„Brückenspektrum“ für Konservative

Von Armin Pfahl-Traughber
02.10.2019 -

„Criticon“ als publizistisches Forum für demokratische und extremistische Konservative. Auch Alexander Gauland war in seiner politischen Vergangenheit Autor in dem bis 2007 erschienenen Theorieorgan.

Auch Alexander Gauland schrieb früher immer wieder mal für „Criticon“; Photo (Archiv): bnr.de

Gegenwärtig gibt es eine Debatte darüber, ob die AfD eine bürgerliche Partei ist. Sie selbst beansprucht diese Bezeichnung, die CDU/CSU verwahrt sich dagegen. Doch bleibt unklar, was mit „bürgerlich“ gemeint ist. Häufig wird damit eine konservative und pro-marktwirtschaftliche Auffassung mit höherer sozialer Zugehörigkeit verbunden. Aber auch so handelt es sich um ein eher diffuses Verständnis. Unabhängig von der Definitionsfrage kann aus historischer Sicht konstatiert werden, dass politisch „Bürgerliche“ nicht unbedingt immer für den demokratischen Verfassungsstaat waren. Bekanntlich gab es eine Machübertragung an die Nationalsozialisten, wobei das deutschnationalistische „Bürgertum“ eine tragende Rolle spielte. Nicht anders verhielt es sich in Italien, gab es doch einschlägige Bündnispartner für Mussolini. Insofern sollte auch aus ideen- und realgeschichtlichen Gründen anders unterschieden werden: ein demokratischer und extremistischer Konservativismus.

„Sezession“ knüpft heute daran an

Während die erstgenannte Ausrichtung seit Mitte des 20. Jahrhunderts dominiert, galt dies zuvor für eine antidemokratische Ausrichtung im Konservativismus. Die beiden Deutungen kann man zwar idealtypisch von den Positionen trennscharf unterscheiden, in der Realität war dem aber keineswegs immer so. Umso bedeutsamer ist es, dass sich die demokratischen von den extremistischen Konservativen distanzieren. Gleichwohl gab und gibt es hier ein „Brückenspektrum“ in diesem politischen Lager. In ihm bewegte sich Alexander Gauland, der heutige Co-AfD-Fraktions- und Parteivorsitzende, bereits in seiner politischen Vergangenheit. Er gehörte bekanntlich früher der CDU an und hatte in Hessen hohe Staatsfunktionen inne. Gleichzeitig schrieb er immer mal wieder Artikel und Aufsätze in „Criticon“, einem konservativen Theorieorgan. Erkennbar knüpft heute die von dem Institut für Staatspolitik herausgegebene neurechte „Sezession“ daran an. Dies ist Grund genug, daran zu erinnern.

„Langfristiger Umbau des deutschen Charakters“

Anfang der 1970er Jahre setzte als Abwehrreaktion auf die Achtundsechziger-Bewegung und die Brandt-Regierung innerhalb des Konservativismus eine stärkere Orientierung an Theoriearbeit ein. Dafür bildete „Criticon“ ein publizistisches Forum, schrieben darin doch demokratische wie extremistische Autoren dieses politischen Lagers. Gegründet wurde es 1970 von Caspar von Schrenck-Notzing, der als Großaktionär von BASF und WMF über genügend finanzielle Mittel verfügte. Durch sein Buch „Charakterwäsche“ über die frühere US-amerikanische Besatzungspolitik in Deutschland wurde er 1965 bekannt. Darin hatte Schrenck-Notzing behauptet: „Die Charakterreformer hatten nichts anderes im Sinne als den langfristigen Umbau des deutschen Charakters.“ Ihnen sei es dabei um eine „Endlösung der deutschen Frage“ mit einer „antigermanischen liberalen Ideologie“ gegangen, womit eine moderne Demokratie als politisches System gemeint war.

Nichtnationalsozialistische Form des Rechtsextremismus

Demnach artikulierte sich hier ein besonderer Konservativismus, der als eine nicht-nationalsozialistische Form des Rechtsextremismus gelten kann. Derartige Auffassungen fanden fortan in „Criticon“ ebenso wie bei Publizisten rechts von den Unionsparteien einen Raum. Insofern lässt sich das Publikationsorgan weder extremismus- noch ideologietheoretisch eindeutig verorten. Für die extremistischen Autoren standen Personen, die sich am Gedankengut der „Jungkonservativen“ beziehungsweise der „Konservativen Revolution“ der Weimarer Republik orientierten. Der „zweite Mann“ von „Criticon“, Armin Mohler, spielte hierbei eine herausragende Rolle. Er bekannte später als Antwort auf die Frage in einem Interview ganz offen, ein „Faschist“ zu sein. Mohler förderte jüngere Publizisten mit einschlägiger Orientierung. Dazu gehörte auch Karlheinz Weißmann, der heute in der „Jungen Freiheit“ Stammautor ist und als ein „Kopf“ der Neuen Rechten gilt.

Inner-konservativer Pluralismus gewahrt

Zwar dürfte „Criticon“ nie eine Auflage von über 10.000 Exemplaren erreicht haben. Den Herausgebern ging es aber nicht um ein Massenblatt, wollte man doch die gesellschaftliche Elite als Zielpublikum finden. Kulturell-politische Entwicklungen sollten frühzeitig erkannt werden, um sie im eigenen ideologisch-politischen Sinne gestalten zu können. Dabei wahrten die Herausgeber einen inner-konservativen Pluralismus. Zu den regelmäßigen Autoren gehörten Politiker der CDU/CSU wie eben damals Alexander Gauland oder Hans Graf Huyn ebenso wie den Unionsparteien nahestehende Wissenschaftler wie Klaus Hornung oder Günter Rohrmoser. Es gab auch katholische Fundamentalisten wie Friedrich Romig, offene Ablehner des Grundgesetzes wie Günter Maschke, selbst ernannte „Nationalmarxisten“ wie Reinhold Oberlercher oder Protagonisten eines neuen Staufer-Reichs wie Hans-Dietrich Sander. Ab Ende der 1990er Jahre verlor „Criticon“ an Bedeutung. 2007 erschien die letzte Printausgabe.