Geschichte und Wirkung des Holocaust: Neue Themenschwerpunkte

Von Anton Maegerle
05.01.2021 -

"Einsicht 2020", das aktuelle Bulletin des 1995 gegründeten Frankfurter Fritz Bauer Instituts zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, enthält zwei thematische Schwerpunkte. Dargestellt wird die Geschichte der Ausgrenzung und Verfolgung Homosexueller und Transsexueller – u.a. im nationalsozialistischen Deutschland. Der zweite Themenschwerpunkt behandelt unter dem Titel "Sprache - Macht - Politik" die Instrumentalisierung und ideologische Aufladung der deutschen Sprache vor und nach 1945. Gespannt wird ein Bogen von dem Kampf des Allgemeinen Deutschen Sprachverbandes, der seit 1885 gegen fremdsprachige Einflüsse auf das Deutsche eintrat, bis in die Gegenwart.

Die NS-Zeit markiert den Höhepunkt der staatlichen Verfolgung homosexueller Männer in Deutschland. Innerhalb weniger Jahre wurden rund 50.000 Urteile nach dem 1935 massiv verschärften "Homosexuellenparagraphen" 175 verhängt. Im Herbst 1936 fand mit der Gründung der "Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung" eine Institutionalisierung der Verfolgungspolitik statt. Mehrere tausend Männer wurden in Konzentrationslager verschleppt. Homosexuelle Häftlinge wurden grundsätzlich in die sogenannten Strafkompanien eingewiesen, in denen die Lebensbedingungen noch schlechter waren als im restlichen Lager. Die Mehrheit der Rosa-Winkel-Häftlinge überlebte den NS-Terror nicht. Die Todesrate lag bei ca. 60 Prozent – bei politischen Häftlingen bei 42 Prozent.

Durch das verstärkte Aufkommen eines außerparlamentarischen wie eines parlamentarischen Rechtspopulismus hat die politische Auseinandersetzung auf der Straße, in den sozialen Medien und Plenarsälen erheblich an Schärfe zugenommen. AfD-PolitikerInnen provozieren immer wieder mit Begriffen, die an die Sprache der Nationalsozialisten angelehnt oder ihr entnommen sind. Unabhängige Medien werden als "Systempresse" verteufelt, einem Begriff mit dem Reichspropagandaminister Goebbels die demokratische Presse in der Weimarer Republik schmähte. Zentralbegriffe der NS-Zeit erfahren eine Renaissance. Stellvertretend seien die Begriffe "Volksverräter" oder "Umvolkung" genannt. AfD-PolitikerInnen verletzen bewusst Sprachtabus und verschieben die Grenze des Sagbaren.

Neben den beiden Schwerpunktthemen wird in einem umfangreichen Rezensionsteil eine Auswahl neu erschienener Bücher zur Geschichte und Wirkung des Holocaust vorgestellt. Das Bulletin kann wie auch frühere Ausgaben der "Einsicht" im PDF-Format auf der Website des Fritz Bauer Instituts heruntergeladen werden.

 

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