Kinderbuch im „Stürmer“-Stil

Von Anton Maegerle
23.02.2017 -

Der Leipziger Faksimileverlag hat sich auf Nachdrucke antisemitischer Machwerke spezialisiert – Verlagsinhaber ist ein alter Bekannter aus der rechtsextremen Szene.

Nachdrucke antisemitischer Machwerke im Faksimileverlag „Der Schelm“; Photo: bnr.de

„Seiner humanitären Werten verpflichteten Leserschaft“ (Selbstdarstellung) bietet der 2014 in Leipzig gegründete Faksimileverlag „Der Schelm“ das antisemitische Kinderbuch „Der Giftpilz“ als Nachdruck an. „Giftpilz“-Autor ist Ernst Hiemer, der von 1938 bis 1941 Hauptschriftleiter der 1923 von Julius Streicher gegründeten antisemitischen Wochenzeitung „Der Stürmer“ war.

Der unveränderte Nachdruck der im damaligen Stürmer-Verlag (Nürnberg) 1938 erschienenen Erstauflage kostet 25 Euro. Das 55 Seiten umfassende Buch enthält neben den Texten, die im Stil der NS-Propaganda verfasst sind, antisemitische Zeichnungen von Philipp Rupprecht. Rupprecht war unter dem Pseudonym „Fips“ Hauptzeichner der antisemitischen Hetzschrift „Der Stürmer“.

„Der Giftpilz“ zählte zum Beweismaterial in den Nürnberger Prozessen gegen den „Stürmer“-Begründer Streicher, der 1946 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt wurde. In dem Machwerk werden Juden als moralisch, geistig sowie körperlich degeneriert und bösartig dargestellt. „Der Giftpilz“ endet mit den Worten: „Die Welt erwacht in Juda‘s Ketten. Deutschland alleine kann sie retten. Deutsches Denken und Deutsch sein wird einst die ganze Welt befrei’n. SIEG HEIL!“

„Bemerkenswerte Publikationen vorkonstitutionellen Schrifttums“

Mit Nachdrucken von Machwerken wie „Der Giftpilz“ oder „Der internationale Jude“ von Henry Ford  hat der Faksimileverlag Eigenangaben zufolge „eine eigene Reihe“ gestartet, „in der dem interessierten Publikum und mündigen Staatsbürger besonders bemerkenswerte Publikationen vorkonstitutionellen Schrifttums als wissenschaftliche Quellentexte“ vorgelegt werden sollen. Faksimilenachdrucke „dienen der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Abwehr verfassungswidriger Bestrebungen sowie der historischen Dokumentation“, wird auf der Verlags-Homepage behauptet.

Inhaber des Verlags „Der Schelm“ ist Adrian Preißinger (Jg. 1964), ein alter Bekannter aus der rechtsextremen Szene. Preißinger, geboren  im oberfränkischen Kronach, war einst Neonazi-Musik-Produzent und später hauptamtlich Beschäftigter beim NPD-nahen Verlag Deutsche Stimme. 2001 befand das thüringische Landeskriminalamt: „Die Historie des Preißinger zeigt seine kontinuierliche und unbeirrbare Tätigkeit im Bereich der Produktion und der Verbreitung rechtsextremistischer Schrift- und Tonträger seit knapp zehn Jahren.“

An Produktion und Vertrieb neonazistischer Tonträger beteiligt

Im Dezember 2002 wurde Preißinger vom Landgericht Dresden wegen Volksverhetzung, Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Gewaltverherrlichung sowie Einfuhr strafrechtlich relevanter Tonträger zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe und einer hohen
Geldstrafe verurteilt. Preißinger gab zu, an der Produktion und dem Vertrieb neonazistischer Tonträger, darunter „Noten des Hasses“ von „White Aryan Rebels“ (W.A.R.), in einer Gesamtzahl von 46 000 Exemplaren beteiligt gewesen zu sein.

Vor seiner Verurteilung leitete Preißinger eine „Agentur für Kommunikation“ in Kronach mit einer Niederlassung in der Slowakei. In dieser Funktion war er Kontaktperson zwischen deutschen Vertrieben von Neonazi-Musik und Presswerken und vermittelte Pressmöglichkeiten weltweit. Ab 2006 war Preißinger zeitweilig Leiter der Abteilung Buchproduktion/Buchdienst/Antiquariat des Deutsche Stimme-Verlags im sächsischen Riesa.

Aktuell kündigt Preißingers Verlag die 3. Auflage seines Nachdrucks von Hitlers „Mein Kampf“ an. Der Nachdruck hat bereits die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen.

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