„Kleine AfD-Nazis“ und ihre Beschützer

Von Rainer Roeser
10.12.2018 -

Es war ein Experiment: Vertreter ihrer beiden wichtigsten Lager sollten als gleichberechtigte Sprecher gemeinsam die zerstrittene nordrhein-westfälische AfD einen. Bereits zur Hälfte ihrer zweijährigen Amtszeit steht fest: Der Versuch ist gründlich gescheitert.

Die vor einem Jahr gewählte Vorstandsspitze der NRW-AfD ist komplett zerstritten; (Screenshot)

Am zweiten Dezemberwochenende des Vorjahres wählte ein Parteitag die beiden Landtagabgeordneten Helmut Seifen und Thomas Röckemann an die Spitze der NRW-AfD. Seifen vertrat dabei das Lager der sich gemäßigter gebenden Mitglieder; Röckemann gehört zur Gruppe der „Flügler“, jener Mitglieder, die sich an Björn Höcke orientieren. Ein paar Monate schien es so, als könnte die Doppelspitze funktionieren. Doch im Spätsommer brachen die Konflikte vor allem im Streit über Höcke-Auftritte in Nordrhein-Westfalen wieder aus. (bnr.de berichtete) Ein Jahr nach der Inthronisation der beiden herrscht wieder offene Feindschaft in der NRW-AfD.

Was Seifen über seine Rolle im Landesverband und über seine Gegner denkt, war in der vergangenen Woche beim „Stern“ nachzulesen. Das Wochenmagazin veröffentlichte Auszüge aus einem internen Chat von Mitgliedern, die sich dem moderateren Lager zurechnen. Er sei gewählt worden, ohne wirklich Macht haben zu sollen, klagte Seifen im Chat über die damalige Parteitagsentscheidung. „Deshalb hat man aus einer anderen Strömung mir einen anderen Sprecher zur Seite gestellt, der mich kontrolliert und an allem hindert, was ich tun könnte, z.B. kleine AfD-Nazis abzumahnen und sie aus der Partei heraus zu komplimentieren. Da seien die Stellvertreter Höckes in NRW davor.“

„Unsichere Kantonisten“ und „Obertrottel“

Zu jenen „Höcke-Stellvertretern“ rechnet er neben Röckemann, der, so Seifen, „jede Maßnahme gegen disziplinlose Vollpfosten verhindert“, auch AfD-Landesvize Christian Blex. Dem attestiert Seifen, er wolle „jeden Nazifreund aufnehmen“. Der „Flügel“ könne ungehindert handeln. Seifen: „Wisst ihr, Leute, wenn ihr so einen Scheißvorstand zusammenwählt mit Leuten, deren Loyalität nur zum Teil dem Landesverband gehört, zwei sogar vollkommen der Lichtgestalt Höcke ergeben sind, dann kann das nicht funktionieren.“ Seifen klagt über „unsichere Kantonisten“ im Vorstand und über „Obertrottel, die nicht merken, dass hier ein knallharter Machtkampf läuft, den die Flügler raffiniert angelegt haben“.

Für die Misere macht er auch die Bundesspitze verantwortlich: „Meuthen und Gauland decken den Flügel mit aller Macht.“ Er habe bei einer gemeinsamen Sitzung von Bundesvorstand und Landesvorständen im Beisein von Höcke den „Flügel“ frontal angegriffen, berichtet Seifen: „Auf den Hinweis, dass wir drei Bundesvorsitzende hätten, reagierten beide Vorsitzende nur irritiert, und der dritte grinste.“

„Ehrabschneidend“ und „parteischädigend“

Für Röckemann war das Bekanntwerden der Chat-Einträge ein Geschenk im Streit mit dem ungeliebten Ko-Landessprecher. Ein paar Stunden nach der „Stern“-Veröffentlichung konterte er und gab sich als Vertreter von „Mäßigung und Einigung“. „Zutiefst erschüttert lese ich, was Herr Helmut Seifen wirklich von der Partei hält, die mit zu vertreten er vor einem Jahr gewählt worden ist.“ Dessen Behauptung, er hindere Seifen daran, „kleine AfD-Nazis abzumahnen und sie aus der Partei heraus zu komplimentieren“, nannte Röckemann „nicht nur ehrabschneidend, sondern auch parteischädigend“.

Seifen liefere zudem mit seinen „wüsten Äußerungen“ eine Steilvorlage für all jene, die den Verfassungsschutz gegen die AfD „von der Leine lassen“ wollten, kritisierte Röckemann und legte seinem Kontrahenten den Rückzug nahe: „Als ein Mann der Ehre, für den ich ihn bislang stets gehalten habe, müsste auf diese Enthüllungen eigentlich sein Rücktritt als Landessprecher folgen.“

Auch „Bürgerliche“ reden heute längst wie Höcke

Dass die beiden Abgeordneten an der Spitze der NRW-AfD in der zweiten Hälfte ihrer Amtszeit noch irgendwie zusammenarbeiten können, erscheint unwahrscheinlicher denn je. Dass sie längst nicht mehr eine Sprache sprechen, war auch beim Europaparteitag Mitte November in Magdeburg unübersehbar geworden, als von einer Koordination keine Rede sein konnte und Kandidaten aus NRW gar gegeneinander antraten. In Nordrhein-Westfalen bringen einige AfD-Mitglieder nun eine vorgezogene neue Wahl ihrer Landesspitze ins Gespräch. Vorstandsmitglied Martin Schiller, einer aus dem Seifen-Lager, will eine Abkehr von der Doppelspitze. „Einige Moderate vom Flügel mit einbeziehen und ansonsten ,durchwählen'“, empfiehlt Schiller. Er hoffe nur, dass die „Bürgerlichen“ dann an einem Strang zögen.

Doch diese Hoffnung könnte trügen. In der nach rechts gedrifteten AfD reden auch „Bürgerliche“ heutzutage längst wie Höcke, teils freiwillig und aus voller Überzeugung. Andere ziehen es vor zu schweigen, weil eine offene Gegnerschaft zu Höcke nicht eben karrierefördernd ist.

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