Gesellschaftliche Akzeptanz diffuser Verschwörungsmentalität

Von Armin Pfahl-Traughber
19.11.2020 -

Bei den Corona-Demonstrationen werden immer wieder Verschwörungsideologien verbreitet. Sie können sich zumindest formal auf latente Einstellungen in der breiteren Gesellschaft stützen. Darüber informieren die Ergebnisse zweier Studien, die bereits vor dem Ausbruch der Pandemie erstellt wurden.

Q - das Zeichen für QAnon, eine der am weitesten verbreiteten Verschwörungsmythen

Das Aufkommen von Corona forcierte auch die Verbreitung von Verschwörungsideologien, wobei mal die „Elite“, mal „Bill Gates“, mal die „Juden“ oder mal „George Soros“ als Verantwortliche gelten. Nicht alle Demonstranten gegen die Pandemiepolitik vertreten solche Vorstellungen, gleichwohl kursieren unter ihnen diffuse Konspirationsneigungen. Sie sind nicht nur als bloße Falschbehauptungen problematisch, sondern auch wegen ihrer demokratiefeindlichen Konsequenzen. Denn es wird so der Eindruck vermittelt, dass die gewählte Bundesregierung nur eine politische Marionette geheimer Verschwörer sei.

Damit schlägt dann eine legitime Elitenkritik schrittweise in extremistische Mentalitäten um. Mitunter können derartige Einstellungen auch zur Gewaltlegitimation führen, wenn man damit gegen die angeblichen Konspirateure vorgehen will. Doch wie verbreitet sind derartige Einstellungen in der deutschen Gesellschaft eben als Verschwörungsmentalität? Eine Antwort auf diese Frage geben zwei empirische Untersuchungen.

Erste Datenerhebung dazu vom „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“-Projekt

Eine erste derartige Analyse entstand im Kontext des Projekts „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, das vom Bielefelder Institut für Konflikt- und Gewaltforschung durchgeführt und von der Friedrich Ebert-Stiftung unterstützt wird. In dem Bericht „Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19“ finden sich einschlägige Informationen. Das ausgewertete Datenmaterial entstand auf der Grundlage einer repräsentativen Umfrage, wobei einerseits die Akzeptanz bestimmter Einstellungen abgefragt und die Interviewten hinsichtlich ihres Sozialprofils erfasst und andererseits die damit einhergehenden Besonderheiten hinsichtlich des Kontextes bei der Verteilung ermittelt wurden.

Dies erlaubt es auch Auskunft darüber zu geben, ob eher Ältere, Gebildete oder Männer bestimmten Meinungen zuneigen. Während dies in den früheren Arbeiten meist auf Minderheitenfeindlichkeit bezogen war, findet man derartiges Datenmaterial in der Studie zu 2018/19 erstmals auch breiter zu Verschwörungsmentalitäten.

Quantitatives Ausmaß der Verschwörungsmentalität

Bezogen auf die Einstellungsstatements ergaben sich folgende Ergebnisse für eine „eher zu“- und „voll und ganz“-Zustimmung (die Daten zu „teils/teils“ in Klammern): „Es gibt geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben“: 45,7 Prozent (19,7 Prozent), „Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte“: 32,7 Prozent (26,3 Prozent). Beachtenswert war auch das Ergebnis zu folgendem Statement: „Ich vertraue meinen Gefühlen mehr als sogenannten Experten“: 50,4 Prozent (29,3 Prozent).

Die ersten beiden Fragen messen deutlich die Verschwörungsmentalität. Dies muss nicht unbedingt auf: „Die Medien und Politik stecken unter einer Decke“ zutreffen, wo es mit 24,2 Prozent (29,3 Prozent) sogar eher niedrigere Werte gab. In der Gesamtschau lässt sich demnach sagen, dass fast die Hälfte durchaus Verschwörungsmentalitäten aufweisen. Denn es geht hier nicht um bloße Elitenkritik, wird doch ausdrücklich von „geheimen Organisationen“ als Verantwortlichen gesprochen.

Soziale Merkmale der Anhänger von Verschwörungsideologien

Für dieses Einstellungspotential konnten auch soziale Merkmale ermittelt werden: Es handelte sich weniger um Frauen, eher um Männer. Bei den besser Gebildeten waren die Potentiale geringer. In der Altersverteilung ließen sich kaum Besonderheiten ausmachen. Ähnlich verhält es sich bezogen auf den gesonderten Blick auf Ost- und Westdeutschland. Anhänger von Konspirationsvorstellungen schätzten die allgemeine wie die eigene Wirtschaftslage negativer und pessimistischer ein.

Damit decken sich diese Besonderheiten weitgehend mit denen, die bezogen auf eine „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ bzw. rechtsextremistische Vorstellungen ermittelt wurden. Dafür sprechen die vergleichbaren Daten zu Fremdenfeindlichkeit, Muslimenfeindlichkeit oder Sexismus. Indessen sind die gemeinten Auffassungen auch nicht auf rechtsextremistisch Eingestellte beschränkt, hat man es doch mit einem darüber hinausgehenden Potential von Verschwörungsmentalität zu tun. Und die Akzeptanzwerte in der Gesellschaft sind bis in die Hälfte hinein überaus hoch.

Zweite Datenerhebung dazu mit einem weitergefassten Untersuchungsansatz

Eine weitere empirische Studie zum Thema trägt den Titel „Sie sind überall. Eine repräsentative Umfrage zu Verschwörungstheorien“. Erstellt wurde sie für die Konrad Adenauer-Stiftung von dem Sozialwissenschaftler Jochen Roose. Auch hier handelt es sich um eine repräsentative Datenerhebung, die im Februar 2020 abgeschlossen war. Demnach wirkte sich die Corona-Entwicklung nicht auf die Untersuchungsergebnisse aus. Es wurde auch nicht nur das Konspirationsdenken in einem engeren Sinne untersucht.

Darüber hinaus gab es Fragen zu Geheimdiensten, Klimawandel und Maserimpfungen, womit die Akzeptanz von belegtem Wissen ermittelt werden sollte. Auch hier wurden Daten dazu erhoben, wie sich die Anhänger von Konspirationsvorstellungen oder die Leugner von faktenbasiertem Wissen sozial zusammensetzen. Dabei lassen sich viele identische Ergebnisse zur vorgenannten Studie konstatieren, wenngleich manche Angaben zu den jeweiligen Einstellungen quantitativ eine geringere Präsenz hatten.

Quantitatives Ausmaß der Verschwörungsmentalität

Die Auffassung „Es gibt geheime Mächte, die die Welt steuern“ hielten 11 Prozent für „sicher richtig“ und 19 Prozent für „wahrscheinlich richtig“. Eine neutralere Antwortmöglichkeit gab es hier nicht. Die Abneigung dazu dominierte indessen: 35 meinten „sicher falsch“ und 27 Prozent „wahrscheinlich falsch“. Gleichwohl würden demnach um die 30 Prozent mehr oder weniger an eine „Weltverschwörung“ glauben. Dazu gab es dann auch noch Antworten darauf, wer denn die „geheimen Mächte“ seien. Es stellte sich hier aber heraus, dass dafür unterschiedliche Akteure genannt wurden.

Das sollten mal „Banken“ oder „Geheimdienste“, mal das „Finanzkapital“ oder die „Wirtschaft“, mal die „Rockefellers“ oder die „Rothschilds“ sein. Manche Interviewten benannten auch gar keinen angeblichen Verantwortlichen. Insofern darf man aus dem Ausmaß des Konspirationsdenken keine homogene Verschwörungsideologie ableiten. Gleichwohl deuten demnach von den Befragten 30 Prozent politische Veränderungen in einer konspirationspolitischen Weise.

Soziale Merkmale der Verschwörungsideologieanhänger

Bezogen auf die Anhängerschaft derartiger Denkvorstellungen ließen sich folgende Spezifika ausmachen: Der Geschlechterunterschied spielte kaum eine Rolle, denn die Daten für Frauen und Männer lagen ungefähr gleich. Die Älteren über 65 Jahre stimmten mit 12 Prozent stärker solchen Statements zu, bei den 18- bis 34-Jährigen waren es nur acht Prozent. Beim Bildungsstand ließen sich auch klare Tendenzen benennen, neigten doch die formal höher Gebildeten weniger und die formal geringer Gebildeten mehr zu Verschwörungsvorstellungen.
Auch Menschen mit Migrationshintergrund erwiesen sich als überdurchschnittlich anfällig für derartige Vorstellungen. Bei ihnen war der Anteil für ein eindeutiges Bekenntnis bei 18 Prozent, bei Menschen ohne Migrationshintergrund bei zehn Prozent. Beachtenswert waren darüber hinaus die Erkenntnisse zu den Parteipräferenzen. Die erwähnten Auffassungen waren bei 56 Prozent der AfD-Anhänger, aber bei den hier am niedrigsten präsenten „Grünen“-Anhängern nur bei 20 Prozent vorhanden.

Einschätzung des Gefahrenpotentials des Verschwörungsdenkens

Für eine Gesamteinschätzung muss noch einmal daran erinnert werden, dass beide Datenerhebungen vor der Pandemieentwicklung erfolgten. Berücksichtigt man dazu das Forschungsergebnis, wonach Konspirationsvorstellungen insbesondere während und nach Krisenprozessen besondere Verbreitung finden, dann sind auch hier ansteigende Tendenzen erwartbar. Man kann einschlägige Bekundungen bei den „Corona-Demonstrationen“ feststellen, im Internet kursieren ergänzend dazu die unterschiedlichsten Verschwörungsvorstellungen.
Demnach besteht auch auf dieser thematischen Ebene ein nicht zu unterschätzendes Gefahrenpotential: Es gibt als latente Einstellungen bestehende Konspirationsvorstellungen, die auch in die gesellschaftliche Mitte reichen. Die Corona-Entwicklung führt zu Furcht, Irritationen und Wut, zumindest bei anwachsenden Minderheiten aus unterschiedlichsten politischen Zusammenhängen. Und einschlägige Agitation kommt über das Internet direkt auf jeden Schreibtisch.

Erschienen in: Hintergrund