Bedenkliche Gewaltphantasien

Von Armin Pfahl-Traughber
11.04.2019 -

Gibt es eine gerade Linie von Camus zu Tarrant? Der „Große Austausch“-Diskurs und die rechtsterroristischen Morde in Neuseeland.

Hat Camus' Essay den Massenmörder Tarrant zu seinen Taten motiviert? (Screenshot)

„Der Große Austausch“ lautet der Titel des „Manifestes“ des australischen Rechtsterroristen Brenton Tarrant, der am 15. März dieses Jahres 50 Muslime in Christchurch auf Neuseeland ermordete. „Der Große Austausch“ lautet auch der Titel eines einflussreichen Essays, der von dem französischen Publizisten Renauld Camus 2011 veröffentlicht wurde. In beiden Fällen unterstellt man, dass die einheimische Bevölkerung durch eine migrantische Bevölkerung ersetzt werden solle. Hat nun Camus' Schrift den Massenmörder Tarrant zu seinen Taten motiviert?

Es gibt dazu noch einen besonderen Gesichtspunkt, der eine solche Wirkung nahelegt. Die deutschsprachige Ausgabe von Camus‘ Essay erschien im Verlag Antaios und auf dem Cover finden sich Fahnen der „Identitären“. Mittlerweile wurde bekannt, dass die österreichischen „Identitären“ Anfang 2018 von Tarrant eine Spende von um die 1500 Euro erhalten hatten. Damit stellt sich noch mehr die Frage, inwieweit die Gedanken die Taten beeinflussten beziehungsweise Camus dann Tarrant beeinflusste? Kann eine gerade Linie in der Wirkung gezogen werden?

Nachwort von Martin Sellner

So einfach verhält es sich indessen nicht, besteht doch ganz allgemein zwischen Einstellung und Handlung ebenso wie zwischen Gedanke und Tat ein Unterschied. Um hier differenzierter zu argumentieren, soll zunächst Camus‘ Position dargestellt und kommentiert werden: Der 1946 geborene Publizist war zunächst nur aufgrund von Büchern zur Homosexualität bekannt geworden, veröffentlichte dann aber auch stärker Stellungnahmen mit migrationsfeindlicher Stoßrichtung. Diese brachten ihm den Ruf ein, ein Stichwortgeber des „Front National“ zu sein. Dabei hatte er selbst 2002 mit der „Parti de l’In-nocence“ (ungefähr: „Partei der Schadlosigkeit“) eine eigene Partei gegründet, welche aber als politische Kraft wie bei Wahlkandidaturen bedeutungslos blieb. 2011 erschien der erwähnte Essay „Der große Austausch oder: die Auflösung der Völker“, der in deutscher Übersetzung in dem Sammelband „Revolte gegen den großen Austausch“ herauskam. Das Nachwort schrieb mit Martin Sellner der bekannteste deutschsprachige Repräsentant der „Identitären“.

Einheimische durch migrantische Bevölkerung ersetzen

Camus beklagte in dem eher unstrukturiert gehaltenen Text, dass eben die einheimische durch eine migrantische Bevölkerung ersetzt werde. Er bemühte dabei keine Daten oder Statistiken, sondern verwies auf Alltagswahrnehmungen oder Milieus. Dabei benutzte Camus immer wieder Formulierungen wie „Eroberung“, „Gegen-Kolonisation“, „Kolonisation“ oder „Unterwerfung“. Unklar blieb indessen, wie der beklagte Entwicklungsprozess eigentlich entstanden sein soll: War dieser eine Folge von individueller Migration? Oder stand hinter all dem ein Plan? Die Formulierung „Großer Austausch“ legt eigentlich Letzteres nahe, denn ein „Austausch“ ist immer eine bewusste Handlung. Und dann muss es dafür auch einen Akteur geben. Camus kritisierte „den Zwang eines reinen Ökonomismus“ (S. 57) und sprach dann von den „Herren des internationalen Handels“, welche eine „Welt ohne Nationen“ (S. 60) wollten. Dass hierin ein latenter Antisemitismus enthalten sein kann, macht die spätere Rede von dem „Verhalten der jüdischen Gemeinschaft“ (S. 62) deutlich.

Konspirationsideologische Dimension des Diskurses

Konkreter wird Camus allerdings nicht. Insofern bleibt unklar, wer genau wie den „Großen Austausch“ beschlossen hat. Nur vorsichtig wird angedeutet, dass dabei eine politische und wirtschaftliche Elite eine Rolle gespielt haben dürften. Doch wie soll man sich das genau vorstellen. Um es etwas polemisch zuzuspitzen, könnte gefragt werden: Trafen sich Juncker und Merkel mit Juden und Freimaurern? Die konspirationsideologische Dimension des „Großer Austausch“-Diskurses ist unverkennbar.

Etwas konkreter wird Camus, wenn es um Forderungen geht: „Wir müssen der Einwanderung ein sofortiges und nachhaltiges Ende bereiten und eine energische Rückführung des Einwandererstroms einleiten“ (S. 132). Es solle Einschränkungen bei der Verleihung der Staatsbürgerschaft geben, rechtliche Unterschiede von Staatsbürgern und Nichtstaatsbürgern sollten deutlicher werden, sozialstaatliche Anreize für eine Immigration sollten ersatzlos gestrichen werden, und das Abstammungsprinzip solle das Geburtsprinzip ersetzen. Insofern liefert Camus ein konkretes Programm.

Dramatisierung gesellschaftlicher Entwicklungen

Damit soll auf die Ausgangsfragestellung zurückgekommen werden: Inwieweit beeinflusste sein „Großer Austausch“-Essay die mörderischen Taten von Tarrant? Dabei kann zunächst konstatiert werden, dass Camus nicht zu Gewalthandlungen aufrief, sondern über Gesetzesveränderungen einen Wandel bewirken wollte. Er nimmt aber eine fremdenfeindliche Einstellung im engeren Sinne ein, empört ihn doch eine angebliche Gleichstellung mit anderen Kulturen. Auch verweist Camus gegenüber Migranten abwertend auf deren angebliches Sozialverhalten. Dies geschieht alles, ohne damit Gewaltforderungen zu verbinden. Insofern kann hier keine gerade Linie von Camus zu Tarrant gezogen werden. Diese Aussage bezieht sich aber nur auf den Handlungsstil, nicht auf die Ideologie. Denn hier bestehen sehr wohl Gemeinsamkeiten, die sich aus einer besonderen Deutung der sozialen Entwicklung in einer differenzierten Migrationsgesellschaft ergeben. Sowohl Camus wie Tarrant sind eine dramatisierende rigorose Negativzeichnung eigen.

Darüber hinaus muss bedacht werden, dass auch unabhängig von dem Essay die Formulierung „Großer Austausch“ im rechtsextremistischen Lager weltweit verbreitet ist. Auch in Deutschland findet sich ein einschlägiger Diskurs von der AfD bis zur NPD, von der Neuen Rechten bis zur Neonazi-Szene, von den „Identitären“ (bnr.de berichtete) bis zu den „Reichsbürgern“. Die jeweiligen Akteure haben dann auch bezogen auf das „Große Austausch“-Verständnis noch Veränderungen vorgenommen. Es gibt mal mehr, mal weniger konspirationsideologische Elemente, es gibt mal mehr, mal weniger bedenkliche Gewaltphantasien. Letztere können Camus nicht direkt zugeschrieben werden, gleichwohl erlaubt seine Dramatisierung gesellschaftlicher Entwicklungen solche Rezeptionen. An einer klaren Distanzierung von so etwas mangelte es in seinem Essay, und insofern kann auch bei der Diskurswahrnehmung ein Gewaltbezug erfolgen. Genau um einen solchen Effekt hat es sich offenbar bei dem Massenmörder Tarrant gehandelt, der den „Großen Austausch“ als Rechtfertigung für seine Taten ansah.