Drahtzieher im Hintergrund

Von Andrea Röpke
11.05.2018 -

Heiko Möhring war über lange Jahre hinweg umtriebiger Multiplikator der extrem rechten Szene. Ein aktuelles Interview mit dem Sohn im „Stern“ spiegelt seine Rolle nicht ausreichend wider. 

In der Uniform eines BJH-Gauführers; Quelle: „Funkenflug“ der HDJ aus 2004; Faksimile (ar)

Er trägt einen auffälligen Vornamen, der Schauspieler Wotan Wilke Möhring. Tatsächlich war sein Vater Aktivist im neonazistischen Lager, die Namensgebung also wie bei unzähligen völkisch-nationalistischen Familien mehr oder weniger Bekennung. Heiko Möhring sei Wagner-Fan gewesen, berichtet der „Tatort“-Darsteller im Interview mit dem Hamburger Magazin „Stern“. Konfrontiert mit der rechtsextremen Vergangenheit seines verstorbenen Vaters, erklärt der Schauspieler in der der aktuellen Ausgabe, der habe „irgendwas mit Europa“ veröffentlicht, sei ein sehr „aktiver und engagierter“ Mensch“ gewesen. Einmal habe er als Kind gemeinsam mit seiner Schwester ein Lager des rechtsradikalen „Bundes Heimattreuer Jugend“ (BHJ) besucht, es sei „so überhaupt“ nicht ihre Welt gewesen. Er und seine Geschwister hätten eine Waldorfschule besucht.  Das „Stern“-Interview macht deutlich, wie wenig Auseinandersetzung mit der politischen Vergangenheit innerhalb der Familie stattgefunden haben muss.

Gauleiter beim „Bund Heimattreuer Jugend“

Heiko Möhring, 2004 bei einem Verkehrsunfall verunglückt, war kein einfacher Neonazi-Mitläufer, er baute völkische Neonazi-Strukturen mit auf. Der 1940 Geborene war als junger Mann bereits „Gauleiter“ des „Bundes Heimattreuer Jugend“ in Niedersachsen, einer Parallelorganisation zur militanten „Wiking-Jugend“.  In der Publikation „Na klar“ des „Bundes“ schrieb er zum 40-jährigen Bestehen unter anderem: „Die Rechtlosigkeit zu beenden, das Erbe vorhergehender Generationen über den verordneten neuen Zeitgeist zu stellen und ein Bollwerk der Jungen zu errichten – das war für einen Großteil der Führerschaft wie auch für mich Antrieb für den Einsatz im BHJ.“ Er kritisiert, dass der „Bund“ nach dem altersbedingten Ausscheiden nicht Ausgangspunkt für ganzheitliche persönliche Projekte wie ein späteres „berufliches Zusammenwirken“ sei, zu wenig „strategisch“ gedacht worden sei.

Als Hauptmann der Bundeswehr in Unna gehörte Möhring zu den Offizieren, die 1971 für eine „Bundeswehrkrise“ sorgten und sich mit dem sozialdemokratischen Verteidigungsminister Helmut Schmidt anlegten. In einer Protestschrift beklagten sie das „äußere schlampige Bild des Soldaten“ und forderten mehr Disziplin und härtere Bestrafung bei der Bundeswehr ein. Mit dem heftigen Konter des wortgewandten Schmidt hatten die rückwärtsgewandten 30 Offiziere allerdings nicht gerechnet. Sie verstummten öffentlich.

Nachruf auf NS-Bildhauer Breker

1991 schrieb Heiko Möhring in der antisemitischen Zeitung „Nation und Europa“ einen überschwänglichen Nachruf für den NS-Bildhauer Arno Breker, den „Lieblingsbildhauer des Führers“. „Nach 1945 rächte sich die herrschende Kunstmafia an diesem großen Genie“, so Möhring über Breker und beklagt sich über die Ausgrenzung der Künstler, die für die Schaffung des Begriffes „entartete Kunst“ mitverantwortlich waren. In der Nachkriegszeit soll die Kunst „zwischen 1933 und 1945 insgesamt gelöscht werden, heißt es in dem Nachruf, der mit dem Satz endet: „Wir verneigen uns vor Mensch und Arbeit Brekers.“

Nach seinem Ausscheiden aus der Bundeswehr versuchte sich Möhring als Militärexperte im extrem rechten Spektrum zu profilieren. Er referierte 1992 beim „7. Marburger Diskurs“ der „Burschenschaft Germania“ über die „militärische Lage Deutschlands nach der Auflösung der Blöcke“ und gehörte zu den Unterzeichnern gegen die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht“, wie das „Antifaschistische Info-Blatt“ berichtete. Im Jahr zuvor, im November 2000, hatte Möhring nach Angaben der rechtsextremen „Burschenschaft Danubia“ in München zum Thema „Vom wehrhaften Geiste – Gedanken wider den Zeitgeist“ anlässlich „des Heldengedenkens“ referiert. Die schlagenden Danuben stellten den Mann aus Nordrhein-Westfalen Möhring als ehemaligen Offizier im Generalstabsdienst und Personalberater vor.

Stellenangebot für aufstrebenden NPD-Kader

2001 unterschrieb Möhring dann einen Appell in der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ mit, der sich gegen die Entlassung des Oberleutnants der Reserve Götz Kubitschek aus der Bundeswehr richtete. Der heutige „Spiritus rector“ von Pegida, „Identitären“ und Teilen der AfD wurde am 16. August 2001 überraschend vom Amtschef des Personalamts der Bundeswehr aus einer laufenden Wehrübung entlassen. Kubitscheks Tätigkeit als ehemaliger Redakteur des Ressorts „Sicherheit und Militär“ war ihm unter anderem angelastet worden. Zum Zeitpunkt der Unterzeichnung bezeichnete sich Möhring bereits beruflich als „Geschäftsmann“.  

Heiko Möhring wechselte in die Geschäftsführung der Baufirma Heitkamp in Herne. Das Familienunternehmen war bekannt für seine ausgeprägte Nähe in völkisch-nationalistische Kreise. Für Heitkamp hatte bereits der ehemalige VDA-Vorsitzende, Jurist und Chef der „Stillen Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte e.V.“, Rudolf Aschenauer, gearbeitet.  Die spätere Firma Möhring Personal-Management GmbH in Düsseldorf soll auch Jobs für Kameraden vermittelt haben. 1997 bot Möhring dem aufstrebenden NPD-Kader Holger Apfel eine Stelle im rechtslastigen österreichischen Leopold Stocker-Verlag an. Die „Hildesheimer Allgemeine Zeitung“ hatte ihrem Anzeigenberater aufgrund seiner politischen Radikalität zuvor gekündigt.

Nachruf von der HDJ

Bereits seit den 1990er Jahren war Möhring zudem für die einflussreiche reaktionäre Organisation „Verein für das Deutschtum im Ausland e.V.“ (VDA) aktiv, auf der Hauptversammlung 1997 in Bonn-Bad Godesberg wurde er in den 18-köpfigen Verwaltungsrat gewählt. Der Düsseldorfer Unternehmensberater führte den Landesverband Nordrhein-Westfalen 1999 an, wie die „Junge Freiheit“ berichtete.

Der „Stern“ legte dem Sohn einen Brief zwischen dem Vater und dem ehemaligen SS-Verbrecher Herbert Taege vor, der bei einer „Totenkopf-Einheit“ im KZ Dachau und später mit einer SS-Panzerdivision in Warschau stationiert war. Gemeinsam gaben Heiko Möhring und Taege später die „Askania Studiensammlung für Zeitgeschichte und Jugendforschung“ heraus. In der Beantwortung einer Kleinen Anfrage der Linken-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke hieß es, der Bundesregierung lägen zu Heiko Möhring „lediglich Erkenntnisse aus länger zurückliegenden Jahren vor“.

Wie tief verwurzelt der Vater des Schauspielers Wotan Wilke Möhring wirklich in der extrem rechten Szene war, wurde nach seinem Tod 2004 verdeutlicht. Die elitäre und nationalsozialistisch geprägte „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ), die 2009 verboten wurde, widmete als Nachfolgerin des BHJ Heiko Möhring gleich unter dem Bericht des „Pfingstlagers 2004“ einen Nachruf mit Foto. Das zeigt ihn 1962 in der Uniform eines BHJ-Gauführers.  „Die HDJ nimmt Abschied von Heiko Möhring“, heißt es, einem „aufrechten Kämpfer für unser geknechtetes Volk aus unserer Gemeinschaft“. Nach seinem Ausscheiden aus der „aktiven Jugendarbeit“ habe er der HDJ als „Förderer, Ratgeber und Kamerad“ zur Verfügung gestanden.

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