Kampfsport für den Umsturz

Von Horst Freires
20.11.2020 -

Mit dem Buch „Ihr Kampf“ hat sich erstmals ein Autor intensiv dem in den vergangenen Jahren zunehmend präsenten Phänomen des Kampfsports in der rechten Szene gewidmet. Robert Claus ist damit ein höchst informatives Standardwerk gelungen, das die nahezu fließenden Übergänge vom Fitnesstraining hin zum hasserfüllten Straßenkampf mit Umsturzgedanken beschreibt.

Ihr Kampf: Vorbereitung auf den Tag X

Der langjährige Kenner der Hooligan-Szene zeigt dabei zusammen mit Beiträgen anderer Gastautoren die mittlerweile sich entwickelte internationale Dimension des Themenfelds auf, die dahinter steckende Geschäftstüchtigkeit, die dadurch existierenden Verknüpfungen weit hinein ins rechte Musikmilieu, aber auch die bis in den Bereich von rechtsextremistischen Terrorstrukturen zu entdeckenden Verbindungen und Schnittmengen. Auf insgesamt 224 Seiten taucht nicht von ungefähr häufiger der Begriff der Organisierten Kriminalität auf, aber auch eine oft zu bemerkende Vermengung mit dem Security-Gewerbe.

Strippenzieher beim Namen genannt

Zum einen wird ein Brennglas auf die Aktivitäten hierzulande gelegt, vom vermeintlich harmlosen, aber schon ideologiebehafteten und indoktrinierten Kindertraining beim Dritten Weg bis hin zum professionellen Großevent „Kampf der Nibelungen“. Zum anderen wird der Blick ein wenig hintergründiger nach Russland, in die Ukraine, nach Polen, Griechenland und Frankreich gerichtet.

Wie bei anderen Handlungsfeldern gilt gerade auch zwischen heimischem Gym und Kampfring das ganz genaue Hinsehen auf Fightcards, Tattoos, Sponsoren, Bekleidungsmarken und nicht zuletzt aufs Publikum an Kampftagen. Claus und seine Mitautoren machen sich daran, den Aufstieg des boomenden Trends zu erklären und rücken dabei die dafür verantwortlichen maßgeblichen Namen wie Malte Redeker, Alexander Deptolla, Denis „Nikitin“ Kapustin oder Tomasz Szkatulski und all deren strippenziehende Machenschaften in den Fokus.

Training im Urlaubsparadies

Neben der Beschreibung der vielfältigen, ja nicht selten unübersichtlich inflationären Kampfsport-Szenerie mit zahllosen nationalen und internationalen Verbänden, dem teils da bis ins fortgeschrittene Alter andockenden Kraftsport und seinen Athleten, der Analyse und den dazugehörenden Einordnungen widmet sich das Buch in einem Kapitel ebenso dem offenbar seit Jahren florierenden Kampfsporttourismus in Thailand, wo Hooligans und Neonazis unter tropischer Sonne ihren Körper stählen, als sei es das Natürlichste der Welt.

Der Schlussteil zu Gegenstrategien und Prävention fällt hingegen deutlich kürzer aus, wobei Claus zugibt, dass ihm da auch weniger sich freizügig äußernde Gesprächspartner zur Verfügung standen, die zum Teil aus ihrer Angst keinen Hehl machten. Immerhin gut, dass das 2017 entstandene ehrenamtliche Aufklärungsprojekt unter dem Namen „Runter von der Matte“ mit seinen wertvollen Recherchen noch Erwähnung findet.

Claus ist es wichtig, den Kampfsport nicht per se in ein schlechtes Licht zu rücken. Sein Buch soll aber vor allem ein Plädoyer dafür sein, sich umfänglicher mit der Materie zu beschäftigen, genauer hinzuschauen und dannOK auch konsequent Haltung zu beweisen.

Robert Claus: Ihr Kampf, Bielefeld 2020 (Verlag Die Werkstatt), Paperback 224 Seiten, 19.90 Euro.

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