Beiträge zum „Kulturkampf von rechts“

Von Armin Pfahl-Traughber
19.02.2019 -

Der Verlag Antaios veröffentlicht eine neue „kaplaken“-Staffel zum ideologischen Selbstverständnis der Neuen Rechten.

Schriftenreihe „kaplaken“, Beiträge zum neurechten Diskurs; (Screenshot)

Dem Komplex um das Institut für Staatspolitik lässt sich nicht nur das Publikationsorgan „Sezession“, sondern auch der Verlag Antaios zurechnen. In ihm erscheinen kontinuierlich Bücher von Repräsentanten der Neuen Rechten oder ideologisch verwandten Richtungen. Dazu gehören auch Nachdrucke literarischer Werke, sofern sie in den Diskursrahmen des Instituts passen. Eine Besonderheit stellt die Schriftenreihe „kaplaken“ dar, wo mittlerweile 60 Bände erschienen sind. Es handelt sich jeweils um gebundene Bücher von 15,5 Zentimeter mal 11 Zentimeter-Größe mit einem Umfang von knapp unter 100 Seiten. Der Preis liegt aktuell bei 8,50 Euro. Damit hat das Institut ein Publikationsforum gefunden, worin in knapper Form einige Grundpositionen zum politischen Selbstverständnis vorgetragen werden können. In den letzten Jahren veröffentlichte man meist gleich drei Bände zusammen und bot sie als „Staffel“ für 20 Euro an. Die letzten Bände kamen jetzt als „20. Staffel“ mit den Nummern 58, 59 und 60 heraus.

„Rechte“ Gegenmodelle zu „Europa“

Band 58 heißt „Europaradikal. Konzepte einer europäischen Zukunft“, geschrieben von Till-Lucas Wessels, einem jüngeren Stammautor der „Sezession“. Der Autor beklagt darin das „altnationalistische Gebrummel“ in der „rechten Europadebatte“ (S. 7), sofern man überhaupt von einer solchen reden könne. Um der „Entortung … der Menschen“ und einem „gesellschaftlichen Solidaritätsvakuum“ (S. 9) entgegen zu wirken, bedürfe es „Europa“. Damit soll aber nicht das gegenwärtige EU-Europa gemeint sein, was von Wessels zunächst kritisiert wird. Dem folgen Beschreibungen von „rechten“ Gegenmodellen vom „Europa der Vaterländer“ über „Eurasien“ und der „europäischen Nation“ bis hin zum „Regionalismus“. Abschließend benennt der Autor dann seine Alternative, ein Europa der „Nationalstaaten nach oben hin zu großen Provinzen“ (S. 90) zusammengeschlossen und zwar als „Reich“ (S. 95). Bei all dem wird auf einen Mix an geistigen Vorbildern verwiesen, wozu auch erklärtermaßen Eurofaschisten wie Julius Evola und Oswald Mosley gehören sollen (vgl. S. 95).

Libertäre „Staatsskepsis“

Da der nächste Band aus einer „libertäreren“ Perspektive geschrieben wurde, bedarf es zu dieser ideenpolitischen Auffassung zunächst einer kurzen Erläuterung: Denn hierbei handelt es sich um eine etwas ungewöhnliche Denkrichtung, die noch dazu die unterschiedlichsten Varianten kennt. Gemeinsam sind allen Erscheinungsformen die Freiheitsfixierung und die Staatsferne, wobei sich eine linke und rechte Richtung wie eine antistaatliche und minimalstaatliche Strömung unterscheiden lassen. Beachtung soll hier aber nur die rechte Variante finden. Sie betont insbesondere die Eigentumsrechte und lehnt Interventionen des Staates ab, wobei sich diese Auffassung vor allem gegen den Sozialstaat und Umverteilungen richtet. Darin sieht man einen Ausdruck von Diktatur und Unfreiheit. In Deutschland bilden derartige Libertäre im Unterschied zu den USA nur eine weniger relevante Minderheit. Deren Akteure finden in der Monatszeitschrift „eigentümlich frei“ ein Publikationsforum, das bei den Feindbildern ideologische Gemeinsamkeiten mit der Neuen Rechten aufweist.

„Verfassungsentwurf“ für eine „erfolgreich organisierte Privatrechtsgesellschaft“

Als Band 59 erschien „Bürger zweier Welten. Ein libertärer Entwurf“ von Peter J. Preusse, der häufiger Artikel in „eigentümlich frei“ veröffentlichte. In dem Buch geht er zunächst auf „Gemeinschaften“ und „Gesellschaft“ als Formen sozialen Lebens ein und fragt nach deren Gemeinsamkeiten und Unterschieden – ohne dabei aber hier naheliegende soziologische Klassiker wie Ferdinand Tönnies zu bemühen. In der „Gefangenschaft“ erblickt Preusse danach noch eine weitere Variante, wobei damit eine Einmischung in Eigentumsrechte durch den Staat gesehen werden soll. Dem allen gegenüber will der Autor für das „Funktionieren einer Territorialgesellschaft“ einen „Verfassungsentwurf“ (S. 87) vorlegen, welcher zu einer „erfolgreich organisierten Privatrechtsgesellschaft“ (S. 90) führen solle. Dabei durchzieht die Auffassung, wonach „Gerechtigkeit als Gleichheit“ den „Gesamterfolg der Wirtschaft nachhaltig zerstört“ (S. 30), den Text. Die absonderliche Gedankenführung ist angesichts der „libertären“ Staatsskepsis indessen mit der Neuen Rechten nicht kompatibel.

„Grenzenlosigkeit“ der Gegenwart

Und als Band 60 kam „Carl Schmitts ‚Land und Meer‘“ von Alain de Benoist heraus. Letzterer kann als eine Art „Gründungsvater“ der Neuen Rechten gelten. Das Buch enthält die Einführung zur französischen Ausgabe der Schrift des Staatsrechtlers und will somit den ideen- und realgeschichtlichen Hintergrund des Werkes thematisieren. In dem 1942 erschienen „Land und Meer“ hatte Schmitt die Auffassung vertreten, dass der Kampf von Land- und Seemächten die Weltgeschichte präge. Das in dem Buch „Der Nomos der Erde“ von 1950 entwickelte Raumdenken hatte hier einen geistigen Vorläufer. Benoist liefert zu all dem eine Einführung, kommentiert dazu aber auch aus seiner Sicht. So beklagt er die „Grenzenlosigkeit“ der Gegenwart, welche sich durch den „‘maritimen‘ Geist“ (S. 77) und sein Vordringen erkläre. Auffällig ist in dem Band, dass Benoist zwar die Differenzen der Nationalsozialisten zu Schmitt erwähnt, er aber nicht auf dessen herausragende Bedeutung bei der staatsrechtlichen Legitimation der NS-Diktatur zwischen 1933 und 1936 eingeht.

Alle drei Bände sollen nach dem Selbstverständnis des Verlags Antaios zur „Kulturrevolution von rechts“ beitragen. Benoists Buch erinnert an den bedeutendsten politischen Klassiker der Neuen Rechten, gibt es dort doch einen Kult um den früheren Staatsrechtler. Seine eindimensionale Deutung internationaler Konflikte wird dabei aber ebenso wenig problematisiert wie die diktatorischen Konsequenzen in seinen sonstigen Werken. Wessels Europabetrachtungen wollen demgegenüber für die Neue Rechte neue Wege aufzeigen, beschwört sie doch Europa als Identitätsbezug, aber ohne davon eine klare Vorstellung zu haben. Diese präsentiert auch Wessels nicht, er skizziert dafür aber Ansätze einschlägiger Konzepte. Etwas unpassend wirkt Preusses „libertärer Entwurf“, gibt es doch zwischen Neuer Rechter und Rechtslibertären gemeinsame Feindbilder, aber weniger Übereinstimmung. Gleichwohl beabsichtigen beide, wie Götz Kubitschek einmal schrieb (Sezession, Nr. 3/2003, S. 45), eine „Umwälzung der Umwälzung“.