Ideologische Bildung für die Neonazi-Szene

Von Andrea Röpke
04.08.2017 -

Das Zeitungsprojekt „N.S Heute“ will auf eine Neuausrichtung der „nationalen Bewegung“ hinwirken. Versucht wird der Spagat zwischen einer deutlichen Öffnung der eigenen Reihen in Richtung Strategien der Neuen Rechten – und dem Verharren in alter NS-Tradition.

„NS. Heute“: Aufklärung und Neuausrichtung der Neonazi-Szene; Photo: Otto Belina

Sascha Krolzig hat eine eigene Zeitschrift. „N.S. Heute“ könnte den Anspruch haben, neues ideologisches Leitmedium der Neonazi-Szene außerhalb der digitalen Welt zu werden. Der Diplom-Jurist aus Ostwestfalen setzt dabei auf eine grobe Mischung aus traditionellem NS und moderner Subversion. Anders als „Zuerst“ soll das Hochglanz-Heft kein Massenmedium werden, sondern Aufklärung und Neuausrichtung nach innen ermöglichen. Die Zeitschrift will  nicht  den „anpolitisierten Wutbürger“, Patrioten oder Asylkritiker erreichen, sondern diejenigen, die sich als  Nationale Sozialisten oder gar Nationalsozialisten bezeichnen. Für dieses Projekt ist  der einstige Kopf des verbotenen „Nationalen Widerstands Hamm“ viel unterwegs.

Themar in Thüringen, es ist der 29. Juli dieses Jahres. Zufrieden legt Sascha Marcel Krolzig Exemplar für Exemplar von „N.S. Heute“ nebeneinander. Sein Bielefelder „Sturmzeichen“-Verlag bringt die Hefte heraus. Bisher sind drei Ausgaben mit Krolzig als „Schriftleiter“ erschienen. Ganz gemächlich baut der Mann, Jahrgang 1987, den kleinen Stand mit grünem Schirm auf dem „Rock für Identität“-Event im thüringischen Ort nahe Suhl auf. Die Kette um seinen Hals ziert ein Thorshammer. Krolzig trägt kariert, wirkt unscheinbar,  bieder und behäbig.  Zuhause in Bielefeld bietet sich der Akademiker, der nicht Volljurist werden darf, als Redner für Zeremonien an: Ehejubiläen und Lebensfeiern, aber vor allem wohl Trauerfeiern. Die Verweigerung der Zulassung zum Rechtsreferendariat wurde von den Verwaltungsgerichten mit seiner radikal-politischen Laufbahn und einer charakterlichen Nichteignung  begründet.  Bereits als Jugendlicher fiel Krolzig mehrfach strafrechtlich auf. Er wurde unter anderem wegen Beleidigung verurteilt, weil er bei einer Neonazi-Demo einen dunkelhäutigen Polizisten beschimpft hatte. Inzwischen ist der Mann Landeschef der Neonazi-Partei „Die Rechte“ und leitet die Redaktion von „N.S. Heute“.

Einigkeit gefordert, um mit „vereinter Macht“ zu schlagen

Beim „Rock für Identität“ tritt Sascha Krolzig als einer der Redner auf, die dem braunen Musik-Event den Anstrich einer politischen Kundgebung geben. Damit fallen diese Veranstaltungen unter das besonders geschützte Versammlungsrecht. Szene-Besucher zahlen für den Zutritt zur öffentlichen Versammlung allerdings 30 Euro Eintritt. Der kommerzielle Charakter bleibt trotz aller Bemühungen der Organisatoren um Patrick Schröder erkennbar.

Krolzig nutzt die Chance, für sein Zeitungsprojekt, welches „Anfang des Jahres aus der Taufe gehoben“ wurde, zu werben. 4,90 Euro kostet ein Exemplar. „N.S. Heute“ soll einen Beitrag zur weltanschaulichen Bildung der nationalen Bewegung leisten, erzählt der Neonazi ruhig den wenigen interessierten Zuhörern. Neben dem Aktivismus auf der Straße und der körperlichen Fitness sei das wichtig. Auch wenn es den Anschein erwecken mag, Krolzig ist nicht harmlos. Er fordert in Themar Einigkeit innerhalb der völlig zerstrittenen Szene, denn dann könne mit „vereinter Macht“ geschlagen werden. Und Krolzig twittert solche Dinge wie am 30. Juni dieses Jahres: „#Ehefueralle dürfen gewisse Leute nicht falsch verstehen: Ziege und Esel dürfen NOCH nicht zum Altar geführt werden.“ Der ehemalige NPD-Vorsitzende Holger Apfel schreibt in seiner persönlichen Abrechnung mit dem Titel „Irrtum NPD“: Nachdem er eine von Krolzig organisierte Versammlung als Paradebeispiel für einen „NS-Faschingsumzug“ kritisiert hätte, habe der ihm geschrieben, er bedaure, ihm mal die Hand gegeben zu haben, er hätte sie ihm lieber brechen sollen.

Warum haben die mit unseren Parolen Erfolg?

Das knapp 60-seitige „N.S. Heute“ soll eine Druckauflage von 1500 haben, also nicht mehr wie der „Reichsbote“. Im Mai 2017 gab es nach eigenen Angaben 400 Abonnenten. Schnell wird deutlich, dass Sascha Krolzig zwar auch Parteipolitik zulässt, aber weit darüber hinaus tendiert.  Er will Interesse für ein Umdenken schaffen, rüttelt an den Grundfesten. Anders als das Heft „Ein Fähnlein“ hat „N.S.Heute“ nicht nur den einen Fokus auf den traditionellen Nationalsozialismus gerichtet. Der wird bedient, aber nicht ausschließlich. Anscheinend versucht Krolzig auf seine ruhige Art, mit Klischees zu brechen und neue Strategien umzusetzen. Es sieht so aus, als wenn er und seine Mitstreiter den Anklang, den Rechtspopulisten, rassistische Straßenbewegung und nicht zuletzt die „Identitären“ in breiten gesellschaftlichen Kreisen finden, genauestens analysieren. Eine Frage scheint die Macher umzutreiben: Warum haben die mit unseren Parolen Erfolg und wir nicht?

„N.S. Heute“ versucht, nachzuziehen. Wagt den Spagat zwischen einer deutlichen Öffnung der eigenen Reihen hin zum strategischen Vorgehen von Neuer Rechter und Rechtspopulismus – und dennoch in alter NS-Tradition verharrend. Dieser Plan wird deutlich, wenn zum Beispiel die für die Szene sehr ungewöhnliche Idee des „Stahlgewitter“-Musikers Frank Krämer vorgestellt wird. Krämers Blog „Der dritte Blickwinkel“ sowie „Multikulti trifft Nationalismus“ – für viele Nazis wohl No-Go. Denn Krämer lässt sich vom afrodeutschen Videoaktivisten Nana Domen aus Köln interviewen. Das erste gemeinsame Video der beiden wurde inzwischen über 142 300 Mal aufgerufen. „Ich weißer Nationalist, du schwarzer Einwanderer“, sagt der langjährige Neonazi Krämer in einem der Clips. Beide,  so konträr sie sind, wollen etwas verändern, sagen sie.

Neonazi-Szene weitaus intensiver gespalten, als bisher ersichtlich

Ähnlich oberflächlich aber effektiv agieren auch „Identitäre Bewegung“ oder kriminelle Rocker-Gangs. Mit internationaler Kooperation oder Mitgliedern schützen sie sich vor dem Verdacht, rechtsextreme Ideologien zu vertreten. So ungewöhnlich ist Krämers Vorgehen nicht. Krolzig, der Trauerredner aus Bielefeld, wird die längst bestehenden Überschneidungspunkte zwischen Migranten-Communities und rechten Mischszenen erkannt haben. Fordert, auch wenn er es nicht äußert, ein Umdenken und neue Strategien der eigenen radikalen Reihen.

Krolzig scheint es mit „N.S. Heute“ nicht vorrangig um Expansion zu gehen, sondern darum, der eigenen Leserschaft Veränderungen schonend beizubringen. Ähnliche Intentionen hat anscheinend auch Organisator Patrick Schröder in Themar. Der Umgang mit Pegida, AfD und „Identitären“ ist Reizthema auch auf der Bühne des „Rock für Identität“. Ex-„Blood&Honour“-Anführer Dieter Riefling beschwört reißerisch den Geist Ian Stuart Donaldsons, lästert über  Drogendealer und Striptease-Partys bei Pegida, während die „dummen Bunzelbürger“ ihre Spaziergänge machen würden. Anders als die „Identitären“, die nur aufs Brandenburger Tor kletterten, so Riefling, würden sie „das System von innen aushöhlen“. Die Neonazi-Szene scheint weitaus intensiver gespalten als bisher ersichtlich. Immer wieder werden in Themar Andeutungen laut. Zwei Wochen zuvor hatte vor allem Matthias Fischer, Kopf der militant ausgerichteten Partei „Der III. Weg“ am selben Ort die eigenen Reihen massiv kritisiert.

Werbung für „Revoltopia“ und Öko-Taschen

Auf den Bänken sitzen in Themar ohnehin wenige Zuhörer, die meisten der über 800 Besucher der Veranstaltung plaudern, shoppen an den Ständen von „Black Legion“, PC Records und Revoltopia oder stehen für Wurst und Bier an, um sich die Zeit bis zu den Auftritten von Rechtsrock-Bands wie „Sturmwehr“, „Frontalkraft“ oder „Blutlinie“ zu vertreiben. Langjährige Strategen der Szene wie Krolzig, die durch viele Organisationen und Geflechte wanderten, leiden unter dem Schattendasein ihrer Strukturen, sind sauer über die eigenen Unzulänglichkeiten. Das öffentliche Augenmerk geht an die „Identitäre Bewegung“ mit ihrer menschenverachtenden, aber publikumswirksamen Inszenierung auf dem Mittelmeer. „Defend Europe“ war ein Slogan der Neonazi-Szene, die „Identitären“ um Martin Sellner aber wurden damit berühmt.

Jüngere Aktivisten versuchen, nachzuziehen. Mitten auf dem Platz in Themar hat Maximilian Reich  seinen Stand aufgebaut. „Revoltopia“ steht fett auf dem Banner. Kaum zu glauben: Reich ist Mitglied der strikt völkisch ausgerichteten NPD-Jugendorganisation. Hier wirbt er für Öko-Taschen und Shirts mit der Aufschrift „Hunt your local dealer – Duterte Youth“, eine Anspielung auf die blutige Drogenpolitik der Philippinen. „One Europe – One Youth – One Struggle“ und „Defend Europe“ ist zu lesen.

„Nihilismus in Reinform durch Konsum“

Parallel dazu kommt in „N.S. Heute“, Ausgabe Nr. 3, eine Gruppe namens  „Revolte auf Beton“ mit einem Gastbeitrag unter dem Titel „Über das Schicksal“ zu Wort. Experten sehen in deren medialem Auftritt einen Versuch, ein „Netzwerk von Neonazis und Vertretern der so genannten Neuen Rechten zu knüpfen“ („Belltower News“). Im Heft beanstanden sie „Nihilismus in Reinform“, bedingt durch: „Konsum, Konsum und noch mehr Konsum“. Für sie seien die Deutschen  „krank“.  Auch das „Haus Montag“ wird in „N.S. Heute“ ausführlich vorgestellt. Reporter Krolzig reist eigens dafür nach Sachsen. Das Pirnaer Projekt gilt als das „deutsche Casa Pound“ und findet Anklang in den Reihen von Jungen Nationaldemokraten bis hin zur „Identitären Bewegung“.

Gastautor Patrick Schröder, Veranstalter des „Rock für Identität“ darf in „N.S. Heute“ sogar ein Loblied auf die Ibster singen: „Dazu ein Martin Sellner, der DAS Gesicht der IB im deutschsprachigen Raum ist und jeden, wirklich ausnahmslos jeden in unseren Reihen durch seine Omnipräsenz in Videos sympathietechnisch völlig massakriert“. Der Macher von Ansgar Aryan und FSN-TV wettert: „Die schlimmsten Demokraten in diesem Staat sind nicht die Damen und Herren von der SPD oder den Grünen – es sind wir selbst geworden“ und bemängelt den „wenig autoritären Stil“, alles werde zerredet, abgestimmt und persönliche Befindlichkeiten bei Facebook rausgekramt. Schröder, selbst seit 2004 NPD-Mitglied, erscheint zudem neidisch auf die finanziellen Mittel, die die „Identitären“ hätten, weil sie mit „AfD, Pegida und Co.“ in „im Boot“ sitzen.  Das sei  eben ihre eigene Schuld, so Schröder im Text, denn „während IB und Co. gehandelt haben, diskutierten wir darüber, ob man denn eigentlich zu PEGIDA gehen dürfe.“ 

„Rock für Identität“ will kein Kommerz-Fest sein

Wie es der Titel verspricht, kommt der Nationalsozialismus in den bisherigen drei Ausgaben von „N.S. Heute“ keinesfalls zu kurz.  Krolzig und eine kleine Autorenschar, von denen fast alle anonymisiert auftreten, widmen sich Themen wie „Volksgemeinschaft – Mittelpunkt nationalsozialistischer Weltanschauung“ oder dem vermeintlichen „Standardwerk“ von Rainer Zitelmann über Adolf Hitler.

Ideologie ist das eine, Strategie das andere. Über ein ausgebufftes, strategisches Taktieren können auch die emotionalsten Ansagen der YouTube-Yuppies von den „Identitären“ nicht hinwegtäuschen – im Gegenteil. Langjährige Drahtzieher der Neonazi-Szene wie Krolzig und Schröder wissen das. Vieles ist Schein. Keinesfalls darf innerhalb der eigenen Szene der Eindruck erweckt werden, es gehe ums Geld oder auch nur um die finanzielle Absicherung einzelner Protagonisten. Ebenso wichtig ist es an diesem Samstag in Themar aber auch, den Anstrich einer öffentlichen Kundgebung zu wahren. Das „Rock für Identität“ will kein Kommerz-Fest sein. Journalisten und Mitglieder der Abgeordneten-Abordnung des Thüringer Landtages werden daher  draußen vor dem Absperrzaun hellhörig, als Event-Moderator Axel Schlimper („Europäische Aktion“) plötzlich lauthals ausruft: „Die einzige Möglichkeit um Strukturen aufzubauen, ist der kommerzielle Erfolg! Wie soll’s denn sonst laufen?“

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