarkt verankern. Um sich dort zu etablieren, bedürfte es auch einer eindeutigeren Linie: Will man Sprüche klopfen oder Theoriearbeit leisten? Über die erste Ausgabe kann man ein formales Urteil fällen: doch eher langweilig.

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