„Der III. Weg“ expandiert in Erfurt

Von Kai Budler
01.03.2019 -

In Erfurt verstärkt die neonazistische Partei „Der III. Weg“ ihre Aktivitäten. Ausgangspunkt ist ihr „nationalrevolutionäres Zentrum“ in einem Stadtteil der thüringischen Landeshauptstadt.

„Der III. Weg“ will Erfurt retten; Photo (Archiv): K.B.

Unter dem Motto „Erfurt retten. Ab in den Widerstand“ will die Neonazi-Partei „Der III. Weg“ („III. Weg) zwischen März und Mai dieses Jahres gleich sechs Kundgebungen und einen Aufmarsch innerhalb von zwölf Wochen in Erfurt durchführen. Flugblätter mit dem Aufruf zum Widerstand gegen „die Volksverräter im Berliner Reichstag“ hatten Anhänger der Kleinstpartei bereits Anfang Februar in Erfurt verteilt. Darin werden Flüchtlinge für die notorisch schlechte Finanzsituation der Kommunen verantwortlich gemacht, um den „III. Weg“, „unsere nationalrevolutionäre Bewegung“, als vermeintlichen Lösungsansatz zu präsentieren. Beworben werden politisch, kulturell und gemeinschaftlich herbei geführte Veränderungen, „die unseren Nachkommen eine sichere und vor allem deutsche Zukunft bereiten“ sowie eine „Kleiderausgabe für bedürftige Deutsche“. Im Neonazi-Vokabular nennt sich eine solche lediglich auf Deutsche beschränkte Aktion „Winterhilfe“, die – begleitet von einer Gulaschkanone – bereits im vergangenen Monat im 30 Kilometer von Erfurt entfernten Gotha durchgeführt wurde.

Alte Bekannte im „III. Weg-Gebietsverband Mitte“

Mit den Stützpunkten „Ostthüringen“ und „Thüringer Wald/Ost war „Der III. Weg“ im Freistaat mit rund 30 Mitgliedern bislang zweimal vertreten. Im vergangenen Jahr kam der „Gebietsverband Mitte“ hinzu, den vor allem Personen um die langjährig aktiven Neonazis Enrico Biczysko und Michel Fischer bilden. Beide waren 2016 zur Partei „Die Rechte“ (DR) gewechselt und hatten den Thüringer DR-Landesverband übernommen. (bnr.de berichtete) Doch nach einer internen Schlammschlacht (bnr.de berichtete) kehrten sie auch der DR den Rücken und wechselten 2018 mit den Erfurter Neonazi-Strukturen zum „III. Weg“. Biczysko tönte, nun habe er endlich eine Partei gefunden, die „unsere Weltanschauung nicht nur predigt, sondern auch lebt“.

Seitdem nahmen die Aktionen der Neonazis in der Landeshauptstadt erneut zu, unter anderem protestierten sie im August 2018 gegen die CSD-Parade in Erfurt. (bnr.de berichtete) Zugute kommen ihnen dabei die seit 2015 bei einer süddeutschen Immobilienfirma angemieteten Räumlichkeiten in einem ehemaligen Supermarktkomplex im Erfurter Stadtteil Herrenberg. Auf mehreren hundert Quadratmetern veranstaltete dort der von Erfurter Neonazis gegründete Verein „Volksgemeinschaft“ Konzerte, Kampfsporttrainings, Familienfeste und Parteiversammlungen. (bnr.de berichtete)

Graswurzelarbeit vor Ort vorantreiben

Mit Engagement im „sozialen“ Bereich wie Hausaufgabenhilfe und Aktionsangeboten für Kinder, Jugendliche und Familien versuchten die Neonazis, ihre Graswurzelarbeit vor Ort voranzutreiben. Bei der Stadtverwaltung Erfurt zeigte der rund 30-köpfige Verein auch eine gewerbliche Tätigkeit an und nannte dafür den Verkauf von Textilien, CD und Werbemitteln, einen Veranstaltungsservice, eine Paketstation, den Ausschank von alkoholischen Getränken und die Durchführung von Veranstaltungen mit musikalischer Umrahmung.  Ende November untersagte die Stadt Erfurt die Nutzung der Vereinsräumlichkeiten für öffentliche Veranstaltungen. In einem Brief der Bauaufsicht hieß es zur Begründung, eine „genehmigungspflichtige Nutzungsänderung“ liege nicht vor. Der Neonazi-Verein reagierte mit vereinsinternen Veranstaltungen, bot aber auch Tagesmitgliedschaften an.

Mit seiner Einschätzung, „infolge der Nutzungsuntersagung [haben] die Vereinsräume als szeneinterne Anlaufstelle an Bedeutung verloren“, lag der Thüringer Verfassungsschutz aber offenbar falsch. Spätestens seit April 2018 nutzt nun auch „Der III. Weg“ die Räumlichkeiten für Events, so fand dort eine Mobilisierungsveranstaltung der Partei für einen Aufmarsch in Chemnitz mit einem Konzert des Rechtsrockers Michael Regener („Lunikoff“) statt. Es folgten Parteivorstellungen, Rechtsschulungen und andere Veranstaltungen mit teils bundesweiter Beteiligung.

Kampfsporttrainings für Kinder und Jugendliche

Neben Büro und Materiallager dienen die Räumlichkeiten auch als Kleiderkammer. Darüber hinaus bietet dort die „Arbeitsgemeinschaft Körper & Geist“ des „III. Wegs“ drei Mal in der Woche Kampfsporttrainings an, auch Kinder und Jugendliche werden dort trainiert. Statt des Graffitis „Volksgemeinschaft“ prangen nun die Fahnen und Parteisymbole des „III. Wegs“ an der grauen Waschbeton-Außenfassade der von Neonazis als „nationalrevolutionäres Zentrum“ bezeichneten Räumlichkeiten.

Doch mit den ungestörten Aktivitäten in der weitläufigen Etage des ehemaligen Einkaufszentrums „Großer Herrenberg Center“ könnte es bald vorbei sein, denn der Mietvertrag für die Räumlichkeiten läuft im September 2020 aus. In den Startlöchern steht bereits jetzt eine Erfurter Genossenschaft, die den ansonsten leerstehenden Gebäudekomplex für altersgerechtes Wohnen umbauen lassen will. Nach Angaben eines Sprechers liege schon ein unterschriftenreifer Entwurf des Kaufvertrages für das Grundstück mit dem Gebäudekomplex vor. Auch Enrico Biczysko reagierte bereits auf die drohende Obdachlosigkeit der Neonazi-Strukturen und fragte in sozialen Netzwerken besorgt: „Verkauft jemand zufällig in Erfurt eine Gewerbehalle an privat?“.