Den neuen Rechten auf der Spur

Von Armin Pfahl-Traughber
13.03.2019 -

Ein journalistischer Recherchebericht über das Netzwerk der „Neuen Rechten“ und die dahinter stehenden Personen.

Zwei „Zeit“-Reporter haben sich auf Recherchereise zu Protagonisten der „Neuen Rechten“ begeben; (Screenshot, Verlagsseite)

Nicht nur die „Alternative für Deutschland“ (AfD) steht für den „Rechtsruck“ in Deutschland, um sie herum existiert eine Fülle von Internetseiten, Organisationen, Publikationsorganen und Zirkeln. Gern ist dafür von der „Neuen Rechten“ die Rede. Indessen meint der Begriff eigentlich nur eine Intellektuellenströmung mit bestimmter Orientierung, aber er passt als Kategorie wohl für scheinbar alles Neue von rechts. Das haben sich auch die beiden Journalisten Christian Fuchs und Paul Middelhoff, die als Investigativ-Reporter für die Wochenzeitung „Die Zeit“ arbeiten, gedacht. Ihr gemeinsames Buch trägt denn auch den Titel „Das Netzwerk der Neuen Rechten. Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern“.

Eine Enthüllungsgeschichte größerer Dimension wird mit diesem Titel nahegelegt. Und eine solche beabsichtigen die Autoren auch, legen sie damit doch auch die Ergebnisse einer Recherchereise quer durch die Republik vor. Denn sie bemühten sich darum, die gemeinten Akteure aufzusuchen und Gespräche mit ihnen zu führen.

Einigkeit im Feindbild

Bereits zu Beginn des Buchs machen die beiden Journalisten deutlich, dass die Auffassungen und Konzepte, Lebensformen und Strategien dieser Personen durchaus unterschiedlich sind. Gleichwohl wird von der „Neuen Rechten“ gesprochen, weil sie ein Leitbild eine: „der Hass auf den Islam, die Kritik an Parteien und Eliten und die Sehnsucht nach einem starken Staat und einer homogenen, dezidiert-deutschen Kultur“ (S. 25). Darin würde aber auch eine Gemeinsamkeit mit dem traditionellen Rechtsextremismus bestehen. Es handelt sich dabei indes nicht um eine politikwissenschaftliche Abhandlung, sondern um einen journalistischen Recherchebericht.

Nach kurzen Ausführungen zu Ideologiemerkmalen und Strategien geht es dann zunächst um Personen als Protagonisten, wobei Jürgen Elsässer, Götz Kubitschek, Philip Stein, Dieter Stein und Björn Höcke gewürdigt werden. Man fragt sich allerdings, ob Höcke hier als „Ideologe“ und Stein als „Gehirn“ richtig etikettiert werden. Kubitschek ist demgegenüber treffend nur ein „Stratege“ und eben kein relevanter Vordenker.

AfD als „Arbeitsplatz-Schmiede“ für Szene-Angehörige

Dann berichten die Autoren über Pegida und die „Identitären“ mit ihrer Straßenpräsenz sowie über die Organisation „Ein Prozent“ und die „Bibliothek des Konservativismus“ als Anlaufstellen. Dass die AfD bei all dem eine herausragende Bedeutung hat, wird danach verdeutlicht. Nur als kleines Detail sei darauf hingewiesen, dass durch sie eine „Arbeitsplatz-Schmiede“ in den Parlamenten für nicht wenige Szene-Angehörige entstanden ist. Dies wird anhand von konkreten Beispielen plastisch veranschaulicht.

Auch die Aktivitäten im Internet finden große Aufmerksamkeit, sei dies bezogen auf Fake News-Verbreitung, Kommentarseiten oder Shitstorms, wobei auch die gedruckten Publikationsorgane von „Cato“ und „Compact“-Magazin über „eigentümlich frei“ und die „Junge Freiheit“ bis zu „Sezession“ und „Zuerst!“ angesprochen werden. Nur kurze Ausführungen findet man demgegenüber zu den Auslandskontakten und Geldgebern, wobei dies angesichts der nur wenigen öffentlich zugänglichen Informationen dazu verzeihlich ist.

Der „Riss in der Gesellschaft“

Am Ende des Buches schwirrt einem der Kopf angesichts der vielen Namen und Verbindungen. Gelegentlich versuchen Fuchs und Middelhoff mit Schaubildern, für die Leserschaft eine gewisse Ordnung zu schaffen. Aber auch das gelingt nicht immer. Dies hängt mit dem Berichtsstil in der Darstellung zusammen und mit den Unterschieden bei den Vorkenntnissen. Durchaus aufwendig haben die Autoren recherchiert und liefern viele Detailinformationen, wobei diese durch Belege in Fußnoten leider nicht nachgewiesen sind. Gleichwohl entsteht ein informatives und kompaktes Bild des gemeinten Phänomens. Dazu wäre sicherlich noch eine Art differenzierte Gesamteinschätzung wichtig gewesen. Der abschließende Kommentar, wonach die Neue Rechte einen „Riss in der Gesellschaft“ (S. 272) wolle, ist allerdings viel zu allgemein. Womöglich könnten die Graphiken auch wie ein Netzwerk in einem verschwörungsideologischen Sinne erscheinen. Das meinen die Autoren zwar nicht so, aber auch hierzu wäre eine bilanzierende Kommentierung ganz nützlich gewesen.

Christian Fuchs/Paul Middelhoff, Das Netzwerk der Neuen Rechten. Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern, Reinbek bei Hamburg 2019 (Rowohlt-Verlag), 283 S., 16,99 Euro.