Begräbnisstätte für Völkische

Von Julian Feldmann
16.06.2017 -

Auf einer „Ahnenstätte“ im ostwestfälischen Seelenfeld (Kreis Minden-Lübbecke) werden seit der Weimarer Zeit vor allem völkische Ludendorff-Anhänger beigesetzt – zu einem „Ahnenstätten“-Treffen kamen auch bekannte Rechtsextremisten.

 

Auf der „Ahnenstätte Seelenfeld“ wollte schon Erich Ludendorff begraben werden; Photo: Julian Feldmann

Hier auf dem neuheidnischen Friedhof im Tannenberger Grund, in idyllischer Heidelandschaft außerhalb des Ortes, wollte einst schon Erich Ludendorff begraben werden. Das war dem Erste-Weltkriegs-General nicht vergönnt, nach seinem Tod 1937 bekam er ein von Adolf Hitler angeordnetes Staatsbegräbnis im oberbayerischen Tutzing. Bereits 1930 war die „Ahnenstätte Seelenfeld“ von Anhängern des völkisch-antisemitischen Tannenbergbundes (Schirmherr: Ludendorff) auf einem germanischen Hügelgräberfeld ins Leben gerufen worden. Erich Ludendorff und seine Frau Mathilde hatten Seelenfeld während der Weimarer Republik auch selbst besucht. In dem Ort war ein großer Teil der Bevölkerung aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Eine Tannenbergbund-Publikation schwärmte 1932: „Dieses herrliche Fleckchen deutscher Erde hat die Deutschvolkgemeinde Seelenfeld als Begräbnisstätte für ihre Toten bestimmt.“

Auf der „Ahnenstätte“ selbst dominiert völkische Symbolik. Keine christlichen Zeichen, keine Kreuze. Der „Deutschvolk-Adler“, bis heute Zeichen der „Ludendorffer“, ist nicht nur auf Grabsteinen zu sehen, sondern auch in Sandstein gemeißelt über dem Eingang zum Geräteschuppen. Der Verein „Deutschvolk“ war der Vorläufer des „Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)“, der bis heute die völkische Ideologie Mathilde Ludendorffs verbreitet. Auf vielen Grabsteinen sind die Geburts- und Sterbedaten mit Runen gekennzeichnet. Einige „Ludendorffer“ haben bereits ihren Grabstein, obgleich sie noch unter den Lebenden weilen. Der Friedhof, auf dem zahlreiche große Findlinge liegen, wird seit 2008 erweitert – offenbar gibt es eine große Nachfrage.

Deutsche Schäferhunde vor dem Tor

Vor dem Eingangstor zur „Ahnenstätte“ wachen am vergangenen Sonntag zwei Deutsche Schäferhunde. Mehr als 80 Personen besichtigen die Begräbnisstätte an diesem Tag, sie kamen zu einer internen Veranstaltung der „Ahnenstätte“. Die Hunde gehören zu einem umtriebigen Rechtsextremisten aus Niedersachsen: Wolfram Schiedewitz aus Seevetal (Kreis Harburg) wird vom Verfassungsschutz als einer der Funktionäre der Szene beobachtet, denn er führt den rechtsextremen „Verein Gedächtnisstätte“ an, der im thüringischen Guthmannshausen (Kreis Sömmerda) ein Zentrum für Geschichtsrevisionisten betreibt. „Schiedewitz sieht Deutschland im ‚Krieg‘, dessen Ziel die ‚Umzüchtung der Deutschen‘ und der Zerstörung des ‚deutschen Nationalismus‘ sei“, schreibt der niedersächsische Verfassungsschutz. „Unter dem Deckmantel des Gedenkens an die deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs“ agitiere der Schiedewitz‘ Vereinigung „gegen den demokratischen Verfassungsstaat“.

Im 300-Seelen-Dorf Seelenfeld bei Petershagen, im äußersten Nordosten Nordrhein-Westfalens, versammelten sich am vergangenen Wochenende Völkische aus ganz Nord- und Westdeutschland. Vor allem aus Ostwestfalen-Lippe und den angrenzenden niedersächsischen Landkreisen reisten die Teilnehmer an. Aber auch aus Düsseldorf, Münster, Braunschweig, Bremen, Hamburg, Northeim, der Lüneburger Heide und Schleswig-Holstein kamen teilweise ganze Familien. Jung bis Alt trafen sich am Vormittag im Seelenfelder Gasthaus Strahs. Dort lauschten sie einem Vortrag über die Archäologie des Bestattungswesens von der Steinzeit bis zur Neuzeit. Dann ging es auf die „Ahnenstätte“.

„Ahnenstätten“-Verein eng mit der völkischen Szene verbunden

Als Organisator vor Ort trat Udo David auf, ein ehemaliger Realschullehrer. David ist Mitglied im Verein „Ludendorff-Gedenkstätte“, der sich um das ehemalige Landhaus des Ehepaars Ludendorff in Tutzing am Starnberger See in Oberbayern kümmert. Die „Villa Ludendorff“ dient den Ludendorff-Anhängern bis heute als eine Art Schrein. Bilder zeigen David auch als Teilnehmer von Veranstaltungen des rechtsextremen „Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)“, er sitzt im Vorstand des Betreibervereins der „Ahnenstätte Seelenfeld“. Der „Ahnenstätten“-Verein ist eng mit der völkischen Szene in Ostwestfalen-Lippe verbunden, mehrere ehemalige Vorstandsmitglieder waren auch in rechten Vereinigungen wie dem „Bund Deutsche Heimat“ aktiv.

Nicht alle Teilnehmer und Angehörigen der „Ahnenstätte Seelenfeld“ stammen aus dem völkischen Milieu, doch viele kommen aus Familien, die tief verstrickt sind in die rechte Szene. Auch Anhänger des „Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)“ sind dabei. Bei einer ähnlichen Versammlung 2008 trat als Referent Nordfried Preisinger aus Schleswig-Holstein auf. Der „Ludendorffer“ setzt sich seit Jahren für die Jugenderziehung im Sinne Mathilde Ludendorffs ein.

Großen Andrang gibt es alle paar Jahre in Seelenfeld, so auch im Sommer 2010. Zu einem Vortrag mit dem Titel „Hermann der Cherusker und Erich Ludendorff – zwei deutsche Feldherren, die Weltgeschichte gestaltet haben“ und einem gemeinsamen Mittagessen trafen sich damals mehr als 120 Personen im örtlichen Gasthaus.

„Autonome Nationalisten“ in der „Ahnenstätte“

Zu der „geschlossenen Veranstaltung“ hatte Helge Ohlsen eingeladen, der als Ansprechpartner der Deutschen Hochschulgilde „Gorch Fock zu Hamburg“ fungierte und Leserbriefe in der rechten „Jungen Freiheit“ schrieb. Ein Aufsatz von Ohlsen erschien 2009 in der rechtsextremen Zeitschrift „Mensch und Maß“. Heute ist Ohlsen Vorsitzender des „Ahnenstätten“-Vereins.

Neben Familienverbänden aus ganz Deutschland fanden 2010 auch Neonazis aus dem Ruhrgebiet den Weg nach Seelenfeld. Eine Gruppe „Autonomer Nationalisten“ um Dennis Giemsch, Michael Brück, Christoph Drewer und Alexander Deptolla. Die Aktivisten des als gewaltbereit geltenden „Nationalen Widerstands Dortmund“, der inzwischen verboten ist, besuchten auch die „Ahnenstätte“ und lauschten dort einem Vortrag von Udo David.

In der Region scheint die „Ahnenstätte Seelenfeld“ allerdings kaum auf Kritik zu stoßen. Sowohl die Stadt Petershagen als auch der Landkreis Minden-Lübbecke empfehlen die neuheidnische Begräbnisstätte als Ausflugsziel. Darauf hingewiesen, dass der Friedhof von Angehörigen der völkischen Bewegung angelegt wurde und auch die heutigen Betreiber noch eng mit der rechten Szene verbandelt sind, fehlt. Auch auf den Hinweistafeln am Eingang fehlt eine historische Einordnung.

Weitere Artikel

Braunes Ostertreiben

29.03.2016 -

Die Ostertagung des völkischen „Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)“ (BfG) in der Lüneburger Heide haben auch Rechtsextremisten dem europäischen Ausland besucht.

Völkische Ostern

22.04.2014 -

Wie jedes Jahr haben sich am Osterwochenende Rechtsextremisten aus ganz Deutschland in der Lüneburger Heide getroffen. Doch dieses Mal waren deutlich weniger Teilnehmer erschienen.

Völkische Ideologie im Ferienlager

28.11.2011 -

Kindererziehung steht bei der antisemitischen, rassistischen „Ludendorff-Bewegung“ ganz oben auf der Agenda – regelmäßig werden für die Anhänger auch „philosophische“ Schulungen organisiert.

Urdeutsche Weihnachten

12.12.2013 -

Viele Familien mit Kindern haben am Wochenende an einer Weihnachtsfeier des rechtsextremen „Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)“ (BfG) in Baden-Württemberg teilgenommen.