Konspirativ arbeitende „Hammerskins“

Von Kai Budler
28.11.2018 -

Sie sind die selbst ernannte Skinhead-Elite im weltweiten militanten Neonazi-Netzwerk und arbeiten an der Vereinigung der weißen nationalen Kräfte in einer rassistischen Gemeinschaft. Trotz ihrer Aktivitäten tauchen die „Hammerskins“ im aktuellen Bundesverfassungsschutzbericht nicht auf.

Aktivitäten im Verborgenen, die militanten „Hammerskins“; (Screenshot)

Die deutschen Behörden zählen bundesweit bis zu 150 Personen zum deutschen Netzwerk der „Hammerskins“. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor. Demnach sind die „Hammerskins“ (HS) in Deutschland in zahlreichen Regionalgruppen beziehungsweise Chapter organisiert, die regelmäßig interne Treffen durchführen.

Zwar verzichten die HS bewusst auf öffentliche Internetpräsenzen, im Printbereich gelten aber die Fanzines „Donnerschlag“, „Haß-Attacke“ und „Wehrt Euch“ als Publikationen des Netzwerks, das bundesweit eine zentrale Rolle in der gewaltorientierten rechtsextremen Szene einnimmt und einen wesentlichen Beitrag zur „Förderung deren Zusammenhalts“ leiste. Die Aktivisten des Netzwerks sind langjährig in anderen extrem rechten Organisationen tätig und tragen „entscheidend zur Vernetzung und zur Selbstbestätigung der Szene bei“. Ein erheblicher Teil der Mitglieder ist durch einschlägige Vorstrafen bekannt.

„Logistiker“-Rolle bei Rechtsrock-Konzerten

Die Regierung bescheinigt den HS nicht nur eine gute Vernetzung innerhalb des gesamten rechtsextremen Spektrums in Deutschland, sondern auch intensive „intensive Kontakte zu Gleichgesinnten im Ausland“. Diese Kontakte werden regelmäßig bei übernationalen Treffen im europäischen Ausland gepflegt, die ebenso der internen Abstimmung dienen. Auch wechselseitige Besuche von deutschen „Hammerskins“ und Aktivisten aus anderen Staaten zu Konzerten in verschiedenen Ländern sind gang und gäbe. Die Anzahl der von „Hammerskins“ in Deutschland organisierten Rechtsrock-Veranstaltungen beziffert die Regierung mit „in Einzelfällen auch im niedrigen zweistelligen Bereich“, weist aber auch auf ihre Rolle als „Logistiker“ hin. Bei der Durchführung von Konzerten als einem Schwerpunkt ihrer Aktivitäten zählen die HS auch auf die Bedeutung der Musikevents als Einnahmequelle.

In Deutschland kommen seit spätestens 2013 noch Aktivitäten im Kampfsport hinzu. So gilt der Auftakt der Neonazi-Kampfsportreihe „Kampf der Nibelungen“ als Veranstaltung der HS. Weitere Veranstaltungen dieser Reihe wurden von „Hammerskins“ nicht zuletzt wegen ihrer „guten Kontakte zu[r] kampfsportaffinen rechtsextremistischen Szene im Ausland“ unterstützt.

NSU-Unterstützer mit „Hammerskin“-Logo

Die „Hammerskins“, die selbst ernannte Skinhead-Elite, wurden 1986 in den USA gegründet. Sie arbeiten an der Vereinigung der weißen nationalen Kräfte in einer rassistischen Gemeinschaft. Neben Ablegern des weltweiten Netzwerks in anderen Ländern ist seit 1991 die Existenz von „Hammerskins“ in Deutschland bekannt. Unter den Mitgliedern gibt es zahlreiche Kontakte zu dem in Deutschland seit 2000 verbotenen Netzwerk „Blood&Honour“ und dessen bewaffnetem Arm „Combat 18“.

Besonders bei der Aufarbeitung der Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) rückten die HS erneut ins Visier der Öffentlichkeit. Dies betraf unter anderem den Gründer der „Hammerskins Sachsen“ Mirko Hesse, der nicht nur enge Kontakte zu der NSU-Unterstützungsszene hatte, sondern auch als V-Mann für das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) tätig war. Thomas Gerlach von den „Hammerskins“ in Westsachen arbeitete mit dem NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben politisch zusammen und auf dem Hals des verurteilten NSU-Unterstützers André Eminger prangt ein tätowiertes „Hammerskin“-Logo.

Kontakte zu „Turonen“ beziehungsweise „Garde 20“

In Thüringen gelten offenbar bis heute gute Verbindungen der HS zur Neonazi-Szene im Freistaat. So soll die HS-Führungsfigur Malte Redeker die Bands beim Rechtsrock Open Air „Rock gegen Links“ im Oktober 2017 im thüringischen Themar mit betreut haben. Drei Monate zuvor waren „Hammerskins“ an der Organisation von „Rock gegen Überfremdung II“ in Thüringen beteiligt. 2016 hatte der fränkische Ableger des Netzwerks ein Rechtsrock-Konzert zum Gedenken an einen US-Neonazi in Thüringen organisiert. Auch die seit 2015 aktive Thüringer Neonazi-Gruppierung „Turonen“ beziehungsweise „Garde 20“ verfügt über gute Kontakte zum „Hammerskin“-Netzwerk.

Dessen ungeachtet werden die HS im bislang letzten Verfassungsschutzbericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz nicht erwähnt, obwohl sich das Gemeinsame Extremismus- und Terrorismusabwehrzentrum (GETZ-R) nach Regierungsangaben innerhalb der letzten zwei Jahre sechs Mal mit den „Hammerskins“ befasst hat. Dass der Verfassungsschutz offenbar trotzdem ein Auge auf das Netzwerk hat, ergibt sich aus der Antwort der Bundesregierung. Immer wieder werden einzelne Fragen mit Hinweis auf „Gründe des Staatswohls“ nicht beantwortet, einige Informationen seien „so sensibel, dass selbst ein geringfügiges Risiko des Bekanntwerdens unter keinen Umständen hingenommen werden kann“.

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