Braunes Gedenken mit Hindernissen

Von Theo Schneider
21.08.2017 -

Rund 1000 Neonazis kamen zum Heß-Marsch in Berlin. Die Route war wegen Blockaden massiv verkürzt. Ihr Ziel – den Ort des ehemaligen Kriegsverbrechergefängnisses – konnten die Rechten nicht erreichen.

Heß-Gedenken am 19. August in Berlin-Spandau; Photo: Th.S.

Trotz monatelanger bundesweiter Mobilisierung und über zwei Dutzend Aufrufen in europäischen Sprachen kamen lediglich rund 1000 Neonazis am Samstag zum Heß-Marsch nach Berlin-Spandau. Damit blieb die Teilnehmerzahl angesichts der sichtlich bemühten Anstrengungen mit einer Vorfeldkampagne und des symbolträchtigen 30. Jahrestags von Heß’ Selbstmord im unteren Bereich des erwarteten Rahmens. Weitere 250 Neonazis aus Nordrhein-Westfalen und Thüringen blieben in Falkensee (Brandenburg) stecken, nachdem es zu Brandanschlägen auf der Bahnstrecke nach Berlin gekommen war.

Mit reichlich Verzögerung konnte der Aufzug am Samstag im Berliner Bezirk Spandau zunächst zwar immerhin beginnen. Doch weit sollten die Neonazis nicht kommen. Kaum war der Zug gestartet, musste er nach wenigen hundert Metern bereits unfreiwillig stoppen. Mehrere hundert Menschen hatten die Route blockiert, im weiteren Verlauf wuchs die Menge sogar noch auf über tausend an. Die Polizei sah sich nach anfänglichen Bemühungen nicht in der Lage, die Wegstrecke zu räumen und handelte mit den Neonazis eine Ausweichroute aus. Diese führte allerdings über einen kleinen Umweg schnell wieder zurück zum Bahnhof. Ihr anvisiertes Ziel, der Kaufhausparkplatz, an dem bis zum Selbstmord des Hitler-Stellvertreters das Spandauer Kriegsverbrechergefängnis stand, blieb den Rechten verwehrt.

NPD-Funktionäre als Versammlungsleiter

Das lange Warten sorgte für merklichen Frust bei den angereisten Neonazis, darunter nicht wenige Gewaltsuchende. Zeitgleich mit dem Einbiegen auf die Ausweichroute kam es an der Kreuzung Klosterstraße Ecke Altonaer Straße zu Angriffen aus dem Aufzug heraus auf Personen, die an der Wegstrecke standen. Vergleichsweise spät kam es zu einem Eingreifen der Polizei, die zunächst zwei an der Auseinandersetzung beteiligte Neonazis identifizieren und festnehmen konnte.

Anmelder des Aufzuges war Christian Malcocci (bnr.de berichtete), Versammlungsleiter vor Ort war jedoch der Chef der NPD-Mittelrhein Christian Häger. Zusammen mit Berlins NPD-Vize Sebastian Schmidtke, der auch die Moderation vom Lautsprecherwagen übernahm, leiteten sie die Veranstaltung. Unterstützt wurden sie dabei von der ehemaligen Berliner Funktionärin des „Rings Nationaler Frauen“ (RNF) Maria Fank sowie Neonazis aus Königs Wusterhausen und dem Landkreis Teltow-Fläming (Brandenburg) als Ordner.

Teilnehmer aus verschiedenen Bundesländern und Spektren

Zum Abschluss wurde eine 60-minütige Kundgebung durchgeführt. Als Redner traten dort neben Schmidtke der NPD-Historiker Olaf Rose, der britische Holocaust-Leugner Peter Rushton, der schon in Bad Nenndorf bei den dortigen Trauermärschen sprach, sowie Neonazis aus Frankreich und von der „Nordischen Widerstandsbewegung“ aus Schweden auf. Ansonsten blieb die Teilnahme aus anderen Ländern überschaubar: Ein Transparent war beschrieben mit „Kameraden aus Budapest“, ein Teilnehmer trug ein Shirt mit der Aufschrift „Wir für Österreich“.

Zahlreiche Neonazis aus unterschiedlichen Spektren waren jedoch deutschlandweit angereist. Es überwogen aber vor allem Anhänger der NPD: Aus Mecklenburg-Vorpommern kam eine Gruppe um den Landesvorsitzenden Stefan Köster. Am Fronttransparent, auf dem das Heß-Zitat „Ich bereue nichts“ prangte, marschierten Mitglieder der Jungen Nationaldemokraten (JN) Braunschweig. Aus Sachsen wurde ein eigenes Banner der JN mitgebracht, um das sich unter anderem  Maik Müller (JN-Stützpunktleiter Dresden) und Nele Schier (NPD-Moderatorin „Emma Stabel“) sammelten. Im gleichen Block lief auch der Leipziger Nils Larisch.

Auffällig war allerdings das Fehlen bundesweiter NPD-Prominenz. Nicht einmal Berlins NPD-Führung war geschlossen vor Ort, der Landesvorsitzende Uwe Meenen fehlte. Lediglich einzelne Aktivisten aus dem Berliner NPD-Vorstand wie Andreas Käfer, Nadine Leonhardt und Arne Dirksen nahmen teil.

Protagonisten der rechten Musikszene

Für „Die Rechte“ (DR) war unter anderem Michel Fischer (Vorsitzender in Thüringen) vor Ort. Auch ehemalige Mitglieder aus der verbotenen Kameradschaft „Frontbann24“, die sich danach als „Die Rechte Berlin“ neu zusammensetzte, waren zugegen, darunter der ehemalige Landesvorsitzende Uwe Dreisch. Besonders gering war die Beteiligung von Akteuren des „III. Wegs“. Lediglich der „Gebietsverbandsleiter Mitte“ Matthias Fischer und einige Berliner und Brandenburger Protagonisten der braunen Kleinstpartei waren gekommen. Berliner aus dem Kameradschaftsspektrum waren in kleinen Gruppen eher verstreut im Aufzug unterwegs, Neonazis aus dem früheren Netzwerk „NW-Berlin“ liefen beispielsweise mit dem bayerischen „Anti-Antifa“- Aktivisten Michael Reinhardt im hinteren Teil des Aufzuges. Die Anzahl von „Autonomen Nationalisten“ aus dem „Antikapitalistischen Kollektiv“ (AKK) blieb überschaubar, obwohl mehrere Gruppen im Vorfeld für den Aufzug geworben hatten.

Auch Protagonisten der rechten Musikszene, wie zum Beispiel Michael Regener („Lunikoff“) und Julian Fritsch („MaKss Damage“) befanden sich unter den Teilnehmern.

Spontanaufzug in Falkensee mit Riefling und Heise

Zeitgleich zum Heß-Marsch in Spandau zogen auch rund 250 Neonazis durch die Brandenburger Ortschaft Falkensee. Aufgrund von Brandanschlägen auf Bahnanlagen waren dort verschiedene Neonazi-Reisegruppen gestrandet.  Eine Gruppe von 120 Rechten, die mit Zug anreisten, blieb in Brieselang stehen. Von dort aus liefen sie nach Falkensee, wo andere Teilnehmer aus zwei Reisebussen bereits feststeckten.

Die Neonazis aus Norddeutschland, Thüringen und NRW, darunter Dieter Riefling (Hildesheim), Siegfried Borchardt (DR Dortmund), Claus Cremer (NRW-NPD) und Aktivisten der „Sektion Nordland“ bildeten dort zusammen einen spontanen Aufmarsch. Als Redner traten Thorsten Heise (NPD Thüringen) sowie der Düsseldorfer Kameradschaftsanführer Sven Skoda und der nordrhein-westfälische DR-Führungskader Sascha Krolzig  auf. Dabei kam es auch zu einem Angriff auf ein Büro der Grünen, bei dem eine Scheibe eingeworfen wurde.

Mehrere Neonazis festgenommen

Nach Angaben der Polizei kam es in Berlin insgesamt zu 35 Festnahmen aufseiten der Neonazis. Allein zwölf wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen. Andere wurde wegen Verstößen gegen das Versammlungsgesetz, Körperverletzungen, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Landfriedensbruch und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz herausgezogen.

Unter den Festgenommenen war unter anderem der frühere DR-Vize in Berlin, Patrick Krüger, der erst in der vergangenen Woche nach einer Jagd auf Flüchtlingshelfer zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verurteilt worden war. Wegen der Beteiligung an einer gewalttätigen Auseinandersetzung nach Ende des Aufmarsches am Bahnhof Spandau wurde der Mecklenburger Neonazi und ehemalige  NPD-Fraktionsgeschäftsführer Michael Grewe abgeführt, ebenfalls kein unbeschriebenes Blatt in dieser Hinsicht. (bnr.de berichtete) Auch den langjährigen sächsische Neonazi-Kader Riccardo Sturm, der im regionalen Hooligan-Milieu unterwegs ist und zu den rechten Randalierern Anfang 2016 in Leipzig-Connewitz gehörte,  nahm die Polizei am Samstag in Gewahrsam.

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