Die „Ethnopluralismus“-Konzeption der Neuen Rechten bleibt diffus

Von Armin Pfahl-Traughber
28.12.2020 -

„Sezession“-Autor Martin Lichtmesz will den „Ethnopluralismus“ theoretisch begründen. In seinem Buch dazu schreibt er aber am Thema vorbei. Die Kriterien für „ethnisch-kulturelle Identität“ werden ebenso wenig genannt wie die politischen Folgen des „Ethnopluralismus“.

Anhänger der Identitären auf einer Demonstration in Berlin

„Ethnopluralismus“ ist für die Neue Rechte ein beliebtes Schlagwort. Danach distanziert man sich formal von einem wertenden Rassismus. Angeblich akzeptiere und schätze man andere Kulturen und Völker. Indessen könnten sie ihre Identität am besten in getrennten Räumen ausleben. Diese Auffassungen haben Kritiker als „Mimikry“ für eine Neuauflage von Rassismus angesehen. Dagegen anschreiben will nun der österreichische Publizist Martin Lichtmesz, der zu den regelmäßigen Autoren des dem „Institut für Staatspolitik“ nahestehenden „Antaios-Verlag“ und der Zeitschrift „Sezession“ gehört.

Er legte gar ein ganzes Buch zum Thema vor. In „Ethnopluralismus. Kritik und Verteidigung“ soll dazu eine theoretische Grundlage geliefert werden. Indessen scheitert Lichtmesz dabei, da er auch auf 320 Seiten nur selten zum eigentlichen Thema kommt. Erst auf den letzten 50 Seiten geht es um „Der Ethnopluralismus und die Neue Rechte“, wobei weder ein genaues Konzept entwickelt noch die politische Konsequenz näher veranschaulicht werden.

Diffuse Definition von „Ethnopluralismus“

Zur Definition heißt es: „Ethnopluralismus nenne ich alle Ansätze, die das Nation- und Volkssein überhaupt und an sich als ein Gut verteidigen“. Damit hat man es mit einer diffusen Begriffsbestimmung zu tun, welche alle nur möglichen Deutungen einschließt, wozu dann übrigens auch der wertende Rassismus gehören würde. Anschließend spricht der Autor vom Selbstbestimmungsrecht der Völker, welche „Kolonialisierungen“ ablehne. Dazu gehöre „die Kolonialisierung Afrikas ebenso …. wie die Besiedlung Europas mit Afrikanern“. Bemerkenswert ist hier, welche unterschiedlichen Entwicklungsprozesse miteinander gleichgesetzt werden.

Danach wird aber noch ein wichtiges Grundprinzip von Lichtmesz genannt: „Der Ethnopluralismus betont, daß es konfliktmindernd und der freien Entfaltung der Völker förderlich sei, wenn sie separat voneinander leben und die jeweiligen Grenzen des anderen respektieren“. Es gelte das Motto „different but equal“, was man eben auch im Feminismus oder Multikulturalismus als Prinzip fände.

Menschenrechte ein „rein westliches, europäisches Produkt“

Nach diesen Ausführungen wird indessen das eigentliche Thema verlassen. Der Autor geht etwa auf die Menschenrechte ein, welche ein „rein westliches, europäisches Produkt“ seien, oder er meint, „der Begriff der Menschenwürde“ diene dazu, „jegliche nationale Selbstbehauptung außer Kraft zu setzen“. Lichtmesz beklagt die „Entsorgung des Rassenbegriffs durch die UNESCO“, versucht er diesen doch in seinen Ausführungen immer wieder zu retten. Seine folgenden Betrachtungen kreisen dann um „Globalismus“ und „Multikulturalismus“ oder „Rasse“ und „Rassismus“.

Er beschreibt auch Ansätze unterschiedlichster Autoren dazu, wobei auch rassistische „Klassiker“ immer wieder Thema sind. Manchmal liegen die Beschreibungen inhaltlich daneben, was etwa für die Ausführungen zu Darwin und dem „Darwinismus“ gilt. Und erst im letzten Abschnitt ist der Ethnopluralismus bei der Neuen Rechten das Thema. Hier wird auf unterschiedliche Ausrichtungen verwiesen, aber die gemeinten Inhalte bleiben diffus.

Politische Folgen eines „Ethnopluralismus“ verschwiegen

Lichtmesz bemerkt etwas verlegen: „Ethnopluralismus eignet sich weder als politisches Programm noch als geschlossenes philosophisches System“. Er vermag denn auch weder eine philosophische noch eine politische Konzeption zu entwickeln. Doch was würde den „Ethnopluralismus“ im einleitend definierten Sinne bedeuten? Es ginge dabei um zwei Aspekte: Erstens, woran werden die ethnische und kulturelle Identität festgemacht? Welche Kriterien entscheiden über die Zugehörigkeit? Woran erkennt man einen „ethnischen Deutschen“ genau? Welche kulturelle Identität müsste ein solcher konkret haben? Antworten darauf findet man bei Lichtmesz nicht.

Zweitens, sollen ethnische Gruppen „separat voneinander leben“, was einen wie auch immer gearteten „Multikulturalismus“ ausschließt. Welche Konsequenzen hätte dies im Land für Menschen mit Migrationshintergrund? Müssten sie nicht Deutschland nach dieser Position verlassen? Und dann stellt sich auch die Frage: Wohin? Der alte „Ausländer raus“-Rassismus wäre jeweils die politische Konsequenz.