Graue Wölfe: Rechtsextremismus mit Migrationshintergrund im Überblick

Von Armin Pfahl-Traughber
19.11.2020 -

In Deutschland wird über ein Verbot der Grauen Wölfe diskutiert. In Frankreich hat man so etwas schon durchgezogen. Immerhin handelt es sich um eine der anhängerstärksten rechtsextremistischen Bestrebungen – indessen mit Migrationshintergrund. Doch was genau sind die Grauen Wölfe? Der folgende Artikel liefert einen kurzen Überblick.

Auch in Deutschland wird der Ruf nach einem Verbot lauter, Foto: Sascha Arnhoff, CC BY-NC 2.0

Auch bei in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund gibt es Nationalismus und/oder Rassismus, der sich meist gegen andere Menschen mit Migrationshintergrund richtet. Hier kann man häufig von einer Fortsetzung von Konflikten sprechen, denn in ihren Heimatländern haben sie aufgrund dortiger Konstellationen ihren Ursprung. Meist beschränken sich die gemeinten Einstellungen auf persönliche Ressentiments, bestehen doch nur wenige politische Organisationen eines solchen Typs.

Bezogen auf die größte Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund, gemeint sind hier für Deutschland die Türken, gibt es aber sehr wohl organisierten Rechtsextremismus. Dabei kommt den Grauen Wölfen ein herausragender Stellenwert zu, rechnet man diesen doch um die 11.000 Personen zu. Die Bezeichnung steht in der Gesamtschau aber nicht für eine einheitliche Organisation, eher für eine Strömung.

Politische und symbolische Bedeutung des Wolfs

Um dies besser einordnen zu können, bedarf es eines Blicks auf die Entwicklung in deren Heimatland. Dabei soll es zunächst um die Bezeichnung Bozkurtlar bzw. Bozkurtcular, also Graue Wölfe, gehen. Es handelt sich um eine Anspielung auf mythische Auffassungen, die in türkischen Legenden immer wieder ein Thema waren. Demgemäß verwundert die Nutzung als Symbol nicht, wird doch eine starke Türkei eben in dem Wolf verkörpert gesehen. Die Anhänger der Bewegung formen gar mit den Fingern einen Wolfskopf, steht dieser doch für ein ideologisches Bekenntnis in der politischen Öffentlichkeit.

Damit ist nicht nur eine bloße Identifizierung mit der türkischen Nation gemeint, beansprucht man doch über den bestehenden Staat hinaus eine organisatorische Vereinigung von allen türkischstämmigen Völkern. Gleichzeitig dienen dabei Feindbilder der Identitätsbildung, wozu neben den Kurden und anderen Minderheiten, auch Christen, Freimaurer, Juden oder Kommunisten zählen.

Entstehung und Entwicklung der Grauen Wölfe

Die Anhänger einer solchen panturkistischen Ideologie kamen bereits im Rahmen der politischen Umbrüche auf, welche zur Gründung der modernen Türkei führte. Der Nationalismus ging dabei mit der Säkularität einher, wenngleich die späteren Grauen Wölfe durchaus Islam und Nation zusammendachten. Zunächst bestand nur eine Bewegung von Idealisten, was mit der Selbstbezeichnung Ülkücüler gemeint ist. Deren Anhänger gingen auch mit Gewalt gegen Linke und Minderheiten vor, kam es doch in den 1960er bis 1980er Jahren immer wieder zu Morden und Pogromen.

1969 entstand die Milliyetci Hareket Partisi (MHP), also Partei der Nationalen Bewegung. Darin organisierten sich die Anhänger der Grauen Wölfe, während einige von ihnen weiterhin Gewalttaten durchführten. Gleichwohl wurde sie bereits 1975 als Koalitionspartner auch Regierungspartei, und der Parteigründer Alparslan Türkes Stellvertretender Ministerpräsident.

Damit konnten die Grauen Wölfe ungehindert von den Sicherheitsbehörden weiter agieren.

Das Agieren der Grauen Wölfe in der türkischen Innenpolitik

Bei der militärischen Bekämpfung der kurdischen PKK durch staatliche Truppen kam es sogar zu einer informellen Zusammenarbeit. Zwar erfolgte 1980 nach dem Militärputsch ein Verbot. Gleichwohl gelang es nicht wenigen Aktivisten, in staatlichen Institutionen unterzukommen. Nachdem zehn Jahre später das Verbot wieder aufgehoben wurde, erfolgte eine ansatzweise ideologische Umorientierung. Während die MHP weiterhin nationalistisch blieb, übernahm sie auch islamistische Positionen.

Gleichzeitig erfolgte eine Annäherung an die von Erdogan geführte Regierungspartei, wurde man doch in einem komplexen Kräfteverhältnis deren politischer Verbündeter. Diese Entwicklung trug mit einer formalen Mäßigung dazu bei, dass die Grauen Wölfe als normale Partei wahrgenommen wurden. An einem kritischen Blick auf sie mangelt es auch in Deutschland und nicht nur in der Türkei.

Graue Wölfe in der Bundesrepublik Deutschland

Denn deren Anhänger gehörten mit zu den Migranten und bauten Strukturen für ihr Wirken auf. Dazu zählt der Dachverband Almanya Demokratik Ülkücü Türk Dernekleri Federasyounu (ADÜTDF), also Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistienvereine in Deutschland, mit um die 7.000 Mitgliedern. Nach außen gibt man sich mehr als türkischer Kulturverein, weniger als politische Organisation. Formal zur Demokratie bekennt sich die Organisation schon in der Selbstbezeichnung.

Auch werden offiziell Gesetzestreue und Integrationsbereitschaft bekundet. Indessen steht die erwähnte nationalistische Ideologie in einem eindeutigen Spannungsverhältnis zu demokratischen Wertvorstellungen. Und einschlägige Einstellungen finden dort große Verbreitung. Dies gilt auch und gerade für die Abneigung gegen Kurden, die sich mitunter in gewalttätigen Auseinandersetzungen artikulierte.

Unterschiedliche Strukturformen: Netzwerke und Tarnorganisationen

Andere Anhänger der Grauen Wölfe sind weniger organisiert, stehen sie doch durch die Kommunikation über soziale Medien meist nur als lose Netzwerke miteinander in Verbindung. Dabei handelt es sich um die 4.000 Personen. Einige dieser Aktivisten traten in rockerähnlicher Form auf, andere Anhänger nutzen das Internet zur Propaganda. Dabei werden die bereits erwähnten Feindbilder thematisiert, wobei es nicht nur gegen Kurden oder Linke, sondern auch gegen Armenier oder Juden geht.

Es bestehen darüber hinaus regionale Organisationen, die nicht auf den ersten Blick diesem Kontext zugeordnet werden können. Dazu bedient man sich Bezeichnungen wie Türkisches Kulturzentrum oder Türkisch-deutscher Freundschaftsverein. Ähnlich verhält es sich bei bestimmten Elternverbänden, Fußballclubs oder Jugendgruppen. Darüber hinaus engagieren sich die Anhänger auch in deutschen Parteien, um darüber politischen Einfluss in ihrem Sinne zu entfalten.

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