Drogen-affine Neonazis

Von Michael Klarmann
13.06.2017 -

In Aachen ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft gegen Personen aus der extrem rechten Szene wegen des Handels mit Amphetaminen. Unter den Beschuldigten sind zwei Brüder, die in der Neonazi-Partei „Die Rechte“ beziehungsweise bei der „Identitären Bewegung“ aktiv waren.

Timm M. (links) am Frontbanner eines Neonazi-Aufmarsches 2014 in Aachen. Neben ihm, in der Mitte am Transparent, „Makss Damage“; Foto: Klarmann

Der SEK-Einsatz und die Drogenrazzia im Aachener Stadtteil Brand erfolgte am späten Nachmittag des 31. Mai. Über einen etwaigen politischen Hintergrund der Festgenommenen schweigt die Aachener Staatsanwaltschaft sich noch aus. Insgesamt wurden bei zwei Polizeiaktionen an besagtem Abend fünf Personen im Alter zwischen 23 und 37 Jahren in Untersuchungshaft genommen. Gegen alle besteht der dringende Verdacht des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz.

Vorgeworfen wird den Beschuldigten, seit 2015 mindestens 20 Kilogramm Amphetamin zum Gesamtverkaufspreis von mindestens 160 000 Euro über den Postweg verschickt zu haben. Abgewickelt worden seien die Deals im anonymisierten und deswegen auch gerne von Kriminellen genutzten Darknet gegen die Zahlung der digitalen Währung Bitcoin. Ursprung der Ermittlungen war eine unter anderem durch Europol initiierte Sicherstellung von Daten so genannter Internet-Marktplätze im November 2014. Im Rahmen der Durchsuchung der Wohnungen der Beschuldigten und eines Zeugen konnten zahlreiche Beweismittel, unter anderem Computer und Amphetamin im Kilo-Bereich sichergestellt werden, teilte die Staatsanwaltschaft Anfang Juni mit.

An Aktionen der „Identitären“ beteiligt

Alle fünf Festgenommenen sollen Kontakte zur rechtsextremen Szene unterhalten haben oder zum Teil dort wichtige Positionen innehaben. Besonders hervor stechen dabei die Brüder Timm und Karl M., ihr Vater ein über Jahrzehnte wichtiger Neonazi-Kader in Nordrhein-Westfalen, die Mutter unterdessen in der neonazistischen Szene Ostdeutschlands aktiv. Alle drei Söhne der Familie bewegten sich lange in der militanten Neonazi-Szene im Rheinland, Karl und Robert M. waren seit einigen Monaten in Aachen am Aufbau der „Ortsgruppe“ der „Identitären Bewegung“ (IB) und an IB-Aktionen beteiligt.

Der 34-jährige Timm M. ist als rechter „Liedermacher“ und Musiker aufgefallen, so hat er Songs des neonazistischen HipHoppers „Makss Damage“ mit produziert und unterstützt den Musiker aus Westfalen mit einem weiteren ehemaligen Ex-Mitglied der verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) als Gastsänger. Beide, der nunmehr inhaftierte M. und das andere Ex-KAL-Mitglied aus der Region Aachen, standen im Oktober 2016 bei einem konspirativ organisierten Konzert im Schweizer Kanton St. Gallen (bnr.de berichtete) vor rund 5000 überwiegend aus Deutschland angereisten Neonazis mit „Makss Damage“ auf der Bühne. Timm M. war sowohl in der KAL aktiv, indes ebenso involviert als es darum ging, ab Mitte 2014 eine rechtlich abgesicherte Nachfolgeorganisation namens „Syndikat 52“ (S52) aufzubauen. (bnr.de berichtete)

Uneinigkeit in der Szene wegen Drogenrazzia

Unabhängig davon, ob sich der Vorwurf des Drogenhandels bestätigt oder nicht, dürfte den Behörden im Zuge ihrer Ermittlungen und der Razzia also auch Informationen über solche neuen Organisationsstrukturen der Neonazi-Szene im Großraum Aachen, Düren und Heinsberg sowie deren Finanzierung aufgefallen sein. Im westlichen NRW hat die Drogenrazzia denn auch für Unruhe gesorgt. Während in den sozialen Medien manche gegen den „Abschaum“ in den eigenen Reihen wettern, der „Volksgenossen vergiftet“, beschwichtigen andere, weil die Soldaten der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg doch auch im Kampf gegen den Feind „Panzerschokolade“ nutzten, also Pervitin  konsumierten, quasi der Vorläufer des heutigen Amphetamin.

Der langjährige Neonazi-Aktivist Sven Skoda, ein guter „Kamerad“ der Familie M., schrieb indes, „dass Drogen in unseren Reihen nichts verloren haben“. Aber unter den Tatverdächtigen befänden sich „Kameraden, die stets mit viel Mut und Herzblut auch in unruhigen Zeiten zu unserer Idee gestanden haben“. Er appellierte daher an „alle Kameraden“ keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und keine öffentlichen Diskussionen über die Festnahmen zu führen. Der örtliche Ableger der Neonazi-Splitterpartei „Die Rechte“ publizierte im Internet kurz darauf eine Stellungnahme, der zufolge Timm M. „ein Partei-Mitglied aus Aachen“ sei. Doch „solange es kein Urteil gibt“ seien er und die anderen Inhaftierten als „unschuldig“ anzusehen. Drogen dulde man in den eigenen Reihen dennoch nicht.

Betäubungsmittel für Unterschriften

Neonazis, rechtsradikale und rechtsoffene Fußball-Problemfans aus der Region zeigten sich teilweise allerdings solidarisch mit Personen, die inhaftiert wurden. Seit Monatsbeginn bekunden etwa Szene-Vertreter in den sozialen Medien ihre Freund- und „Kameradschaft“ zu beziehungsweise Solidarität mit einigen der Inhaftierten. So befand ein örtlicher Neonazi schlicht: „Freiheit für Timm!“ Andere bekundeten, der betroffenen Familie müsse man im Sinne einer „starken Kameradschaft“ beistehen. Ungeachtet des Vorwurfs, den manche offenbar als inszeniert ansehen, bekunden wieder andere die Forderung, die „Nationalisten“ seien umgehend freizulassen oder fordern gar cool und hip ein: „Free S[…]!“

Erneut deutlich geworden ist, mit welcher Ambivalenz Neonazis das Thema Drogenkonsum und -handel diskutieren. Passend dazu wurde am Montag zum Auftakt eines Prozesses wegen Wahlfälschung und Aufstellung von „Scheinkandidaten“ durch aktive und ehemalige NPD-Mitglieder sowie deren Umfeld in Kempen vor dem Landgericht Krefeld bekannt, dass ein für die NPD antretender Bürgermeisterkandidat Personen anwerben wollte, indem er ihnen Betäubungsmittel versprochen hat. Dies berichtet die „Westdeutsche Zeitung“, indem sie Aussagen von Philippe B. indirekt wiedergibt: „Sie sollten [vor der Kommunalwahl 2014 zwecks Kandidatur für die NPD] ein entsprechendes Wahlformular unterschreiben. Im Tausch dafür hätte er einigen zwei Gramm Amphetamine gegeben.“

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