Kalkulierte Provokation von Rechts

Von Jesko Wrede
20.03.2018 -

Auf der Leipziger Buchmesse können die ultrarechten Verlage in ihrer Ecke weitgehend unbehelligt agieren – unwillkommene Besucher und Journalisten werden zum Teil an den Zugängen zum Podiumsbereich abgewiesen.

Compact“-Chefredakteur Elsässer (l.) mit dem Geschichtsrevisionisten Schultze-Rhonhof auf der Buchmesse; Photo: Jesko Wrede

„Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“ Theodor W. Adorno wandelte 1969 in seinem Werk „Negative Dialektik“ den von Kant geprägten Begriff des kategorischen Imperativs ab und bezog ihn auf ein konkretes Ereignis – den Holocaust. Am vergangenen Freitag wurde dieses Narrativ bei einer Diskussion auf der Leipziger Buchmesse in Frage gestellt.

Das rechtspopulistische „Compact“-Magazin hatte den Geschichtsrevisionisten Generalmajor a.D. Gerd Schultze-Rhonhof eingeladen. Sein Buch „Der Krieg der viele Väter hatte“, schiebt die Schuld am Zweiten Weltkrieg Briten und Franzosen zu. Auf der Buchmesse stellte Schultze-Rhonhof gemeinsam mit dem „Compact“-Chefredakteur Jürgen Elsässer dessen neue Geschichtsreihe vor.

Nach ausführlichem Lob auf die zwei bislang erschienenen Hefte der Reihe, auf die Helden der deutschen Geschichte, darunter das „Genie“ Erwin Rommel und nach der Feststellung, dass der Nationalsozialismus „nicht ohne Grund an die Macht gekommen“ sei, liefert ein junger Mann eine Frage ab. Die wirkt quasi, als sei sie bestellt: „Wie lange denken Sie denn wird es noch dauern, bis eben… ja sagen wir jetzt mal, solche Dinge wie der kategorische Imperativ von Adorno, der Hitler erwähnt hat in seinem Imperativ, bis das nivelliert ist, oder so?“

„In dieser Hinsicht etwas in Bewegung setzen“

Während der junge Mann, der äußerlich den zahlreich anwesenden Anhängern der „Identitären Bewegung“ zuzuordnen ist, den Namen Adorno nicht richtig aussprechen kann kommt ihm das Wort Hitler sehr flüssig von den Lippen. Der Mann schaut trotzdem etwas unsicher. Jürgen Elsässer stellt fest: „Die Frage ist klar!“.

Schultze-Rhonhof bedauert: Da könne er ihn ja genauso gut nach den Lottozahlen von Morgen fragen. Er und eine Reihe anderer deutschsprachiger „Historiker“ versuchten ja bereits, „in dieser Hinsicht etwas in Bewegung zu setzen.“ Doch es dringe einfach nicht durch. „Lesen Sie doch mal was die ‚Frankfurter ‚schreibt, was die ‚Süddeutsche‘ schreibt, was die ‚Welt‘ schreibt, was der ‚Spiegel‘ schreibt – es ist immer dasselbe. Und wenn Sie das Tag für Tag vorgesetzt kriegen, auch als Student, dann müssen Sie es irgendwann glauben.“

Und da ist er, bereits am Freitagnachmittag. Der kalkulierte Skandal. Auf einer Buchmesse eigentlich der Sündenfall. Nur hat ihn kaum jemand bemerkt. Ganz sicher nicht die Messeleitung.

Gemeinsame Erklärung gegen die rechten Verlage

Im Vorfeld hatte Messedirektor Oliver Zille gegenüber dem „Mitteldeutschen Rundfunk“ darauf hingewiesen, dass die Messe als öffentliches Unternehmen ultrarechten Verlagen die Teilnahme nicht verwehren könne da sie „ganz eng an den Artikel 5 des Grundgesetzes in Bezug auf die Meinungsfreiheit gebunden“ sei. Zille gab sich wehrhaft: „Wir haben ein Hausrecht und werden es einsetzen, um Bücher zu entfernen oder um Veranstaltungen abzubrechen, die aus dem Ruder laufen“. Es sei geplant, das Sicherheitskonzept mit Polizei und eigenen Sicherheitskräften anzupassen. Außerdem sei man in engem Kontakt mit der Initiative #Verlagegegenrechts.

Diese hatte sich im Vorfeld mit einer Unterschriftenliste, einer Kundgebung in Leipzigs Innenstadt und zahlreichen Diskussions- und Vortragsveranstaltungen während der Messe gegen die Botschaften ultrarechter Verlage gewandt. Die gemeinsame Erklärung war von mehr als 80 Verlagen und über 200 Einzelpersonen unterzeichnet worden. Darin heißt es, die rechten Verlage seien „die Scharfmacher*innen, in deren Windschatten sich Gewalttäter*innen bewegen“.

„Die zugewiesene Ecke zu unserer Ecke machen“

Was gemeint ist, wird deutlich, als man sich während der Messe in die „rechte Ecke“ der Halle 3 begibt. Götz Kubitschek, Chef von Antaios, hatte auf seinem Blog bereits vor der Messe dazu aufgerufen „alle zusammen diese zugewiesene Ecke tatsächlich zu unserer Ecke machen“. Eine Chiffre, die von seinen Anhängern ebenso wie von Kritikern verstanden wurde. Die Messeleitung hatte es offenbar verschlafen, hier einmal hellhörig zu werden.

Und so mussten alle, denen hier der Stallgeruch fehlte, damit rechnen, gleich bei ihrer Ankunft von „Identitären“ und anderen Aktivisten zur Abschreckung gefilmt und fotografiert zu werden. Nach einer Protestaktion, die am Samstag zu einer kurzen Rangelei geführt hat, kippt die Stimmung völlig. Personen werden wahllos angegangen, Medienvertreter bedroht. Die Verlage haben ihr eigenes „Sicherheitspersonal“. Die bedrängen nun die Journalisten vor Ort, wollen sich deren Bilder zeigen lassen, verlangen Löschungen. Unterstützt werden sie hierbei überraschenderweise ausgerechnet von der Messe-Security. Fragt man nach dem Dienstausweis, heißt es, der sei draußen, man solle doch mal mitkommen, draußen könne man das klären.

„Die Erweiterung des Sagbaren“

Der Saalschutz der rechten Verleger entscheidet nun gemeinsam mit der Messe-Security an den Zugängen zum Podiumsbereich, wer diesen betreten darf und wer nicht. Abgewiesen werden sowohl potenziell kritische Messebesucher als auch Journalisten. Trotz freier Sitzplätze im Innenraum wird wiederholt behauptet, dieser sei überfüllt.

Und so kann letztlich ohne großen Widerspruch und ohne Störungen der „Identitäre“ Martin Sellner aus Wien von seiner ebenso illegalen wie erfolglosen Aktion „Defend Europe“ vom vergangenen Sommer auf dem Mittelmeer berichten. In der gleichen Ruhe kann Elsässer auf der Abschlussveranstaltung mit Kubitschek erklären, dass es die „Aufgabe der oppositionellen Medien“ sei, „zum Sturz des Systems beizutragen“. Dazu müsse unter anderem ein Riss durch die Sicherheitsapparate gehen.

Kubitschek freut sich in dem Gespräch, dass ihre Verlage „durch die Decke gehen“ und man in der Berichterstattung die Buchmessen dominiere. Dies sei die „Normalität“ die zu schaffen der Kern seiner Arbeit sei, die „Erweiterung des Sagbaren“.

Weitere Artikel

„Identitäre“: Scharnierfunktion Rechtsaußen

28.10.2016 -

Die „Identitäre Bewegung“ macht mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen auf sich aufmerksam. Die bestens vernetzten Aktivisten geben sich modern, vertreten aber eine rückwärtsgewandte Ideologie. Ihre Verbindungen reichen bis in die Parlamente.

Arbeitnehmervertretung von Rechtsaußen

05.01.2018 -

Das „Zentrum Automobil“ will bei den kommenden Betriebsratswahlen bundesweit an zahlreichen Standorten der Automobilindustrie antreten – Verbindungen existieren zur AfD bis zu neurechten Kreisen.

Merkel-Gegner von Rechts formieren sich

07.11.2016 -

Während zwei rechte Aufmärsche in Berlin am Wochenende unter sinkender Beteiligung, Blockaden und Regenschauern litten, versammelten sich ihre selbst ernannten Vordenker bei einer „Konferenz für Meinungsfreiheit“ des „Compact“-Magazins.

Lifestyle und rechte Botschaften

11.08.2017 -

Ein Onlinemagazin aus dem Rheinland versucht sich abseits bereits bestehender Medien rechtspopulistischer beziehungsweise neurechter Ausrichtung zu etablieren.