„Deutliche Linie“ gegen die „Nationale Sammlung“

Von Bernhard Schmid
12.04.2019 -

In Frankreich tritt der umstrittene Publizist Renaud Camus mit einer eigenen Liste zu den Europawahlen an – und positioniert sich rechts vom „Rassemblement National“ von Marine Le Pen. Camus‘ Konzept des „großen Austauschs“ wird in Zusammenhang mit dem australischen Massenmörder Brenton Tarrant gebracht.

Rechtsextreme Konkurrenz in Frankreich zu den Europawahlen; Photo (Symbol): Thommy Weiss / pixelio

Renaud Camus ist Spitzenkandidat: Er wird, wie er unlängst bei einer Pressekonferenz verkündete, eine eigene Liste in Frankreich zu den Europaparlamentswahlen vom 26. Mai dieses Jahres anführen. Diese steht unter dem Namen „Ligne claire“ („Deutliche Linie“) und soll ideologisch eine klare Kante verkörpern, auch gegenüber dem als zu schlapp und zu kompromisslerisch begriffenen „Rassemblement National“ (RN, „Nationale Sammlung“), wie der frühere Front National seit dem 1. Juni 2018 offiziell heißt. Allerdings dürfte dies dem RN in Wirklichkeit wohl eher zugute kommen. Dadurch könnte nämlich der RN vordergründig, im Vergleich zu der sich als „konsequenter“ begreifenden rechtsextremen Konkurrenz rund um Renaud Camus, dann beinahe gemäßigt wirken – und auf diese Weise seine politische Verantwortung als Stichwortgeber rassistischer und potenziell mörderischer Ideen entsorgen. Denn Renaud Camus wird, ebenso wie indirekt auch der frühere FN und jetzige RN, mit dem australischen Massenmörder Brenton Tarrant in Verbindung gebracht, welcher am 15. März dieses Jahres mindestens 50 Menschen in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch tötete.

Gegen „Austauschler“ und die „Davokratie“

Inhaltlich soll es bei der Liste Camus‘ gegen die „remplacistes“ („Austauschler“) gehen, und gegen die „Davokratie“ – eine andere Wortneuschöpfung des 72-jährigen Schriftstellers, die sich auf das jährlich stattfindende Weltwirtschaftsforum (WEF) im schweizerischen Davos bezieht und sinngemäß so viel wie „Globalisten“ bedeuten soll. Auch wird gegen „Brüssel, die Hauptstadt der Kapitulation“ zu Felde gezogen, womit gemeint ist, dass die Europäische Union vor Feinden wie Einwanderung, Islam und „Lobbygruppen“ längst eingeknickt sei.

Auf dem dritten Listenplatz hinter Camus bewirbt sich Karim Ouchikh, der 54-jährige Chef der Splitterpartei SIEL. Dieses Kürzel steht für „Souveränität, Unabhängigkeit und Freiheit“. Die laut eigenen Angaben 2000 Mitglieder zählende Kleinpartei war bis vor zwei Jahren eng mit dem damaligen FN verbündet, kündigte dann jedoch die Allianz auf, weil der FN nicht mehr entschieden genug gegen die europäische Integration eintrete. Tatsächlich hatte sich der FN, nicht zuletzt infolge der schlechter als erwartet ausgefallenen Wahlergebnisse von Parteichefin Marine Le Pen im Frühjahr 2017, von seiner zuvor mal offensiv, mal zurückhaltender vertretenen Forderung nach einem Austritt aus der EU verabschiedet. Dies unter anderem, weil dies konservative Wechselwähler und mittelständische Unternehmer von der Partei entfremdeten und sie in ihren Augen „politikunfähig“ machten.

„Génération identitaire“ droht Verbot

Dadurch, dass die besonders fanatischen oder ohne strategische Rücksichtnahmen auftretenden Nationalisten und Rassisten nunmehr eine eigene Wahlkandidatur betreiben, wird der Rassemblement National gewissermaßen zwei Probleme – die Reputation als offen EU-feindliche Kraft und die Identifikation mit ungeschminkten Rassisten – plötzlich zum Schein los. Camus und Ouchikh dürften vor allem Teile der aus außerparlamentarischen Aktivisten bestehenden „Identitären Bewegung“ um sich herum sammeln.

Jedoch stehen sie damit nicht alleine: Philippe Vardon, einer der früheren Chefs der „Identitären“ und jahrelang ihr unumstrittener Anführer in Nizza, seit 2015 Regionalparlamentarier des FN/RN in Südostfrankreich, war Ende vorigen Jahres zum Wahlkampfleiter der Le Pen-Partei für die Europawahlen ernannt worden. Seiner früheren Organisation, dem „Bloc identitaire“,  beziehungsweise dessen Jugendorganisation „Génération identitaire“ könnte unterdessen ein gesetzliches Verbot drohen: Seitdem „Génération identitaire“  am 29. März in der Pariser Vorstadt Bobigny in einer spektakulären Aktion das Dach eines Sozialamts besetzten, um „Geld für französische Interessen statt für Ausländer“ zu fordern, erwägt die Regierung, einen Auflösungsbeschluss gegen die Organisation zu fassen.

Konzept des „großen Austauschs“ ausgebaut

Für Renaud Camus seinerseits wäre mehr Zurückhaltung angebracht, seitdem bekannt wurde, dass der Massenmörder von Christchurch sich in seinem – wenige Minuten nach Beginn seines mörderischen Treibens im Internet publizierten – 73-seitigen Manifest immer wieder und immer auf das Konzept des „großen Austauschs“, englisch the great replacement, bezieht. (bnr.de berichtete)  Das französische Original dafür lautet „le grand remplacement“ und wurde in den letzten 15 Jahren durch den Schriftsteller Camus zum veritablen Konzept ausgebaut. Es bezeichnet eine angeblich geplante Verschwörung von politischen und gesellschaftlichen Eliten, die darauf abziele, die angestammte weiße Urbevölkerung in Europa zu vertreiben, zu vergraulen oder zu unterjochen, um eine gegenüber interessierten Kreisen „unterwerfungswillige“, da „historischer Wurzeln beraubte und dadurch manipulierbare“ Mischbevölkerung an ihre Stelle zu setzen.

Beim FN/RN ist die Verwendung dieses Begriffs umstritten. Marine Le Pen machte vor nunmehr fünf Jahren vorsichtige Absetzbewegungen und erklärte gegenüber der Tageszeitung „Libération“, sie vermeide die Bezeichnung aufgrund ihrer verschwörungstheoretischen Konnotation, obwohl es stimme, dass führende Unternehmerkreise gerne einen „Arbeitskräfteimport“ betrieben. Dadurch versuchte die Parteichefin, sich in ein moderat wirkendes Licht zu setzen.

RN-Chefin im „Manifest“ des Massenmörders erwähnt

Erfunden hat Camus das Konzept des „großen Austauschs“ nicht, denn bereits die Nationalsozialisten kannten den Begriff der „Umvolkung“, der nichts anderes bedeutet und nach dem Zweiten Weltkrieg – gegenüber den neuen Realitäten einer industriellen Einwanderungsgesellschaft – von ihren ideologischen Kontinuitätswahrern lediglich aktualisiert wurde. Im französischsprachigen Raum jedoch hat Camus, ein sonst vor allem für extrem elitäres Denken bekannter Autor, von dessen Büchern eines am 21. April 2000 aufgrund antisemitischer Passagen durch den Verleger zurückgezogen wurde, eine wesentliche Rolle bei der Verbreitung und Vulgarisierung des Konzepts gespielt.

Aber auch die RN-Chefin wurde durch den Massenmörder Brenton Tarrant in seinem „Manifest“ erwähnt. Und zwar schrieb er dort, im Hinblick auf die Wahlniederlage von Marine Le Pen im zweiten Durchgang der französischen Präsidentschaftswahl am 7. Mai 2017: „Der mögliche Sieg einer Beinahe-Nationalistin war für mich das Anzeichen dafür, dass eine politische Lösung noch immer möglich war.“ Nachdem Marine Le Pen jedoch (mit 33,9 Prozent der abgegebenen Stimmen) gegen den Kandidaten Emmanuel Macron scheiterte, habe die Erfahrung ihm gezeigt, dass dieser Weg verbaut sei, weshalb er beschlossen habe, dass der Griff zur Waffe erforderlich sei.