Irrationale Auffassungen in „alternativen“ Milieus

Von Armin Pfahl-Traughber
05.07.2021 -

Der Journalist Andreas Speit legt mit „Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus“ ein Buch zu irrationalen Auffassungen eben in „alternativen“ Milieus vor. Er beschreibt und kommentiert bedenkliche Entwicklungen, die auf Anthroposophie-Anhänger wie Impfgegner wie Verschwörungsgläubige bezogen sind.

Andreas Speits neues Buch: Rechte Esoterik und Ökologie in alternativen Milieus

Heute denkt man bei den „Alternativen“ an die AfD, wurde die Bezeichnung doch durch die Partei diskursiv vereinnahmt. Vor ihrer Gründung war damit aber eine eher linke Szene gemeint, die bei der Entstehungsgeschichte der Grünen durchaus relevant war. Bei deren Anhängern spielten Esoterik und Ganzheitlichkeit, Innerlichkeit und Naturreligion eine wichtige Rolle. Indessen nahm deren Einfluss bei den Grünen tendenziell eher ab, schwand angesichts der dortigen Debatte um Homöopathie indessen nicht vollständig.

Nicht nur für Historiker handelte es sich seinerzeit um eine zweite Lebensreformbewegung, hatte es doch so etwas schon Anfang des 20. Jahrhunderts gegeben. Dabei ging naturnahes Denken auch mit irrationalen Vorstellungen einher. Und derartige Auffassungen kann man in der Gegenwart auch bei den „Querdenkern“ ausmachen, welche mitunter rechtsextremistische Orientierungen in ihren Weltbildern aufweisen. Darauf macht der Journalist Andreas Speit aufmerksam, sieht er hier doch eine dritte Lebensreformbewegung wirken.

Von Corona-Leugnern bis zu QAnon-Verschwörungsgläubigen

Sein neuestes Buch ist mit „Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus“ überschrieben. Der Autor will damit auf die Bedeutung von rechter Esoterik und rechter Ökologie in solchen Zusammenhängen hinweisen, wobei es sich um kein neues Phänomen handelt, wie seine ideengeschichtlichen Exkurse immer wieder verdeutlichen. Am Beginn steht der Blick auf die aktuelle Protestbewegung, die von Corona-Leugnern bis zu QAnon-Verschwörungsgläubigen geprägt ist.

Der Autor beschreibt deren öffentliche Präsenz, wobei die Ausführungen mitunter wie eine Filmkamera in Prosa wirken. Dadurch entsteht ein plastischer Eindruck von den gemeinten Phänomenen. Ergänzt wird er jeweils mit Hintergrundinformationen, welche die mitunter überaus absonderlichen Auffassungen dann besser einordbar machen. Indessen sind die Aussagen über die sozialen Besonderheiten der Protestierer doch nicht so klar abgesichert, denn die von Speit erwähnte Studie speziell dazu war nicht repräsentativ ausgerichtet. Insofern sind Verallgemeinerungen problematisch.

Von der Anthroposophie bis zur Anastasia-Bewegung

Die folgenden Ausführungen bilden dann Fallstudien zu einzelnen Phänomenen in diesen Zusammenhängen. Da geht es zunächst um die „Alternativmedizin“ und „Impfkritik“, auch die bei den Grünen auszumachende Homöopathie-Kontroverse ist dabei ein Thema. Der Autor betont auch hier die ideengeschichtlichen Kontinuitäten, wird doch etwa auf die völkischen Implikationen der impfskeptischen Traditionen verwiesen. Danach geht es um die Ambivalenzen der Anthroposophie, wobei Speit auch Steiner ausführlicher thematisiert.

Leider werden die genutzten Zitate nicht genau belegt. Dies gilt auch für alle anderen Ausführungen. Fußnoten zu so etwas können und sollten auch Journalisten setzen. Und danach geht es noch um die „Anastasia-Bewegung“, eine aus Russland stammende esoterische Siedlerbewegung. Sie hat auch Anhänger in Deutschland gefunden, kann aber sicherlich nicht als gesellschaftlich relevante Strömung gelten. Dafür sind deren Auffassungen dann doch selbst für hiesige Esoteriker zu absonderlich.

Bedenkliche Auffassungen in der Tierrechtsbewegung

Und schließlich wird von Speit die Tierrechts- und Veganbewegung angesprochen. In ihr gab es immer wieder bedenkliche Auffassungen und Entwicklungen, die mitunter von menschenverachtendem Gedankengut geprägt waren. Indessen können die Ausfälle von Attila Hildmann nicht allgemein auf die Veganer übertragen werden, nur weil er öffentliche Bekanntheit als veganer Koch erlangte. Dies behauptet Speit indessen nicht, er erwähnt auch kritische Stimmen aus der veganen Szene gegen ihn.

Aber dadurch, dass der Autor primär bedenkliche Erscheinungsformen thematisiert, geht die Differenzierung für die Gesamteinschätzung unter. Dort gelegentlich kursierende Holocaust-Vergleiche dienen mehr der Skandalisierung von Tierquälerei, dadurch soll nicht die Shoah verharmlost werden. Und bei „Animal Peace“ handelt es sich um eine Minderheit in der veganen Szene. Indessen gibt es dort durchaus derartige Tendenzen. Der Autor macht mehr beschreibend darauf aufmerksam. Sein interessantes Buch bricht dann aber auf einmal abrupt ab.

Andreas Speit, Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus, Berlin 2021 (Ch. Links-Verlag), 239 S.

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