Die Geschichtsbilder der „Identitären“

Von Armin Pfahl-Traughber
07.03.2019 -

Mit der Berufung auf historische Ereignisse werden Bezüge zur Gegenwart hergestellt und entsprechend umgedeutet. Dies dient letztendlich auch dazu, Gewalt und Vertreibung zu legitimieren.

„Identitäre“ sehen sich in der historischen Kontinuität des Verteidigungskampfes; (Screenshot)

„Europa, Jugend, Reconquista“, so lautet ein beliebter Demonstrationsruf der „Identitären“. Mit dem letztgenannten Begriff wird auf eine historische Phase angespielt, bei der es um die „Rückeroberung“ der von Arabern besetzten Gebiete in Europa zwischen 722 und 1492 ging. Es handelt es sich hier nur um eines von vielen Beispielen dafür, dass die „Identitären“ ihr Handeln in einen historischen Kontext stellen wollen. Solch einschlägige Narrative prägen auch andere Rechtsextremisten. Allerdings bestehen hier doch einige Besonderheiten. Zunächst bedarf es aber allgemein einer Aussage zu derartigen historischen Verweisen. Diese können nämlich erstens Auskunft über die genaue politische Verortung geben, beruft man sich doch auf bestimmte historische Denker, Ereignisse oder Systeme. Sie vermitteln zweitens etwas darüber, in welcher historisch-politischen Tradition man sich verstanden wissen will. Und drittens können sich daraus auch Auffassungen zu den eigentlichen Einstellungen und Handlungsstilen ableiten, welche man nicht immer direkt zu erkennen gibt.

Platte Gut-Böse-Vermittlung

Bei den Geschichtsbildern der „Identitären“ geht es um bestimmte historische Narrative, die alle etwas mit der Abwehr von Arabern oder Muslimen zu tun haben. Dies trifft nicht ganz auf die Schlacht bei den Thermopylen um das Jahr 480 vor der Zeitrechnung zu. Dabei versuchte ein mehrfach überlegenes persisches Heer unter König Xerxes I. einen strategisch bedeutsamen Engpass zu durchschreiten. Diesem stellte sich eine nur kleine Gruppe von spartanischen Soldaten entgegen, welche unter der Führung von König Lenoidas I. bis zum letzten Mann kämpfend diesen Vormarsch zeitweilig stoppen konnten. Indessen beziehen sich die „Identitären“ nicht auf dieses historische Ereignis im engeren Sinne, sondern auf die 2006 erfolgte Verfilmung unter dem Titel „300“. Selbst der Schlachtruf der Filmsoldaten wird bei Demonstrationen nachgeahmt. Besondere Begeisterung scheint außerdem die Ästhetisierung der Gewalt in der Verfilmung ausgelöst zu haben. Darüber hinaus ist diese von der platten Gut-Böse-Vermittlung von Spartanern und Persern geprägt.

Mythos des erfolgreichen Abwehrkampfes

Ein anderes historisches Ereignis beziehungsweise ein historischer Prozess, das oder der die „Identitären“ fasziniert, ist die erwähnte „Reconquista“-Phase. Dabei ging es um eine lang anhaltende Auseinandersetzung, die mit dem Rückzug arabischer Truppen aus Europa endete. Diese hatten zuvor bedeutende Teile bis ins heutige Frankreich hinein unter ihre Kontrolle gebracht. Als ein besonderes Ereignis gilt hier die Schlacht von Tours und Poitiers 732, wo Karl Martel mit seinen Truppen Abd ar-Rahman mit seinen Truppen schlagen konnte. Ersterer wurde später als „Retter des Abendlandes“ gehuldigt, wobei die gemeinten Ereignisse keineswegs die geschichtliche Relevanz hatten, welche ihnen später aus ideologischen Motiven zugeschrieben wurde. Gleichwohl entstand daraus ein Mythos, der als erfolgreicher Abwehrkampf gegen die Araber in das historische Bewusstsein nicht nur von Rechtsextremisten hineinwirken sollte. Dabei wurden immer wieder geschichtliche Aspekte, die nicht zu dieser Deutung passten, aus den Geschichtsbildern ausgeblendet.

Imperiales Agieren hauptsächlich aus Machtinteressen

Und schließlich gehören zu den gemeinten Ereignissen auch die Türkenbelagerungen von Wien von 1529 und 1683. In beiden Fällen hatten Truppen des Osmanischen Reichs versucht, um der Erweiterung ihrer Macht willen in die Stadt einzudringen. Sowohl Sultan Süleyman I. im ersten wie Großwesir Kara Mustafa Pascha im zweiten Fall konnten trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit ihrer Soldaten ihr Ziel nicht erreichen. 1683 gelang der Sieg über die Osmanen aber auch nur, weil dabei ein erstmals gemeinsam agierendes Entsatzheer mit Truppen des Heiligen Römischen Reiches auftrat und die entscheidende Schlacht von Truppen aus Polen-Litauen gewonnen wurde. Damit waren die arabischen und türkischen Eroberungsabsichten gegen Europa aus der historischen Rückschau betrachtet endgültig gescheitert. Bei all dem kann noch darauf hingewiesen werden, dass das damit gemeinte imperiale Agieren von Arabern und Türken zwar im Namen des Islam legitimiert wurde, sich aber hauptsächlich den Machtinteressen der jeweiligen Herrscher verdankte.

Migration und Eroberung werden gleichgesetzt

Warum kommt nun diesen Ereignissen bei den „Identitären“ und anderen Rechtsextremisten ein so hoher Stellenwert zu? Ganz allgemein kann gesagt werden, dass man sich hier in einer historischen Kontinuität des Verteidigungskampfes sieht. Damit werden Bezüge zur Gegenwart hergestellt, wobei eine interessante Umdeutung auszumachen ist. In den historischen Fällen eroberten Herrscher mit ihren Truppen teilweise Europa. Dieses Agieren wird dann mit der Migration von Muslimen gleichgesetzt. Hierbei handelt es sich aber in Dimensionen, Hintergründen und Interessen um ganz unterschiedliche Vorkommnisse. Gleichwohl suggerieren diese Geschichtsbilder, dass man es mit einer ähnlichen Situation zu tun habe. Bedenklich ist nicht nur diese falsche Deutung, sondern auch die damit verbundene Konsequenz. Denn die historischen Abwehrkämpfe wurden mit Gewalt gewonnen, was gegenüber den Eroberern ein legitimes Mittel war. Die aktuellen Geschichtsbilder sollen derartige Handlungen wohl nicht nur für die Vergangenheit rechtfertigen.