Damals faschistische Agitatoren, heute rechtsextremistische Propagandisten

Von Armin Pfahl-Traughber
28.02.2021 -

Eine Analyse von Leo Löwenthal zu faschistischen Propagandisten erschien erneut. Abstrahiert man von zeitgenössischen Besonderheiten, kann man damit auch heutige rechtsextremistische Propaganda gut untersuchen.

Manchmal kann man in alten Büchern gute Erkenntnisse für die politische Gegenwart finden. Dies gilt auch für den Band „Falsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitation“, der als „Prophets of Deceit. A Study of the Techniques of the American Agitator“ erstmals 1949 erschien. Autor war der Kommunikationsforscher und Literatursoziologe Leo Löwenthal (1900-1993), der in Deutschland und dann im Exil am „Institut für Sozialforschung“ tätig war. Dementsprechend gehörte er mit zu den Begründern der Kritischen Theorie, wenngleich er nie so berühmt wie Theodor W. Adorno oder Max Horkheimer wurde.

Das gemeinte Buch erschien in einer u.a. von Horkheimer herausgegebenen Schriftenreihe „Studies in Prejudice“ und sollte agitatorische Propaganda in den USA aufarbeiten. Dort gab es in den 1930er und 1940er Jahren heute meist vergessene Politiker, die man in der Gegenwart wohl als Rechtspopulisten bezeichnen würde. Charles E. Coughlin oder Huey P. Long gehörten zu den noch bekannteren Protagonisten in diesem politischen Umfeld. Löwenthal widmete sich indessen deren heute unbekannteren Nachfolgern, die in den 1940er Jahren wirkten.

Analyse von der Reden und Pamphlete von Agitatoren

Löwenthal betrachtete sich deren Reden und betrieb Textanalyse. Er war der Auffassung, „dass der Agitator sich oft auf unbewusste Mechanismen verlässt, um sich das Handwerkszeug für die Manipulation seiner Zuhörer zu schaffen.“ Daher wollte Löwenthal „hinter die Kulissen des manifesten Inhalts seiner Reden und Pamphlete … dringen, um ihren latenten Inhalt aufzuspüren“. Einschränkend betonte der Autor, es handele sich dabei um eine experimentelle Arbeit, gehe es doch um einen kaum erforschten Untersuchungsgegenstand.

Dem ist bezüglich einer bestimmten Analyseweise noch bis in die Gegenwart so. Denn es sollte nicht allein oder primär um die Manipulationstechniken gehen, womit die gemeinten Agitatoren auf ihr Publikum einwirken wollten. Den schlichten Betrugsvorwurf lehnte Löwenthal für die Ursachenanalyse ab. Ihm ging es um die „Bestimmung der gesellschaftlichen und psychologischen Aspekte der Agitation mit den Mitteln der Isolation und die Beschreibung ihrer fundamentalen Themen“.

Beachtung des Hintergrundes einer gesellschaftlichen Malaise

Der Agitator, so eine bedeutsame Annahme, nähere sich nicht von außen, sondern bezogen auf die inneren Gedanken seiner Zuhörer. Dabei beziehe sich die Ansprache auf individuelle Eindrücke, die durch eine gesellschaftliche Malaise aufgekommen seien: Abhängigkeit, Ausgeschlossensein, Enttäuschung, Unbehagen. Darauf würden auch Reformer und Revolutionäre reagieren. Worin nun bei dem Agitator die Besonderheiten und Unterschiede liegen, genau das wollte Löwenthal durch seine Untersuchung ermitteln. Und mit dieser Blickrichtung durchforstete er Broschüren und Redetexte.

Dabei arbeitete der Autor immer wieder die gleichen Mechanismen auf, etwa wie durch Dualismus, Feindbilder und Emotionen der Glaube, Objekt einer permanenten Verschwörung zu sein, angesprochen wurde. Löwenthal analysierte detailliert mehr als zwanzig einzelne Themen. Immer wieder machte er dabei deutlich, warum der Antisemitismus hierbei eine so wichtige Rolle spielte. Im Judenhass konzentrierten sich viele Ressentiments und Stimmungen.

Anregungen auch zur Analyse von Höcke-Reden

Die analysierten Agitatoren sind heute vergessen, die Analyseergebnissen sollten es indessen nicht sein. Denn das, was Löwenthal als erkennbare Manipulationstechniken herausarbeitet und dabei als gesellschaftliche Stimmungen benennt, steht nicht nur für eine politische Vergangenheit. Die aufmerksame Lektüre lässt an den gegenwärtigen Rechtspopulismus denken. Man braucht nur bestimmte Bezüge zu verändern, dann würde man aktuelle Phänomene besser verstehen. Dies gilt auch für scheinbar randständige Aspekte, wie die Kapitalismuskritik. Sie beziehe sich auf einzelne Individuen, nicht auf die Produktionsweise.

Der latente Antisemitismus dabei war damals wie heute präsent. Als Anspruch formulierte Löwenthal für seine Untersuchung, sie wolle die psychologische und soziale Bedeutung derartige Propaganda bloßlegen. Genau dies ist dem Autor gelungen. Man kann mit seinem Buch auch gut Höcke-Reden analysieren und verstehen. Bedauerlich ist an der Neuedition nur, dass so wenige Hintergrundinformationen im Nachwort geliefert werden.

Leo Löwenthal, Falsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitation, Berlin 2021 (Suhrkamp-Verlag), 253 S.

 

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