Diffuse Europa-Konzeptionen

Von Armin Pfahl-Traughber
21.12.2018 -

Das neurechte Theorieorgan „Sezession“ widmet sich dem Thema „Nation und Europa“. Unklar bleibt dabei, für welches Europa-Modell die Neue Rechte plädiert.

Die Diffussität vieler Grundpositionen der Neuen Rechten wird auch hier deutlich; (Screenshot)

„Nation und Europa“ lautete das Schwerpunktthema der „Sezession“ im November. Das Theorieorgan der Neuen Rechten nutzt damit – bewusst oder unbewusst – die Bezeichnung einer früheren rechtsextremistischen Zeitschrift. Das Monatsmagazin „Nation Europa“ beziehungsweise „Nation und Europa“ entstand 1951 und bot insbesondere den früheren „Euro-Faschisten“ ein publizistisches Forum, wobei auch Gegensätze zu den deutschen Nationalsozialisten deutlich wurden. Die Autoren plädierten für ein Europa ethnisch und kulturell homogener Nationalstaaten. Diese sollten sich von Afrika, der Sowjetunion und den USA abschotten und einen eigenen weltpolitischen Block bilden. Die Differenz zum Hitler-Regime bestand darin, dass die europäischen Nationalstaaten autonom bleiben und sich nicht in ein „Großgermanisches Reich“ nationalsozialistischer Prägung integrieren sollten. Gleichwohl sah man eine autoritäre oder totalitäre Herrschaft in den gemeinten Ländern vor. Derartige Auffassungen finden sich in diffuser Form auch in dem erwähnten „Sezession“-Heft.

Angebliche Aktualität von Oswald Spengler

Der erste Beitrag des früheren FAZ-Redakteurs Eberhard Straub spricht zwar verschiedene Aspekte europäischer Identität an, ohne sie aber in irgendeiner Form näher zu systematisieren. Die Ideen der Aufklärung gehören für ihn wohl nicht dazu, heißt es doch: „Die Anrufung der allein selig machenden Aufklärung führt von einer Verlegenheit zur anderen. Welche frohe Botschaft soll es denn sein, die von Voltaire, Rousseau, de Sade oder Saint-Juste?“ (S. 8) (gemeint ist wohl: Saint-Just). Dabei nennt er zwei Negativfiguren der damaligen Zeit und mit Rousseau einen umstrittenen Repräsentanten. Dass der deutsche Philosoph Kant ebenso dazu gehörte und prägend für die Auffassung der demokratischen Verfassungsstaaten war, thematisiert Straub interessanterweise nicht. Dem folgt ein Interview mit dem belgischen Althistoriker David Engels, das sich auf die behauptete Aktualität des Kulturphilosophen Oswald Spengler bezieht, wobei sein „Cäsarismus“ angesprochen wird, ohne aber dabei dessen antidemokratische und antipluralistische Orientierung zu problematisieren.

Längst widerlegte „Rassen“-Vorstellungen propagiert

Der „Sezession“-Stammautor Benedikt Kaiser widmet sich danach allgemein Europabildern, wobei er sich gegen „nationale Chauvinismen und Mikronationalismen“ (S. 16) positioniert. Ihm geht es um ein Europa der gemeinsamen Ideale und nicht nur der gemeinsamen Wirtschaftsbeziehungen. Worin die damit gemeinte Konzeption genau bestehen soll, bleibt indessen unklar. Bemerkenswert ist indessen, auf welche Denker Kaiser sich dabei bezieht. Da fallen die Namen des Eurofaschisten und Kollaborateurs Pierre Drieu la Rochelle und des frühen Vordenkers der Neuen Rechten Dominique Venner. Der Publizist Andreas Vonderach geht anschließend auf die anthropologische Dimension des Europäischen ein, wobei er von der Forschung schon längst widerlegte „Rassen“-Vorstellungen propagiert: Europäer gehören für ihn „zu einer der drei Großrassen oder Rassenkreise des Menschen“ (S. 28). Eine ähnliche Denke lässt Martin Lichtmesz, ebenfalls „Sezession“-Stammautor, erkennen, betont er doch bei den Migranten deren „außereuropäische, ‚nicht-weiße‘ Herkunft“ (S. 33).

Anknüpfung an profaschistische Denker der Vor- und Nachkriegszeit

Am Ende findet man noch eine „Nation und Europa – fünfzehn Konzepte“ überschriebene Zusammenstellung. Darin behandeln die Autoren kurz einschlägige Modelle, wobei auch Unterschiede herausgearbeitet werden. So nennen sie etwa die Differenzen zwischen Drieu, Mosley und Otto Strasser bei „Europäische Zollunion/Kerneuropa“. Am Ende des Heftes fragt man sich aber, für welches Europa-Modell die Neue Rechte nun plädiert. Die erwähnten Aufsätze umkreisen zwar Fragen einer europäischen Identität, aber genauer hinsichtlich eines Modells oder gar seiner Strukturen wird man dann doch nicht. Dies macht erneut die Diffusität vieler Grundpositionen der Neuen Rechten deutlich. Zwar werden die unterschiedlichen Auffassungen vorgetragen, es gibt auch Erläuterungen zum Status der jeweiligen Regionen oder Staaten in einem angestrebten Europa. Aber all dies bleibt doch im Allgemeinen und Vagen. Auffällig ist bei all dem aber immer wieder, dass an profaschistische Denker der Vor- und Nachkriegszeit angeknüpft werden soll.

Weitere Artikel

Abkupfern vom Feindbild

09.11.2017 -

Der Journalist Thomas Wagner erörtert in seinem Buch "Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten" das widersprüchliche Verhältnis der im Untertitel genannten Akteure.

 

Kleinverlag für die Neue Rechte

31.05.2017 -

Der Jungeuropa-Verlag aus Dresden veröffentlicht Schriften bekannter rechtsextremer Intellektueller aus Frankreich.

Wider den demokratischen Verfassungsstaat

15.04.2016 -

Das Thema „Widerstand“ im Diskurs der Neuen Rechten – dramatisierende Beschwörung einer angeblichen Gefahr.

Angst vor der Anpassung

24.09.2018 -

In der Zeitschrift „Sezession“ wird die Gefahr einer Verbürgerlichung der Neuen Rechten beschworen.