Militante rechte Strukturen

Von Anton Maegerle
10.04.2018 -

Vor 50 Jahren: Attentat auf Rudi Dutschke. Der Schütze Josef Bachmann und sein politisches Umfeld.

Vor 50 Jahren wurde Rudi Dutschke in Berlin von einem Rechtsextremisten erschossen; Photo (Symbol): Siegfried Fries / pixelio

Höhepunkt neonazistischer Aktivitäten in der frühen Bundesrepublik war die Synagogen-Schändung zu Weihnachten 1959 in der Dom-Metropole Köln. Von Mord und Terror von Rechts war die junge Republik die ersten Jahrzehnte zunächst verschont geblieben. Dies änderte sich aber dann spätestens Ende der 1960 Jahre.

Der 23-jährige Anstreicher Josef Bachmann (Jg. 1944), ein Leser der „Deutschen National-Zeitung“, schoss vor 50 Jahren, am 11. April 1968, den Studentenführer Rudi Dutschke (Jg. 1940) vor der Zentrale des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) am Kurfürstendamm in Berlin auf offener Straße nieder. Zum Zeitpunkt des Attentates hatte Bachmann, der mit zwölf Jahren aus der DDR in den Westen gekommen war, ein selbst gemaltes Hitler-Porträt an seine Wohnungswand gepinnt und Hitlers „Mein Kampf“ ins Bücherregal gestellt. Im Februar 1970 beging „Seppl“, der bis heute als Einzelgänger gilt, Selbstmord in seiner Zelle.

Vor dem Anschlag auf Dutschke war Bachmann allerdings in der militanten Neonazi-Szene seines niedersächsischen Wohnorts Peine aktiv. Schon als 17-Jähriger hatte er Kontakte zu Rechtsextremisten geknüpft. 1961 traf er in Peine auf Wolfgang Sachse, der örtliche Anhänger der braunen Szene mit Waffen und Munition versorgte. Sachse wusste 2012 dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zu erzählen, dass Bachmann etliche Waffen besessen und diese bei ihm, einem ehrenamtlichen Schießwart auf dem Peiner Schießplatz in Peine, ausprobiert hatte.

Verurteilung zu mehrjährigen Haftstrafen

Zur rechten Schießplatz-Allianz gehörten neben örtlichen Polizisten auch Paul Otte (Jg. 1924) und Hans-Dieter Lepzien (Jg. 1943), beides NPD-Männer. Jahre nach dem Attentat auf Dutschke avancierte Otte, der in seiner Jugend der Reiter-Hitlerjugend (Reiter-HJ) angehört hatte und bis zum Verbot in der „Sozialistischen Reichspartei“ (SRP) aktiv war, zum Anführer der „Braunschweiger Gruppe“ der „NSDAP-Auslands- und Aufbauorganisation“ (NSDAP/AO). Als Sprengstoffbeschaffer der Gruppe galt Lepzien, der wie erst beim Prozess bekannt wurde, seit 1976 V-Mann (Deckname: „Otto Folkmann“) des niedersächsischen Landesamtes für Verfassungsschutz war.

Der 3. Strafsenat des Oberlandgerichtes Celle verurteilte am 19. Februar 1981 Otte, Lepzien, Sachse, Volker Heidel (Jg. 1954) und Oliver S. (Jg. 1958) zu mehrjährigen Haftstrafen. Otte wurde wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung als Rädelsführer, Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion, Vorbereitung von zwei Explosionsverbrechen und Verstößen gegen das Waffengesetz zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Lepzien wurde nach Verbüßung eines Teils der Haft vom damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens (CDU) begnadigt. Im August 1981 überraschte die „Deutsche National-Zeitung“ ihre Leser mit folgender Anzeige: „Ich möchte mich bei allen national denkenden Männern und Frauen, die durch meine Spitzeltätigkeit für den ‘Verfassungsschutz‘ in Verruf kamen, ausdrücklich entschuldigen und bitte alle um Verzeihung. Hans-Dieter Lepzien“.

Besondere Gefährlichkeit des Hauptangeklagten

Verfahrensgegenstand im Braunschweiger Neonazi-Prozess waren neben der Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung Sprengstoffanschläge gegen Justizgebäude, die mit selbstgebastelten Rohrbomben ausgeführt worden waren, sowie Waffengeschäfte, durch die Neonazis mit Handfeuerwaffen versorgt worden waren. Der erste Anschlag richtete sich am 2. September 1977 gegen die Amtsanwaltschaft Flensburg, die drei Monate vorher eine Anklage gegen Manfred Roeder, den Kopf der rechtsextremen „Deutschen Bürgerinitiative“ (DBI), vertreten hatte. Eine zweite Bombe ging am Hannoverschen Amtsgericht hoch.

Die besondere Gefährlichkeit des Hauptangeklagten und NSDAP/AO-Aktivisten Otte lag nach Auffassung des Gerichts darin, dass er junge Menschen für seine Organisation zu gewinnen verstand. So führte Otte die späteren Rechtsterroristen Kurt Wolfgram sowie das Ehepaar Christine und Klaus Dieter Hewicker dem Terrorismus zu. Ottes Planungen sahen für seine „Braunschweiger Gruppe“ neben einem Attentat auf das Jüdische Gemeindezentrum in Hannover auch Anschläge auf DDR- Grenzanlagen, Attentate auf Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und politisch motivierte Banküberfällen zur Beschaffung von Geld für den NS- Untergrundkampf vor. 1961 hatte Otte bereits erstmals erfolglos versucht, in Braunschweig eine Bank auszurauben. Erfolgreicher bei Banküberfällen war Jahrzehnte später der rechtsterroristische NSU.

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