Mörderischer „Lone Wolf“-Terrorismus von rechts

Von Armin Pfahl-Traughber
20.03.2019 -

Eine Analyse zu den Einzeltäter-Morden und deren politischem Kontext aus der Sicht der Terrorismusforschung.

In besonders grausamer Fall von „Lone Wolf“-Terrorismus in Neuseeland; Photo (Symbol): Harald Schottner / pixelio.de

Am 15. März griff der 28-jährige Brenton Tarrant, der aus der australischen Kleinstadt Grafton stammt, in Cristchurch in Neuseeland zwei Moscheen an und tötete dabei 50 Menschen. Er hatte nach bisherigen Erkenntnissen seine Morde allein geplant und umgesetzt. Da er aus Fremden- beziehungsweise Muslimenfeindlichkeit handelte, besteht demnach auch eine politische Motivation im rechtsextremistischen Sinne. Daher stehen die Ereignisse für einen Fall von „Lone Wolf“-Terrorismus. Diese besondere Form von Gewaltanwendung weist bezüglich der Planung folgende Spezifika auf: Die Gemeinten handeln erstens allein als Individuen, sie folgen zweitens keiner Gruppe und ihre Handlungen sind drittens selbstbestimmt. Demnach bezieht sich die Einschätzung nur auf die Planung und schließt nicht eine rechtsextremistische Organisationszugehörigkeit oder Sozialisierung aus. Und: Es wird damit nicht behauptet, dass gesellschaftliche Einflüsse für den Täter nicht wichtig waren. Denn dieser bewegt sich immer in einem gesellschaftlichen und politischen Kontext.

Davon kann auch bei Tarrant ausgegangen werden. Es gibt bislang keine genaueren Angaben darüber, ob er in Australien in rechtsextremistischen Organisationen aktiv war. Dies kann bei einem Einzeltäter durchaus der Fall sein, wobei zwei Formen unterschieden werden: Entweder er gehörte einer solchen Gruppe früher an, wurde ebendort politisch sozialisiert, trat aber später dann wieder aus. Oder er war noch während der Anschläge ein Mitglied einer solchen Organisation, wobei er indessen nicht in deren Auftrag diese Taten beging. Dies schließt aber nicht aus, dass die jeweils gemeinten Gewalthandlungen auch politisch motiviert waren. Zu einer entsprechenden ideologischen Ausrichtung bedarf es keiner festeren organisatorischen Zugehörigkeit. Mitunter wird auch darauf hingewiesen, dass die jeweiligen Einzeltäter psychische Probleme hatten. Bislang liegen noch keine diesbezüglichen Informationen zu Tarrant vor. Jedoch würden auch sie nicht gegen die politische Dimension sprechen, denn nur sie erklärt die Motivation und Opferauswahl.

Angebliches Programm zum Bevölkerungsaustausch

Bereits jetzt gibt es eine Fülle von Informationen, welche die ideologische Ausrichtung und Prägung des Täters veranschaulichen. Davon zeugt bereits eine Art politische Erklärung, die sich auf den Online-Profilen von Tarrant fand. Es geht dabei um einen 74-seitigen Text mit dem Titel „The Great Replacement“, was „Der große Austausch“ bedeutet. Der französische Autor Renauld Camus prägte dieses Schlagwort, welches die Existenz eines Programms zum Bevölkerungsaustausch suggeriert. Demnach wolle die politische Elite die einheimische durch eine migrantische Bevölkerung ersetzen. Es gibt dafür mehrere Varianten, welche sich in der Ausrichtung und Klarheit des angeblichen Vorhabens unterscheiden. Insofern hat die damit gemeinte Auffassung auch unabhängig von Camus Deutungen insbesondere in rechtsextremistischen Kontexten große Verbreitung gefunden. In Deutschland ist dies der Fall bei den „Identitären“ und der Neuen Rechten, man findet Derartiges aber auch bei der AfD und der NPD. Gleiches gilt für den Bereich der englischsprachigen extremistischen Rechten. In diesen Diskursen bewegte sich Tarrant geistig und wurde so mit politisiert.

Rassistische Einstellung in einem biologistischen Sinn

Es finden sich aber noch zahlreiche weitere Anspielungen und Aussagen in dem erwähnten „Manifest“: So gibt es darin Bezüge auf Oswald Mosley, den Gründer der „British Union of Facists“, die in den 1930er Jahren in Großbritannien aktiv waren, aber dort nie eine politisch relevante Bedeutung erlangen konnte. Auch Erwähnung findet der US-Präsident Donald Trump, wobei dieser nicht als akzeptabler „Führer“ gilt, gleichwohl ein „Symbol für eine erneute weiße Identität“ sei. Diese Aussagen machen deutlich, dass der Einzeltäter eine rassistische Einstellung in einem biologistischen Sinne hatte. Der Ausgangspunkt war demnach keine Islamfeindlichkeit, sah er doch offenbar primär das abgelehnte Fremde in den getöteten Muslimen.  Auch dies macht deutlich, dass klassische rechtsextremistische Deutungsmuster in diesem Kontext zu einer Politisierung und Radikalisierung des Täters führten. Dabei lässt sich keine ideologische Eindeutigkeit oder Stringenz ausmachen, was aber gerade für Einzeltäter des „Lone-Wolf“-Terrorismus unüblich ist.

Ideologische Nähe des Täters zu anderen Rechtsextremisten

Bestätigt wird dies noch dadurch, dass es weitere inhaltliche Bezüge gibt: So fanden sich besondere Beschriftungen auf den genutzten Gewehren, wozu etwa „Kebab-Remover“ für „Kebab-Entferner“ oder „For Rotherham“ für „Für Rotherham“ stand. Die letztgenannte Anspielung dürfte sich auf die nordenglische Stadt bezogen haben, wo ein insbesondere von südasiatisch-stämmigen Kriminellen geleiteter Pädophilen-Ring aufflog. Andere Aufschriften auf Schusswaffen spielten auf historische Ereignisse an, wozu unter anderem die Belagerung der Türken vor Wien 1683 gehört haben soll. Auch für deutsche oder europäische Rechtsextremisten ist dies ein bedeutsames historisches Narrativ, und insofern steht dieses Beispiel für eine ideologische Nähe des Täters zu anderen Rechtsextremisten. Dies gilt sogar für den serbischen Nationalismus, putschte sich Tarrant doch auf der Fahrt zum Tatort mit kämpferischer Musik auf, worin der Kriegsverbrecher Radovan Karadzic für seine Taten verehrt wurde. Bei einem Besuch auf dem Balkan 2016 soll er das Lied kennenglernt haben.

Der norwegische Massenmörder als Vorbild

Es gibt außerdem noch handlungsbezogene neben den ideologischen Besonderheiten: Die Anschläge wurden offenbar akritisch vorbereitet, was sich auch auf die mediale Präsenz bezieht. Der Täter befestigte offenbar eine Kamera an seinem Kopf, um so in Echtzeit seine Taten medial vermitteln zu können. So entstanden Bilder, die an Baller-Szenen aus Video-Spielen erinnern, hier aber mit realen Toten einhergingen. Offenbar hatte Tarrant sich von so etwas mit inspirieren lassen. Damit wurden Morde filmisch erfasst, welche man sich bei Anders Breiviks Massaker in Norwegen nur vorstellen konnte. Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass der Massenmörder in Neuseeland in dem Massenmörder in Norwegen ein Vorbild sah. Dies ergibt sich einerseits aus dem erwähnten „Manifest“, andererseits aus der teilweisen Kopie des Vorgehens. Hierzu gehört die Erstellung einer politischen Erklärung zu den Taten, was ansonsten als Kommunikationsstrategie von Rechtsterroristen eher selten ist. Tarrant spielte darüber hinaus in dem Text noch auf andere ähnliche terroristische Vorfälle an.

In den Kategorien der Vernichtung gefühlt und gehandelt

Bilanzierend hat man es in der Gesamtschau um einen besonders grausamen Fall von „Lone Wolf“-Terrorismus zu tun. Gerade die massenhafte Ermordung von Menschen macht deutlich, dass hier in den Kategorien der Vernichtung gefühlt und gehandelt wurde. Nach ersten Einschätzungen des zwischenzeitlich wieder suspendierten Anwaltes ließen sich bei Tarrant keine geistigen Beeinträchtigungen feststellen. Selbst wenn es sie als psychische Besonderheiten geben sollte, spricht dies nicht gegen die ideologische Motivation. Eine gegenteilige Auffassung würde auf eine Entpolitisierung durch eine Psychologisierung der Tat hinauslaufen. Dass dies eine unangemessene Deutung wäre, machen die Erkenntnisse deutlich, welche sich aus den bisher bekannten Bekundungen des Täters ergeben. Allein die unterschiedlichen Bezüge, die aber gleichwohl alle einem Muster zuordenbar sind, stehen für die politische Dimension der Taten. Einschlägige Diskurse können insofern auch ohne personelle Kontakte solche terroristischen Morde motivieren.

Der Autor veröffentliche bereits früher eine ausführliche Analyse zum „Lone Wolf-Terrorismus“ von Rechtsextremisten, vgl. Armin Pfahl-Traughber, Die Besonderheiten des „Lone-Wolf“-Phänomens im Rechtsterrorismus. Eine vergleichende Betrachtung von Fallbeispielen zur Typologisierung, in: Armin Pfahl-Traughber (Hrsg.), Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 201572016 (II), Brühl 2016, S. 230-263.