„Nehmt sie beim Wort!“ – Ein Appell zur Analyse von AfD-Politikern

Von Armin Pfahl-Traughber
11.03.2021 -

Der Journalist Michael Kraske plädiert dafür, die Aussagen von AfD-Politikern beim Wort zu nehmen. Seine Analyse von Fallbeispielen macht deutlich, wie sehr hochrangige Funktionäre mit extremistischen Positionen in der Wortwahl agieren.

„Die meinen das doch gar nicht so, die wollen doch bloß provozieren, um wahrgenommen zu werden.“ Diese Auffassung konnte man immer wieder bei Skandalen vernehmen, welche AfD-Politiker mit ihren Statements ausgelöst hatten. Doch warum sollte man Gauland, Höcke und Weidel nicht beim Wort nehmen? Diese Frage stellt sich auch der Journalist Michael Kraske, der u.a. für „Spiegel online“, den „Tagesspiegel“ und „Die Zeit“ arbeitet. In seinem Buch „Tatworte. Denn AfD & Co. meinen, was sie sagen“ erinnert er an die Selbstverständlichkeit, dass Äußerungen auch immer eine Bedeutung und damit auch Folgen haben.

Der Autor will auf bestehende Inhalte und mögliche Wirkungen blicken. Dabei behauptet er keinen einfachen Mechanismus, wonach aus bestimmten Bekundungen immer die gleichen Konsequenzen unmittelbar folgen. Doch Potentiale für Wirkungen bestehen. Und genau auf solche Folgewirkungen will Kraske hinweisen. Sein Buch ist entsprechend „Tatworte“ und das erste Kapitel „Von Worten und Taten“ betitelt.

Enthemmungen in der Wortwahl

Nach einer Einleitung, die leicht verständlich die Bedeutung von radikaler Sprache veranschaulicht, folgen Fallstudien anhand von einzelnen Zitaten. Diese stammen meist von AfD-Politikern und wurden bestimmten Themenkomplexen zugeordnet. Es gibt aber auch Beispiele von bekannten Corona-Protestlern und konservativen Politikern. Der Autor nimmt dazu dann jeweils Textanalysen vor. Dies geschieht nicht mit einem linguistischen oder sozialwissenschaftlichen Analyseverfahren, Kraske geht es mehr um die jeweiligen Kontexte und die konkreten Wortbedeutungen. So bleiben seine Ausführungen gut verständlich und die Deutungen inhaltlich nachvollziehbar.

Die zahlreichen Belege für das jeweils Gemeinte schließen auch aus, dass es sich um Fehldeutungen und Missverständnisse handelt. Denn die genannten Akteure kennen die Bedeutung von bestimmten Formulierungen in der deutschen Sprache, womit sie sich die Deutungen zurechnen lassen müssen. So wird auch immer wieder die moralische Enthemmung in der konkreten Wortwahl deutlich.

Latente Gewaltphantasien

Die jeweiligen Aussagen werden von Kraske konkreten Themenspektren zugeordnet, was folgende Beispiele von Kapiteltiteln veranschaulichen: „Verrohrung der politischen Kultur und offener Hass“, „Rassistische Feindbilder, Anti-Islam und Antisemitismus“, „NS-Sprache reloaded“ oder „Ermächtigungsfantasien und unverhohlene Drohungen“. Die jeweilige Analyse kann an folgendem Beispiel verdeutlicht werden: Am Abend der Bundestagswahl 2017 meinte Gauland: „Wir werden sie jagen. Werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen und wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“

Kaum ein Journalist kommentierte diese Worte, welche über die Fernsehberichterstattung im ganzen Land verbreitet wurden. Was meint das Bild von einer „Jagd“? Bekanntlich werden dabei Tiere erlegt. Wenn man Merkel kritisieren wollte, hätte man von einer starken Opposition gesprochen. Derartige Formulierungen enthalten latente Gewaltphantasien. Gleichzeitig beanspruchte Gauland, dass der AfD das ganze Land und Volk gehöre.

Analyseansatz: „Nehmt sie beim Wort!“

Statt einer emotionalen Empörung findet hier eine inhaltliche Interpretation statt, sie macht in sachlicher Distanz deutlich, welche Denkungsarten führenden Funktionären der Partei eigen sind. Kraske vermittelt dabei die nötigen Sensibilitäten für Sprachwahl. Und er analysiert die jeweiligen Aussagen im Detail. Gelegentlich entgehen aber selbst ihm wichtige Aspekte, etwa bei Gaulands Forderung, eine bestimmte Politikerin zu „entsorgen“. Der Anlass dafür war eine Aussage von ihr, wonach sie eine andere Deutung zur deutschen Leitkultur als die Partei hatte. Dies reichte, um Gauland die Forderung erheben zu lassen, um aus dem Land verwiesen zu werden.

Kraske verweist darüber hinaus kritisch auf eine veränderte Stimmungslage. Auch die Statements von Unionspolitikern sind problematisch. Die erwähnten Aussagen tragen sicherlich nicht zur nötigen Versachlichung bei. Dem allgemeinen Appell von Kraske, „Nehmt sie beim Wort!“, sollte hier ebenso gefolgt worden. Auch konservative Demokraten sind an ihre moralischen Verpflichtungen zu erinnern.

Michael Kraske, Tatworte. Denn AfD & Co. meinen, was sie sagen, Berlin 2021 (Ullstein-Verlag), 156 S., 14 Euro

Erschienen in: Hintergrund
StichworteAFD Rezension