Ersatzveranstaltung nach Rechtsrock-Verbot

Von Horst Freires
27.08.2018 -

Die dritte Auflage der von den Initiatoren so genannten Reihe „Rock gegen Überfremdung“ im thüringischen Mattstedt ist am Samstag zwar ausgefallen, ein Ersatzkonzert hat eineinhalb Autostunden entfernt dann aber doch beim Neonazi Tommy Frenck in Kloster Veßra stattgefunden. Dort haben sich allerdings weitaus weniger Besucher eingefunden.

Die 3. Auflage von Rock gegen Überfremdung wurde durch die Behörden verhindert, zum Ersatzkonzert kamen deutlich weniger Besucher; Photo (Archiv): K.B.

Zuletzt frohlockte die rechte Szene, dass ihnen über das Versammlungsrecht solche Art von Musikveranstaltungen, die mit wenigen angemeldeten Redebeiträgen zu politisch stationären Kundgebungen deklariert werden, nicht untersagt werden können. Im Fall Mattstedt, wo mit mehreren Tausend Besuchern zu rechnen war, wurden nun aber erstmals per Eilentscheidung über das Verwaltungsgericht in Weimar Eigentumsrechte über die Versammlungsfreiheit gestellt. Die Landgemeinde Ilmtal-Weinstraße hatte das mehreren Privateigentümern gehörende Areal zum Schutz vor möglichen Beschädigungen sichergestellt und in amtliche Verwahrung genommen.

Sehr kurzfristig wurde den Veranstaltern um Anmelder Steffen R. nebst allen potenziellen Besuchern ein Betretungsverbot der Industriebrache auferlegt. Das sorgte dafür, dass nicht einmal die vor Ort aufgebaute Bühne samt Technik mehr abgebaut werden durfte. Der Abbau soll nun erst am heutigen Montag erfolgen. Bei R. handelt es sich um einen ehemaligen NPD-Kreistagskandidaten, der ansonsten eher die Öffentlichkeit scheut. Er gehört zum Zirkel der selbst ernannten „Turonen“, die sich auf die Ausrichtung und Durchführung von Rechtsrock-Konzerten konzentriert haben. Nicht R. verbreitete dann die Nachricht der Konzertabsage, sondern Sebastian Schmidtke, der NPD-Bundesorganisationsleiter.

Braunes Meeting im „Goldenen Löwen“

Daraufhin hagelte es Kritik in den Reihen vieler Rechtsrock-Anhänger, die bereits eine Eintrittskarte für die dritte Auflage der Reihe „Rock gegen Überfremdung“ per Vorabbezahlung erworben hatten. Die richterliche Entscheidung am Freitagabend war derart kurzfristig, dass gebuchte Busse für die Fahrt nach Thüringen sowie georderte Übernachtungsquartiere nicht mehr storniert werden konnten. Kommentare im Internet zeugen vom Unmut in den rechtsextremen Kreisen. Daraus ersichtlich: Auch Neonazis aus Österreich und Tschechien wollten die im internationalen Netzwerk von „Blood&Honour“ (B&H) beworbene Großveranstaltung besuchen.

Kurzfristig reagierte der Neonazi Tommy Frenck mit seinem eineinhalb Autostunden von Mattstedt entfernten „Gasthaus Goldener Löwe“ in Kloster Veßra und stellte spontan ein Ersatzkonzert unter Beteiligung der personenidentischen Bands „Kategorie C – Hungrige Wölfe“ und „Nahkampf“ auf die Beine. Die Bremer um Sänger Hannes Ostendorf waren nicht für das Mattstedt-Event gebucht, wollten aber einspringen. Der braune Gastwirt aus Südthüringen meldete für das Ersatz-Meeting behördlich vorschriftsgerecht eine Versammlung auf dem Kneipengrundstück an. Vorsorglich hatte der umtriebige Neonazi bereits vor einiger Zeit vier Kundgebungen für den eigentlichen Konzerttag am 25. August in Themar angemeldet, inzwischen dann aber wieder abgesagt. Frenck zufolge ist im Ersatzprogramm auch der Liedermacher Tobias Winter („Bienenmann“) aus Kahla aufgetreten.

Auftritt von „Lunikoff“ und F.i.e.L.“ auf Privatgrundstück

Nach Polizeiangaben haben schließlich einige Combos vom gestrichenen Mattstedter Line-Up auf Frencks Privatgrundstück gespielt, darunter der „Lunikoff“ genannte Ex-„Landser“-Sänger Michael Regener, der eine Woche zuvor noch beim „Rudolf Heß-Gedenkmarsch“ in seiner Heimatstadt Berlin mitmarschierte. Ebenso hat „F.i.e.L.“ (Fremde im eigenen Land) aus dem Raum Grevesmühlen bei Frenck aufgespielt. Von Letzterem, gerade wieder im Verfassungsschutzbericht von Mecklenburg-Vorpommern erwähnt, ist bekannt, dass er sich musikalisch auch beim politischen Gegner „bedient“. So covert er den Song „Allein machen sie Dich ein“ der früheren linksalternativen Kultband „Ton Steine Scherben“. Für die geplatzte Veranstaltung in Mattstedt waren sogar internationale Acts wie die RAC-Bands „Fortress“ aus Australien beziehungsweise „Warlord“ aus Großbritannien vorgesehen. Bei dem Ersatzkonzert sollen laut Polizei rund 500 Besucher zusammengekommen sein. Als Versammlungsredner setzte sich Frenck neben Schmidtke und dem ehemaligen Führungsmitglied der „Europäischen Aktion“, Axel Schlimper, selbst auf die Liste. Der für die NPD-nahe Liste „Bündnis Zukunft Hildburghausen“ aktive Frenck hatte auswärtigen Besuchern eine Zeltübernachtung auf der so genannten „Konzertwiese“ in Themar angeboten, über die er derzeit als Pächter verfügen kann.

Für einen Mattstedter Konzert-Ersatz schauten sich Organisatoren auch in Sachsen-Anhalt um. Eine Ersatzveranstaltung von Rechtsrock-Vertretern in dem Dorf Sotterhausen, das zur Kleinstadt Allstedt gehört, wurde von der Polizei unterbunden. Sie setzte ein vom Landkreis Mansfeld-Südharz ausgesprochenes Verbot um. In dem Allstedter Ortsteil ist mit Enrico M. ein langjähriger Neonazi zu Hause, der seit Jahren enge Kontakte in die rechtsextreme Musikszene pflegt und sein Grundstück auch bereits für manch braunes Konzert zur Verfügung stellte, diesmal aber polizeilich gestoppt wurde.

„Fortress“-Bühnengang in Torgau-Staupitz

Es war Szenekennern eigentlich bewusst, dass bei solch weiter Anreise wie der von „Fortress“ lediglich ein einziges Konzert bei „Rock gegen Überfremdung“ sehr unwahrscheinlich gewesen wäre. Und so gab es am Freitagabend, 24. August, vor rund 300 Besuchern einen für „Mitteldeutschland“ angekündigten, und dann in Torgau-Staupitz stattgefundenen konspirativ organisierten Bühnengang mit der Combo aus Melbourne. Unter dem Motto „White Noise VII“ gesellten sich „Squadron“ aus Großbritannien und „Heiliger Krieg“, das Überbleibsel der vormaligen Band „Race War“ aus Baden-Württemberg, dazu. Letztere hatten zuletzt am 16. Juni einen Auftritt in Prag und spielen nächsten Monat in Italien beim jährlichen musikalischen Gedenken an die Rechtsrock-Kultikone und B&H-Gründer Ian Stuart Donaldson.

Derweil hat Tommy Frenck Ärger mit seinem Onlinehandel. Dem Versandhändler wurde per Unterlassungsverfügung die weitere Verbreitung von Textilien und anderer Gegenstände mit dem Aufdruck „Division Thüringen“ in Verbindung mit der Abbildung des Thüringer Löwen, dem Wappen des Freistaats, untersagt. Dabei geht es um die missbräuchliche Nutzung des Wappens. Frenck hat bereits reagiert und besagtes Sortiment ausgetauscht. Er kündigte bereits an, gerichtlich gegen diesen Bescheid vorgehen zu wollen.

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